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Archiv-HiWi – Ein Nebenjob der besonderen Art

Foto: Susanne Krüger

Seit Dezember 2015 arbeite ich während meines Geschichtsstudiums als Recherchekraft für ein populärhistorisches Buch. Das klingt zunächst nicht weiter aufregend. Mein Arbeitgeber und unser Projekt sind es dafür um so mehr. Mein Chef ist der ehemalige amerikanische Botschafter für die Tschechische Republik Norman Eisen. Mr Eisen war 2011 bis 2014 unter Barack Obama als Botschafter in Prag tätig. Während dieser Zeit lebte er dort in der sogenannten Petschek-Villa, der Residenz des jeweiligen US-Botschafters. Das Buch, an dem er schreibt, dreht sich um die verschiedenen Bewohner der Villa.

Ein einzelnes Gebäude spiegelt zwei stürmische Jahrhunderte

Was am Anfang nicht besonders spannend klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplette Bandbreite menschlicher Schicksale und Emotionen der beiden letzten Jahrhunderte. Erbaut wurde die Villa vom Architekten Max Spielmann für Otto Petschek (1882-1934). Begründer der Familie war Moses Petschek (1822-1888), dessen drei Söhne erfolgreich im Braunkohlebergbau tätig waren und nach dem ersten Weltkrieg auch ins Deutsche Reich expandierten. Die Petscheks mauserten sich über Generationen zu erfolgreichen Bankern und Großindustriellen mit Sitz in Böhmen und der ersten Tschechoslowakei. Von ihrem Erfolg zeugen heute noch fünf große Stadtvillen in Prag. Der Sitz des US-Botschafters ist in der größten, der russische Botschafter residiert in einer weiteren.

Familie Petschek stieg im Windschatten der späten Industrialisierung ins Großbürgertum auf, überstand den ersten Weltkrieg und konnte im Gegensatz zu vielen anderen an die Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen. Doch ein Hindernis konnten sie nicht umgehen: die Petscheks waren Juden. Kurz vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch die Deutschen floh die Familie nach England, später in die USA, die Villa fiel durch Enteignung in die Hände der Nazis.

Während der Besatzung durch die Deutschen residierte in ihr unter anderem der Befehlshaber der Wehrmacht Rudolf Toussaint. Seit 1945 ist sie Sitz des jeweiligen amerikanischen Botschafters, dazu zählen unter anderem der bekannte US-Kinderstar Shirley Temple und Norman Eisen selbst. Mr Eisens Buch erzählt aus dem Leben der Bewohner der Petschek-Villa und davon, wie sie ihre Zeit erlebten. Um diesem Ziel gerecht zu werden, ist vor allem eines nötig: gründliche Recherche. So bekam ich meinen Job.

Zwischen Kinderzeichnungen und Tötungsbefehlen – Archivmaterial aus dem Weltkrieg

Mr. Eisen wandte sich im Dezember 2015 an einige Professoren der Uni Freiburg, weil er einen Geschichtsstudenten für einige „Botengänge“ im Militärarchiv in Freiburg suchte. Die Betreuerin meiner Bachelorarbeit leitete mir die Anfrage weiter und wenige Tage später hatte ich mein Vorstellungsgespräch – natürlich via Skype.

Für den Teil des Buches, der sich mit der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei befasst, brauchte das Team einen Muttersprachler für Akten der Wehrmacht und SS. Zunächst sollte ich nur einige Dokumente finden und scannen. Doch schon nach zwei Besuchen im Archiv war klar, wie umfangreich das Material war und ich bekam weitere Aufgaben. Der Großteil der Arbeit – vor allem zu Beginn meines Jobs – war tatsächlich das Finden von Quellen. Zuerst nur im Bundesarchiv in Freiburg, später auch in Berlin. Dabei ist jede Menge Kreativität gefragt. Oft wird eine Person in einem Schreiben gar nicht namentlich erwähnt, sondern lediglich die Dienstbezeichnung. Manche Briefe werden im Auftrag verfasst, manches findet man bei der Wehrmacht, anderes bei der SS und wieder anderes in den Überlieferungen der Deutschen Botschaft in Prag. Nicht zu unterschätzen sind auch die Nachlässe von Privatpersonen.

Dokumente, die nicht stark beschädigt sind, können vor Ort im Original gelesen werden. Das Meiste bekommt man allerdings nur digitalisiert zu Gesicht. Wer hier aber an den bequemen Download einer PDF-Datei und gemütliches Lesen am heimischen Schreibtisch denkt, hat weit gefehlt. In der Archiv-Realität heißt „digitalisiert“, dass irgendjemand vor der Jahrtausendwende von den Quellen einen Mikrofilm bzw. ein Mikrofiche angefertigt hat. Das Lesen funktioniert dann so ähnlich wie die alten Diashows unserer Eltern an riesigen Urzeit-Computern, die etwa so groß sind wie man selbst.

So müssen dann hunderte von Seiten gelesen und ausgewertet werden. Man bekommt das Gefühl, Leute besser kennenzulernen und erfährt immer mehr Details aus ihrem Leben. So wird die Kombination aus allgemein Bekanntem und neuen Informationen immer komplexer. Wie selbstverständlich findet man in den Archiven Kinderzeichnungen, Glückwunschkarten zur Geburt des Nachwuchses und Quittungen für neue Nachthemden neben den Führerbefehlen Adolf Hitlers oder Protokollen von Geheimabkommen. Aus dieser Fülle und Vielfalt von Informationen gilt es dann, die relevanten herauszufiltern und ins Englische zu übersetzen. Auch Handschriftenkenntnisse sind gefragt, denn besonders persönliche Briefe oder Tagebücher schrieb man nach wie vor von Hand – von Gekrakel bis Sütterlin-Schönschrift ist alles dabei, vom schlechten Zustand mancher Dokumente ganz zu schweigen.

Zu guter Letzt muss das gewonnene Wissen dann noch von der Forschungsliteratur unterfüttert werden. Das funktioniert dann tatsächlich wie das Bibliographieren für eine Hausarbeit in Geschichte

„Hi, nice to e-meet you!“ – Arbeiten im internationalen Team

Foto: Susanne Krüger

Die gleiche Arbeit, die ich für deutschsprachige Quellen erledige, übernehmen in Prag, York, Paris und Washington andere Mitglieder des Teams in ihrer Muttersprache. Vor allem im US-Team sind viele Studenten, die nur einige Monate als Praktikanten mitarbeiten. Es herrscht also eine hohe Fluktuation rund um einen Kern, der ähnlich lange dabei ist wie ich. Ein Mal pro Woche steht dann die Arbeitsbesprechung an. Wo sich früher alle in einen Konferenzraum setzten, skypen wir heute von Zuhause aus. Das klingt zwar sehr komfortabel, hat aber auch seine Tücken. Jedes Meeting muss um Job, Uni, drei verschiedene Zeitzonen, nationale Feiertage und verschiedene Rhythmen der Zeitverschiebung herum geplant werden. Und so arbeite ich seit über einem Jahr mit Menschen zusammen, die ich noch nie persönlich gesehen habe, trotzdem herrscht im Team eine familiäre Atmosphäre.

Die Arbeit in einem globalen Team ist eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen wollen würde. Allerdings verlangt die digitale Zusammenarbeit einem an manchen Punkten deutlich mehr ab als der klassische Bürojob. Abgesehen von den wöchentlichen Besprechungen gibt es keine feste Arbeitszeit, durch die verschiedenen Zeitzonen sind unsere Termine auch nach 20.00 Uhr. Flexibilität und Disziplin sind folglich ein absolutes Muss.

Wenn man diese Eigenverantwortung mitbringt, dazu noch einen langen Geduldsfaden für die Quellensuche und die Bereitschaft, für neue Erkenntnisse die eigenen Scheuklappen abzulegen, dann ist dieser Job definitiv der richtige!

Susanne Krüger