Inhalt

Auslandssemester in Kanada, einem Land mit Trimestern und fünf Jahreszeiten – Teil 1

Wer findet Julia?

Québec ist die größte Provinz Kanadas mit dem größten frankophonen Bevölkerungsanteil. Mit dem Direktaustausch-Programm Kanada PÉÉ (Programme d’Échanges Étudiants) des BCI (Bureau de coopération interuniversitaire) können Studierende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nach Québec reisen, um dort zu studieren und ihr Französisch zu verbessern. Leider ist dieses Austauschprogramm an der FAU bei weitem nicht so bekannt wie viele andere. Höchste Zeit, dass sich das ändert! Wir haben uns mit zwei Studierenden getroffen, die jüngst am Québec-Austauschprogramm teilgenommen haben und erst vor wenigen Monaten wieder an die FAU zurückgekehrt sind. Julia Appel und Felix Ernst haben uns von ihren Eindrücken und Erfahrungen in Sherbrooke bzw. Montréal berichtet. Im folgenden Interview könnt ihr zunächst einiges über Julias Auslandssemester in Sherbrooke erfahren. Wie Felix seine Zeit in Montréal verbracht hat, berichten wir ebenfalls in einigen Tagen und auch dieses Interview solltet ihr nicht verpassen.

Hallo, Julia! Kannst du dich kurz vorstellen?

Julia: Sehr gerne. Ich bin Julia, bin 22 Jahre alt, studiere Romanistik und Pädagogik an der FAU im Bachelor und war im letzten Herbst und Winter, also in meinem 5. Fachsemester, für ein Trimester (das Semester ist dort in drei Blöcke aufgeteilt) in Québec an der Université de Sherbrooke.

Wie bist du auf das Québec-Austauschprogramm der FAU aufmerksam geworden?

Julia Appel bei ihrem Auslandssemester in Québec.

Julia: Da ich Französisch studiere, habe ich früh überlegt, wohin ich zwecks Austauschsemester gehen kann. Frankreich liegt etwas nahe, Belgien fand ich sehr interessant, aber an der FAU haben nur die Anglisten eine Kooperation mit Belgien. Während meines Studiums sind mir bereits ziemlich früh die Plakate zu Veranstaltungen des Québec-Austauschprogramms aufgefallen und dass man als Teilnehmer keine Studiengebühren vor Ort zahlen muss. Das hat mich gleich interessiert. Bei einer dieser Veranstaltungen hat jemand, der wie ich mit dem Québec-Austauschprogramm in Sherbrooke war, ein sehr überzeugendes Video von seinem Aufenthalt gezeigt hat. Er besuchte dort die englischsprachige Uni, aber ich wollte natürlich wegen meines Studiums an die französischsprachige, auch um den kanadischen Akzent kennenzulernen. Sherbrooke fand ich spannend, weil ich nicht unbedingt in einer klassischen kanadischen Großstadt wohnen wollte. Montréal ist super, aber ich wollte etwas weniger Touristisches sehen, das nicht so sehr Europa ähnelt, sondern seinen eigenen Stil hat. Auch vom Fachlichen und den Kursen her hat sich dann schnell Sherbrooke herauskristallisiert.

Das Québec-Austauschprogramm beinhaltet ein Stipendium. Man bekommt zwar nicht wie bei Erasmus jeden Monat einen festen Geldbetrag, muss dafür aber keine Studiengebühren in Kanada zahlen, die dort ja, gerade für ausländische Studierende, ziemlich hoch sind. Das ist ein großer Vorteil. Außerdem habe ich mich auf Reisekostenstipendien beworben und das von der Dr. Artur Grün-Stiftung bekommen. Diese Stiftung vergibt Stipendien in relativ hohem Rahmen (Anm. d. Red.: zurzeit allerdings nur an Studierende der FAU, die im Rahmen des PÉÉ zum Auslandsstudium nach Kanada gehen).

Julia, wie lief deine Bewerbung für das PÉÉ ab?

Julia: Es gibt zwei Runden. Die erste Runde ist die Vorauswahl der FAU. Wenn man da weiterkommt, werden die Unterlagen an die kanadischen Unis geschickt. Man kann drei Wunschunis angeben. Dabei ist die Erstwahl wirklich entscheidend, denn die wenigsten Unis nehmen jemanden auf, der sie nur als Zweitwahl angegeben hat. Man bekommt sehr spät Bescheid, wo man aufgenommen wird. Ich wusste es erst zwei Monate vor meiner Abreise. Dann muss man noch die Flüge buchen und ist froh, wenn man ein Stipendium ergattern konnte.

Für die Vorauswahl der FAU muss man einen Sprachtest in Französisch machen, weil die Kurse an (fast allen) Unis in Québec in französischer Sprache abgehalten werden. Darüber hinaus braucht man ein Gutachten von einem Dozenten, ein Motivationsschreiben, einen Lebenslauf, einen Ausdruck seines Notenspiegels aus ‚mein campus’ und eine notariell beglaubigte und auf Französisch übersetzte Geburtsurkunde. Ich habe meine Geburtsurkunde selbst übersetzt und wurde trotzdem genommen. lacht.

Und warum hast du dich für Kanada entschieden?

Julia: Ich interessiere mich sehr für die Varianten des Französischen, mein Wunsch war also vor allem fachlich bedingt. Natürlich reise ich auch sehr gerne und die Natur in Kanada hat sehr viel zu bieten. Es war die Neugier, noch weiter weg zu gehen, weil ich in Europa schon ziemlich viel gesehen habe. Und ich wollte mich auf ein neues Land einlassen, denn ich habe den Eindruck, in der Franko-Romanistik an der FAU wird kaum auf Kanada eingegangen. Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit Frankreich. Darüber wusste ich schon so viel, dass ich etwas Anderes sehen und zudem die französische Sprache mal von einer anderen Perspektive aus betrachten wollte.

Wie hat sich das Leben und Studieren in Québec von dem in Erlangen unterschieden?

Julia: In Sherbrooke habe ich an einer Campus-Uni studiert. Das hat mir ziemlich gut gefallen. Andererseits habe ich die FAU auch ein bisschen vermisst, weil ich die Strukturen in Erlangen so gerne mag. Als PhilFak-Student ist man hier ja ständig in der Stadt, hat den Schlossgarten, Geschäfte und die schönen Alleen. Das hat mir in Kanada ein wenig gefehlt, weil die Städte dort ganz anders organisiert sind. In Sherbrooke gibt es nur eine kleine Straße, wo Bars sind und man abends ausgehen kann, dazu noch eine Querstraße, quasi die Hauptstraße, wo die ganzen Fastfood-Ketten ihre Niederlassung haben und wo es auch Supermärkte und so etwas gibt. Ein Stadtzentrum wie bei uns gibt es dort nicht, also keine Fußgängerzone, keinen schönen Platz mit Brunnen und keine Cafés oder Ähnliches, was so typisch europäisch ist. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. Gleichzeitig ist die Stadt sehr hügelig, was ich cool fand. Es gibt (künstliche) Wasserfälle mitten in der Stadt und sogar einen See. Die Natur ist dort noch richtig in die Stadt integriert, wovon das Stadtbild stark geprägt ist. Alles ist nicht so geplant wie in den Städten hier.

Natürlich muss man sich dort noch besser organisieren, was das Studium anbelangt. Es fordert mehr Zeit, da es nicht in der Muttersprache stattfindet. Man muss seine Ansprüche also erstmal etwas herunterschrauben, was Noten oder die Vorbereitungszeit angeht. Man sollte sich anpassen, sich darauf einlassen und schauen, wie es läuft. Es gibt in Sherbrooke zwei Prüfungsphasen. Ich hatte allerdings immer etwas zu tun. Im Oktober war die erste Prüfungsphase und im Dezember die zweite. Dazwischen gab es Arbeitsaufträge, Analysen, Vorträge oder man musste Artikel schreiben. Und trotzdem war ich eigentlich ständig unterwegs, was mich sehr verblüfft hat. Drei Roadtrips, Städtereisen und viele Wanderungen, gerade im Herbst, habe ich gemacht. Und ich bin nicht durchgefallen. lacht. Im Januar war ich dann viel in den Staaten. Wenn man unter sechs Monate lang in Kanada bleibt, braucht man kein besonderes Visum, um von dort in die USA einzureisen. Es reicht eine Bestätigung von der Uni bzw. der Studentenausweis.

Wo und wie hast du in Sherbrooke gewohnt?

Am Mont Tremblant.

Julia: An meiner Campus-Uni gab es eine résidence universitaire, ein Studentenwohnheim. Dafür habe ich mich zunächst beworben, landete aber nur auf den Warteplätzen. Dann habe ich mich nach WGs umgeschaut, weil ich das eigentlich sowieso interessanter fand. Hier in Erlangen wohne ich ja auch in einer WG. In meiner WG in Sherbrooke haben Einheimische gewohnt. Die Wohnung war sehr schön und groß. Die Lebensmittel kosten in Québec viel mehr als bei uns, dafür war meine Miete sehr günstig. In einer WG lernt man die Leute anders kennen und kommt schneller mit den Einheimischen in Kontakt. In der résidence trifft man auf dem Gang fast nur Austauschstudenten. Die Université de Sherbrooke liegt auf dem Mont-Bellevue, dann kommt das Zentrum und auf der gegenüberliegenden Seite habe ich gewohnt. Das heißt, ich habe näher am Zentrum gewohnt, musste aber durch die ganze Stadt fahren, um zur Uni zu gelangen – ungefähr eine halbe Stunde lang mit dem Bus.

Konntest du an deiner Partneruni schnell Freunde finden, Julia?

Julia: Man muss schon sehr aktiv sein, es passiert nicht einfach so. Ich hatte allerdings schon mal zwei Kontakte allein wegen meiner WG. Mit meinen Mitbewohnern habe ich schon zu Beginn meines Aufenthalts viel unternommen. Sie haben mich zum Beispiel mal nach Québec-City mitgenommen. An der Uni hatte ich schnell Bekannte. Bei den Einführungsveranstaltungen habe ich einige Studenten kennengelernt, allerdings nur welche aus dem ersten Semester. Wir haben also keine Seminare zusammen besucht, deshalb hat sich manches wieder verlaufen. In den Seminaren habe ich versucht, mich gleich am ersten Tag irgendwo dazuzusetzen. Dann war es Zufall, ob die Person Kanadier war oder auch Ausländer. Ich bin zufällig oft bei anderen Ausländern gelandet, das war witzig.

Was mir sehr geholfen hat: An der Université de Sherbrooke gibt es ein programme de parrainage, ein Patenschaftsprogramm wie bei uns an der FAU das Buddy-Programm. Durch einen Fehler habe ich zwei Patinnen bekommen – eine Kanadierin und eine Französin, die vor einigen Jahren nach Kanada ausgewandert ist. So konnte ich verschiedene Perspektiven auf Kanada kennenlernen. Darüber hinaus gab es manchmal Abende, an denen alle Austauschstudenten mit ihren Paten zusammengekommen sind. Da hat man viele neue Leute kennengelernt. Mit ein paar Kanadierinnen habe ich mich angefreundet. Die eine wollte Deutsch lernen, deshalb haben wir uns einmal pro Woche zum Sprachtandem getroffen.

Hast du viel von Kanada gesehen?

Julia: Da ich bereits im August angereist bin, konnte ich schon vor Semesterstart Québec-City und Montréal besuchen, erste Leute kennenlernen und mit zwei Kommilitoninnen meine erste größere Reise unternehmen. Und im Herbst fällt die Uni eine Woche lang aus, damit man Zeit zum Lernen hat, aber wir sind stattdessen reisen gegangen. Wir haben uns rechtzeitig vorher um die Unisachen gekümmert. Über die Organisation Interstude konnte man tolle Unternehmungen und viele Wanderungen machen und hat dort Leute wiedergetroffen. Das war super. Oft habe ich auch Couchsurfing gemacht. Mitfahrgelegenheit funktioniert in Kanada übrigens sehr gut und ist viel günstiger als Busfahren. Und man lernt dadurch wieder Leute kennen.

Was hat dir an Kanada besonders gefallen? Gab es ein besonders schönes Erlebnis?

Julia: Mir hat zum Beispiel die Hilfsbereitschaft der Kanadier gefallen. Man kann sich mit ihnen schnell gut verstehen und sie sind sehr interessiert. Und man hat in Kanada etliche Reisemöglichkeiten. Es gibt unendlich viel zu sehen. Alleine in den fünf Monaten, in denen ich dort war, habe ich so viel unternommen. Außerdem ist man von dort aus schnell in den Staaten. Das Besondere für mich war der kanadische Herbst, denn ich bin ziemlich naturverbunden. Mit Interstude habe ich eine Fahrt zum Mont Tremblant mitgemacht und bin dort zusammen mit vielen anderen Internationals gewandert. Die Farben im kanadischen Herbst sind krass. Was ich auch gelernt habe: Der Ausdruck „Indian Summer“ bezieht sich nicht auf die bunten Farben, sondern darauf, dass im Herbst die Temperaturen erneut ansteigen und die Sonne nochmal rauskommt.

Was würdest du einem Interessenten am Québec-Austauschprogramm empfehlen?

 Julia: Man sollte sich auf jeden Fall rechtzeitig und noch in Erlangen um die Kurswahl kümmern, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man das nicht noch schnell vor Ort machen kann, jedenfalls nicht in Sherbrooke. Zudem sollte man die tollen Reiseangebote von Interstude nutzen. Zur Vorbereitung auf Québec ist außerdem ein YouTube-Video von „SolangeTeParle“ zu empfehlen, die die Grundlagen des Québecois erläutert und das auf recht unterhaltsame Weise. Dass man vor dem Auslandsaufenthalt viele Fragen zum Organisationsprozess hat, ist übrigens völlig normal. Man kann ohne Bedenken etliche Mails an die Organisatorin Frau Aehlig schreiben. C’est pas si pire! (Alles halb so schlimm!)

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Julia!

Lasst euch auf keinen Fall das Interview mit Felix entgehen, der an der Technischen Hochschule in Montréal Erfahrungen sammeln konnte. Es wird in den nächsten Tagen hier erscheinen. Viel Spaß!

Anna Appel