Inhalt

Ein Besuch im Kaffeehausladen

Wiener Kaffeehauskultur mitten in Nürnberg. Foto: Leonie Kästner

Ein kleines Stück des legendären Glanzes der Wiener Kaffeehauskultur mitten in Nürnberg? Hinaus in die Öffentlichkeit, unter Menschen und sich doch so fühlen, als befände man sich gemütlich Daheim? Ja, das ist möglich und zwar im sogenannten Kaffeehausladen, in der Wielandstraße 37, geöffnet Montag bis Freitag 10.00-19.00 Uhr und Samstag 10.30-18.00.

Gegründet von Rose Marie Bayer in der Tradition der Kaffeehäuser befindet sich seit mittlerweile elf Jahren in einer ruhigen Nebenstraße, bei guten Wetter lässt es sich an kleinen Tischen draußen am Gehweg sitzen – was mit Kuchen und Getränken platztechnisch eine Herausforderung sein kann, aber eine, die man gerne löst. Innen erwartet einen eine bunte Mischung aus Tischen, Stühlen, Sesseln und Sofas, eng beieinander stehend, überall verschiedene Stoffe, Holz und Metall. Rechts vom Eingang lädt eine Theke mit Vitrine und ein Regal, in dem unter Kuchenglocken süße Köstlichkeiten auf einen warten, zum probieren ein. Alles selbstgebacken. Wir entscheiden uns an diesem Tag für einen Himbeerkuchen, ohne Gelantine hergestellt war er oben ein wenig weich und, wie wir nach dem ersten Bissen feststellten, sehr lecker. Dazu einen Tee, der mit Kandis in einer kleinen Zuckerdose gereicht wird, und das Kaffeehaus Spezial, das mit 4,50€ zwar ein wenig teurer ist, aber eine Tipp für alle, die sich nicht zwischen Kaffee und heißer Schokolade entscheiden wollen – „Eine feine Mischung aus handgerührter Schokolade, Espresso und geschäumter Milch“, wie es in der Speiße- und Getränkekarte heißt. Der Rest befindet sich im mittleren Preissegment. Zufälligerweise haben wir den ersten Eröffnungstag nach zwei Wochen Ferien erwischt, weswegen es noch recht ruhig war und das Wohnzimmergefühl stärker.

Für das richtige Flair ist gesorgt. Foto: Leonie Kästner

Aus den Lautsprechern spielte leise klassische Musik, die Kaffeemaschine blubberte, auf den Tischen standen Kerzenleuchter neben Zuckerdosen und lagen kleine, weiße Tischdecken. Von der hohen Decke hing ein Kronleuchter mit grauen Weihnachtskugeln aus Glas daran und an den Wänden ein paar Blechschilder. Altes und neues wurde an diesem Ort miteinander vermischt. Ein besonderes Highlight bildete das Klavier in der linken Ecke, in dessen schwarzen Lack man sich spiegelte. Von Zeit zu Zeit wurde das Radio ausgestellt, dann setzte sich Frau Burger an das Instrument und spielte einige Stücke, zu denen sie sich von den Stapel Notenhefte, der daneben liegt, inspirieren lässt. Fast jeden Tag ist sie da, gehört regelrecht zum Inventar.

Genauso dazu gehören die Stammkunden, die vorne an der Theke aus ihren Leben erzählen. Schnell merkt man etwas, das an die fernen Kaffeehäuser erinnert, man befindet sich im Knotenpunkt eines sozialen Netzwerks, kein Ort des Abfertigens und des Kaffeeherunterschüttens, um eilig Müdigkeit zu vertreiben und dann weiter zu funktionieren, sondern ein Ort zum Verweilen gemeinsam oder allein unter Menschen – wenngleich einem für ersteres selbstverständlich auch nichts im Wege steht. Dementsprechend lässt es sich ganz im Sinne der Kaffeehauskultur über Stunden gut sitzen, ohne dass man durch regelmäßiges Nachfragen nach Wünschen  und Befindlichkeiten durch Kellner und Kellnerinnen das Gefühl bekommt schon zu lange die Plätze beansprucht zu haben. Dadurch eignet sich das Café auch gut für Studierende, wenn man mal wieder mit Lernen oder Hausarbeiten beschäftigt ist und sich daheim nicht konzentrieren kann. Und wer weiß? Vielleicht lässt sich eine Nürnberger Kaffehausliteratur hier begründen mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die sich hier treffen, um zu debattieren und zu schreiben. In das Konzept des Cafés würde es jedenfalls passen.

Leonie Kästner