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Ein Praktikum mitten in einer Konfliktregion

Shalom - Jonathan in Israel. Foto: privat

Shalom – Jonathan in Israel. Foto: privat

„Shalom!“ Das bedeutet so viel wie Heil, Frieden, Gesundheit oder Unversehrtheit. Es ist aber auch die Begrüßungsfloskel die Jonathan Loos zwei Monate bei seinem Praktikum in Israel jeden Tag gehört hat. Jonathan studiert Politikwissenschaften und Öffentliches Recht im 6. Semester. In den letzten Semesterferien wollte er unbedingt ins Ausland um ein Praktikum zu absolvieren. Allerdings zog es ihn weniger an Italiens Strände oder Großbritanniens Städte, als in den Nahen Osten. Zwei Monate hat er in Israel und Palästina gelebt, gearbeitet und auch gefeiert. Da es fast keinen Tag ohne Schlagzeilen der politisch angespannten Situation aus der Region gibt, lohnt es sich nachzufragen, wie Jonathan seine Zeit dort erlebt hat. Die wichtigste Frage vielleicht gleich vorne weg: Angst hatte der FAU-Student keine.

Hallo Jonathan und willkommen zurück in Erlangen. Wo hast du dein Praktikum absolviert?

Jonathan Loos: Ich habe bei der Hanns-Seidel Stiftung im Auslandsbüro in Jerusalem ein Praktikum gemacht. Das Büro in Jerusalem ist zuständig für Projekte in Israel und Palästina.

Wie kamst du an diese Stelle?

Jonathan: Ich habe mich beworben. Ich wollte in den Semesterferien mal ins Ausland und habe mir die Möglichkeiten dazu angeschaut. So bin ich auf politische Stiftungen, im Genaueren die Hanns-Seidel-Stiftung gestoßen. Die hat in vielen verschiedenen Ländern Auslandsbüros. Ich habe mich für Israel und Ghana beworben. Ich wollte etwas Ausgefallenes machen, Israel war mein Favorit. Nach zwei Wochen bekam ich die Zusage. Das alles ging ziemlich schnell und einfach – und ohne Beziehungen.

Wie hast du das finanziert?

Israel ist kulturell und landschaftlich facettenreich. Foto: privat

Israel ist kulturell und landschaftlich facettenreich. Foto: privat

Jonathan: Ich habe eine kleine Aufwandsentschädigung bekommen, die hat aber nicht gereicht, um alle Kosten zu decken. Ich musste mir selbst eine Wohnung suchen und mich dort ernähren. Ich habe mich aber noch um ein Stipendium und einen Reisekostenzuschuss beworben. Ich hoffe, da bekomme ich noch etwas zurück.

Was waren deine Aufgaben?

Jonathan: Die Hanns-Seidel Stiftung leitet verschiedene Projekte in Israel und Palästina und ist meistens dafür zuständig verschiedene Partner auszusuchen. Dabei habe ich mitgeholfen. Sprich, die Partner zu betreuen und Berichte zu schreiben. Außerdem musste ich ein Paper über die arabische Minderheit in Israel schreiben. Das habe ich immer in meiner freien Zeit, über die zwei Monate hinweg, getan.  Das war, wie im Studium, eine wissenschaftliche Arbeit, die hoffentlich von der Hans-Seidel Stiftung publiziert wird.

Wie sah ein typischer Tag für dich in Israel aus?

Jonathan: Ich war fünf Tage in der Woche, von neun bis fünf, auf der Arbeit. Ich musste nur 15 Minuten zum Büro laufen. Dort habe ich dann mitgeholfen. Mal ganz normale Praktikumstätigkeiten, dann teilweise Projektbeschreibungen schreiben, Informationen beschaffen für oder über die israelitischen oder palästinensischen Organisationen. Wir hatten Besuch von einer Delegation der Jungen Union vorbereitet, das war ebenfalls ein großer Teil der Arbeit. Ein großes Projekt war auch, das von der EU geförderte Projekt zum Thema Eco-Tourism. Für diesen Zweck wurden Community Events durchgeführt. Es handelte sich dabei um eine neue Art von Awareness-Building. Diese grenzüberschreitenden Projekte waren immer praktisch, weil man palästinensische und israelische Organisationen an einen Tisch gebracht hat. Mit politischen Themen ist das nicht so einfach.

Hattest du Angst dort zu leben?

Jonathan: Angst hatte ich keine. Manchmal hatte ich aber ein mulmiges Gefühl. Als ich da war gab es einige Messerattacken in Jerusalem. Man hat das dann eben aus den Medien dort mitbekommen. Aber ich wollte das so gut es geht ausblenden und mich auf die Sachen konzentrieren die ich erleben kann. Ich habe versucht alle möglichen Seiten dort zu erleben. In den westlichen Medien herrscht ein negatives und von Angst geprägtes Bild über die Region, so dass manche Leute sich gar nicht hin trauen. Ich habe versucht ohne Vorurteile hinzugehen. Gestern war zum Beispiel wieder ein Anschlag auf einen Bus. Wenn ich das lese, bin ich schon auch froh wieder hier zu sein.

 Du hast dich also nicht einschränken lassen?

Foto: privat

Foto: privat

Jonathan: Genau, das trifft es ganz gut. Ich habe versucht, mich nicht einschränken zu lassen.

Würdest du anderen Studenten empfehlen in eher untypische Länder für Praktikumsaufenthalte oder Ähnliches zu reisen?

Jonathan: Das kann ich auf jeden Fall empfehlen! Klar, wenn es konkrete Warnungen gibt oder die Sicherheitslage zu riskant ist, muss man darauf Rücksicht nehmen. Aber in Israel war die Lage insgesamt eher sicher. Im Oktober gab es zwar ziemliche Ausschreitungen, aber in dem Zeitraum in dem ich da war, also Februar bis April, hat sich die Lage wieder beruhigt. Ich kann es jedem empfehlen. Ich war auch ganz oft in Palästina, da habe ich nochmal eine ganz neue Kultur und neue Leute kennengelernt – und eine neue Art zu denken. Palästina und Israel kann ich nur empfehlen, die Leute dort sind so nett. Damit kann man seinen Horizont noch mehr erweitern. Und man kann trotz allem Freizeit erleben, die Landschaft ist toll, die Leute sind toll, man kann feiern. Also alles machen, was man hier auch machen kann.

Vielen Dank für das Interview!

Milena Kühnlein