Israel-Exkursion 2017

Inter-religiöse Begegnungen in Israel und Palästina

Inhalt

Tag 6: Der Vormittag

Nach leichter Verspätung machten wir uns um 8.15 Uhr auf den Weg auf die 1 1/2 stündige Fahrt ins Westjordanland. Dort hatten wir die Möglichkeit, die bereits in der Bibel erwähnten Orte Nablus und Berg Garizim (Sichem) zu besichtigen. Während der Fahrt erzählte uns unser Reiseleiter von der Mauer, die das Westjordanland von Israel trennt. Diese 700 Kilometer lange Grenze ist nur zu 20% eine Mauer aus Beton, welche wir bisher täglich passiert haben, der Rest besteht aus einem Stacheldrahtzaun. Diese Barriere verhindert, dass Palästinenser ohne Weiteres nach Israel reisen können. Um nach Israel einzureisen, müssen sie eine Erlaubnis vorweisen, die jedoch nicht leicht zu erhalten ist. Dennoch wird von vielen Palästinensern versucht, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, da sie in Israel besser bezahlt werden. Das Durchschnittseinkommen in Palästina liegt bei etwa 600 € – in Israel bei durchschnittlich etwa 3000 €.

Die Route nach Nablus führte uns ebenfalls an Beth El (bei Ramallah) vorbei. Die Stadt gilt als Handelszentrum der Palästinenser und als inoffizielle Hauptstadt. Die Immobilienpreise sind hier auf ein Vielfaches angestiegen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Die Mittelschicht ist zum Großteil weggezogen, Beth El wird nun hauptsächlich von der Ober- und Unterschicht bewohnt.

Betrachtet man die Landschaft während der 1 ½ stündigen Busfahrt, so fallen die vielen Terrassen und Olivenbäume auf. Diese werden von Palästinensern bewirtschaftet. Kurz vor der Ernte kommt es teilweise zu Zwischenfällen mit Siedlern, wie uns der Reiseleiter erklärt. So mindern die Siedler den Ertrag durch die Schädigung der Pflanzen.

Kurz nach 10 Uhr erreichten wir die erste Station des Tages – den Jakobsbrunnen in Nablus. Die Stadt hat um die 200.000 Einwohner und wird zum Großteil von Arabern bewohnt. An der Stelle des Jakobsbrunnens wurde eine griechisch-orthodoxe Kirche errichtet, die jedoch mehrfach zerstört wurde: Eine Kirche ist in diesem muslimischen Ort unerwünscht. Auch heute noch ist der Platz für Christen nicht ganz ungefährlich. Bevor wir den Bus verlassen, werden wir nochmal daraufhin gewiesen, dass wir in der Öffentlichkeit nichts essen und trinken sollten, da wir uns im Fastenmonat Ramadan befinden. Die weiblichen Teilnehmerinnen hüllten sich bei über 30 Grad, wie inzwischen gewohnt, in Tücher. Bevor wir die Kirche betraten, um zu dem Jakobsbrunnen zu gelangen, betrachteten wir das Mosaik vor dem Eingang und riefen uns die Jesusgeschichte in Erinnerung (Joh 4). Jesus war auf der Durchreise von Judaä nach Galiläa und musste Samarien passieren. Bei seiner Rast am Jakobsbrunnen traf er auf eine samaritanische Frau. Obgleich Juden und Samariter nicht miteinander verkehrten, bat Jesus sie um Wasser. Die Geschichte zeigte uns, wie missverständlich Symbolsprache sein kann – und wie Jesus zum Kern der Lebensgeschichten von Menschen vordringt.

Am Jakobsbrunnen holte uns unser Reiseleiter Wasser aus dem Brunnen, das wir trinken konnten, und erklärte uns, dass Jesus sich möglicherweise genau an dieser Stelle mit der Samariterin unterhalten hatte.

Nach dem Besuch dieser besonderen Stätte überquerten wir die Straße, um ins Flüchtlingslager Balata zu gelangen, in dem uns Mariam über die dortige Situation palästinensischer Flüchtlinge berichtete. Mariam ist eine Bewohnerin des Flüchtlingslagers und ist dort im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit des Camps tätig. Das Gespräch eröffnete uns eine weitere, neue Perspektive auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der Gang durch das Flüchtlingslager bewegte uns sehr, da die Zustände dort erschreckend sind. Mariam berichtete über die Armut und Perspektivlosigkeit, die mangelnde Infrastruktur vor allem in Bezug auf Bildung und medizinische Versorgung sowie die ständige Gefahr, auf offener Straße in eine Konfliktsituation zu gelangen. Im Yafa Cultural Centre wird versucht, den Kindern durch Freizeitangebote ein wenig Abwechslung zum tristen Lageralltag zu ermöglichen.

Nach diesem sehr bewegenden Gespräch war eine Pause zum Austausch und zur Stärkung dringend nötig.

(Bilder und Text: Alexandra und Tobias Ernst)