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Das Revival der 68er im Z-Bau – Gymmick und Ton Steine Scherben

Gymmick (Mitte) und Ton Steine Scherben. Foto: Simeon Johnke

Letzte Wochen haben wir den Z-Bau vorgestellt. Heute wollen wir einen Rückblick auf ein Konzert geben, dass dort stattgefunden hat.

„Träume verwehn, wenn niemand da ist, der sie träumen will.“ schrieb Rio Reiser einst. Schon in seiner Jugend war Liedermacher Tobias Hacker, alias Gymmick, großer Rio-Fan, erklärt mir sein alter Schulfreund. Während wir vor den Türen des Z-Baus auf den Fortgang des nostalgischen Konzerts warten, sagt er freudig: „Es ist so schön ihn dort zu sehen. Jetzt ist er selber Rio!“ Ja, Gymmick hat es zusammen mit den alten Hasen von Ton Steine Scherben geschafft, die 68er in den Herzen der Fans wieder zu entflammen.  Die alten Hasen, das sind Bassist Kai Sichterman, der schon 1970 Gründungsmitglied der Band war, und „Funky“ Klaus Götzner, der vier Jahre später dazu stieß.

Ton Steine Scherben war in den 70er und 80er Jahren eine der ersten links-kritischen Rockbands in Deutschland und ist bis heute einer der wichtigsten Vertreter der Szene. Neben Musikern aus den USA, wie Jimmy Hendrix, den Rolling-Stones oder Deep Purple stellten sie das deutsche Äquivalent einer pazifistischen und antikapitalistischen Bewegung dar. Die Häuserbesetzung und der zivile Ungehorsam gehörten für die Gruppe aus Berlin zur Tagesordnung. Mit Liedern, wie „Mein Name ist Mensch“ oder „Keine Macht für Niemand“ fanden ihre Ideale einen Weg in die Herzen der Menschen.

Frontmann Rio Reiser, eigentlich Ralph Christian Möbius, ist den meisten unter uns wohl auch durch seine spätere Solokarriere ein Begriff.  Mit Liedern, wie „König von Deutschland“ oder „Junimond“ erreichte er auch den Mainstream. Denn er war nicht nur politischer Aktivist, sondern durch und durch Künstler. Er schrieb Texte, Songs, Theaterstücke und performte auf der Bühne wie kein anderer.

In einer neuen Formation mit dem Namen „Kai & Funky von TON STEINE SCHERBEN mit GYMMICK“ traten die Künstler am 20.7. zusammen im Z-Bau auf. Gymmick ist hier in Nürnberg allen bekannt, da er hier geboren und aufgewachsen ist. Das Publikum, eine Mischung aus jungen Linken und Alt-68ern, wartet sehnsüchtig auf das, was mehr als Musik ist. Es ist Zeitgeist. Die Erinnerung an eine Zeit, an der Solidarität noch großgeschrieben wurde und die Hoffnung auf Veränderung noch existierte. Zuerst ein Vorwort von Misha Schöneberg. Er stellt sein Buch „Siddharta Highways“ vor. Die Beschreibung einer Reise mit Mönchen durch Indien, unterlegt mit Bildern. Schöneberg lebte mit der Band in den 80ern in einer Kommune in Fresenhagen, schrieb einige Songs für sie und war neben Politikerin Claudia Roth Manager der Scherben. Danach sieht man noch eine Performance von Künstlerin Kid Vicious, die alte Hippie-Songs, wie „Mr. Tambourine-Man“, in Punkrock verpackt.

Nun tritt die Band auf die Bühne. Revolutionäre Songs, wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder „Menschenfresser“ bringen die Menge zum Beben. Alte Parolen des Freiheitskampfes werden angestiftet. Die Faust in der Luft und das Einheitsfrontlied der Arbeiterbewegung erwecken den Widerstand zu neuem Leben. Aber auch Balladen, wie „Jenseits von Eden“ oder „Der Traum ist aus“ werde dargeboten und bringen die gefühlvolle Seite der Band zum Vorschein. Liedermacher Gymmick verfolgt seinen eigenen Stil. Er huldigt Rio Reiser, indem er seine Lieder singt, versucht aber nicht ihn zu imitieren. Eine Neuauflage der Ton Steine Scherben kann man hier sehen. Illustriert wird das auch durch neu aufgenommene Songs, die sie hier präsentieren. Nach dreifacher Zugabe und einem Aufruf zur Besetzung des „K-4“ in Nürnberg geht das Konzert zu Ende. Die Menge sieht zufrieden aus.

Nicht jedes Wort der Songtexte sollte hier wörtlich genommen werden. Auch der Sänger weiß das. Die Zeit der 68er hatte auch ihre schwarzen Seiten und man lernte daraus. Aber mit einem hat Rio Reiser in seiner neuen Stimme „Gymmick“ doch recht: „Alles verändert sich, wenn du es veränderst!“

Peter Bartels