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Exkursion der Geographen durch Nordamerika – ein Reisetagebuch. Teil 1

Welcome to Detroit.

Welcome to Detroit.

„Ihr Geographiestudenten seid doch nur auf Exkursionen und chillt an den tollsten Orten der Welt.“ Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Das mit den tollsten Orten kann ich auch wirklich bestätigen, es werden Studienreisen an wunderbare Stellen dieses Planeten angeboten. Dieses Jahr war auch ich an der Reihe, mit einer Gruppe von 24 Kommilitonen die Welt zu erkunden. Dr. Tim Elrick und Prof. Dr. Georg Glasze leiten die Exkursion. Es ging nach Nordamerika – wobei der Fokus der Exkursion auf Kanada lag. Mit Chillen allerdings hatte das wenig zu tun. Mein Reisetagebuch ist mein Zeuge.

1. August 2015:

Es geht endlich los! Die große Reise nach Nordamerika. Pünktlich um halb elf Uhr vormittags sitzen Anja und ich im Flieger. Wir werden die nächsten fünf Wochen gemeinsam reisen. Die ersten zwölf Tage werden wir auf der Exkursion verbringen, die restliche Zeit Backpacking in Kanada und an der US-Ostküste machen. Wir sind voller Vorfreude. Das Essen im Flieger – großartig! Die Filmauswahl – toll! Auch die Tatsache, dass wir in Amsterdam von einem ziemlich einschüchternden Sicherheitsbeamten mit skurrilen Fragen bombardiert werden, kann unsere Euphorie nicht dämpfen. Als dann im Flieger nach Detroit, dem ersten Stopp unserer Exkursion, mein Kopfhörer kaputt ist, fackeln wir nicht lange und teilen uns Anjas Stöpsel. „Pasta or Chicken?“, die Stewardessen fragen diesen Satz jeden Fluggast. Bis sie zu uns kommen. Da heißt es nur noch „Sorry, only chicken left“. Gut gelaunt essen wir, was auf den Klapptisch kommt. Um 15 Uhr Ortszeit erreichen wir Detroit, alles läuft wie am Schnürchen. Ein ziemlich interessanter Taxifahrer bringt uns zum Hostel. Er erzählt sehr viel, wir verstehen sehr wenig: African-American-Slang, den werden wir in Detroit noch öfter hören. Trotzdem lachen wir sehr viel mit Eddie. Im Hostel angekommen gehen wir nur noch mit unserer Exkursions-Familie Essen kaufen und plumpsen dann ins Bett.

IMG_82612. August 2015:

Nach einem typischen amerikanischen Frühstück habe ich kurz Angst, Diabetes zu bekommen. Alles ist hier süß, sogar die Milch. Außerdem haben wir in 15 Minuten mehr Müll produziert, als sonst in einem Jahr. Plastikteller und –besteck, Trinkbecher aus Styropor. Die sehen es hier ganz eng mit der Nachhaltigkeit. Ein Teil der Gruppe ist schon einen Tag länger da und holt weitere Exkursionsmitglieder vom Flughafen ab, wir dürfen heute die Stadt erkunden. Von unserer Seite des Detroit River kann man nach Windsor, Kanada, blicken. Der Kontrast von Stadtzentrum zu der Gegend unseres Hostels ist drastisch: Hochhäuser, Sauberkeit, viele Familien vs. baufällige Häuser, tiefergelegte Mustangs, lauter Rap in der Straße. Der People Mover hat es uns besonders angetan: für 75 Cent kann man in der Hochbahn durch den Stadtkern von Detroit fahren. Weil es so Spaß macht, gönnen wir uns eine zweite Runde. Anschließend geht es zu unseren Unterkünften: zwei Airbnb-Häuser. Die Nachbarschaft ist durchgehend stärker pigmentiert als wir. Die Leute sind unheimlich nett, ich fühle mich pudelwohl! Es ist unheimlich warm. 34 Grad und 16 Personen in einem Haus, da kann man schonmal ins Schwitzen kommen. Unser Abendessen kaufen wir in einem arabischen Markt, inzwischen sind alle Exkursionsmitglieder angekommen, auch unsere Dozenten. Jürgen kocht für alle und wir freuen uns über unseren „Familienkoch“. Morgen früh geht es mit den ersten Themen der Exkursion los, die Spannung steigt.

3. August 2015:

Detroit war einst ein Wirtschaftszentrum der USA - doch mit dem Niedergang der Autoindustrie kam der Kollaps.

Detroit war einst ein Wirtschaftszentrum der USA – doch nach dem Boom folgte der Kollaps.

Um 6.30 Uhr früh war Aufstehen angesagt. Schließlich mussten 16 Personen auf zwei Bäder verteilt werden. In der Stadt eröffnet Nico mit seinem Thema „Boom und Niedergang von Detroit als Industriestadt“ die Exkursion. Wir besichtigen das alte Fisher Body Plant 21, einen alten Stellmacherbetrieb, der unter anderem für Ford produzierte. Heute nur noch eine Ruine, die ein Überbleibsel aus der goldenen Zeit der Autoindustrie in Detroit ist. Wie in einem Horrorfilm muten die zersplitternden Scheiben, die zerstörten Treppenhäuser, der Staub und das überall tropfende Wasser an. Der nächste Stopp ist nur ein paar Straßen weiter: das Ford-Museum. Ein äußerst liebenswürdiger und lustiger Museumsführer erklärt uns die Geschichte Fords von den Anfängen über das berühmte Ford T – das bis 1972 meistverkaufte Auto der Welt- bis hin zu heutigen Modellen. Zum Abschluss des Themas besuchen wir noch ein weiteres ehemaliges Fabrikgebäude, ebenfalls zerstört. Dort werden wir zur Attraktion Detroits: eine so große Gruppe Weißer sieht man bei 82 Prozent schwarzer Bevölkerung selten. Das dachte sich auch die Dame, die uns aus ihrem Auto heraus freudig winkend fotografierte. Marlene übernahm den zweiten Programmpunkt des Tages: „Umgang mit einer schrumpfenden Stadt“. Im Stadtplanungsbüro der Organisation „Detroit Future City“ sprechen wir über verschiedene soziale Stadtplanungsprojekte, die der Wiederbelebung der Stadt dienen sollen. Denn Detroit hat in den letzten 15 Jahren mehr als eine Viertel Million der Bewohner verloren – die ehemalige Autostadt ist pleite, die Bevölkerung hat keine Jobs und wandert ab. Einige Projekte von Detroit Future City konnten manche Gegenden wiederbesiedeln. Anschließend kamen wir zum zweiten Teil von Marlenes Programm: wir besuchten die Initiative „Peaches and Greens“, die ebenfalls für die Erhaltung der Nachbarschaft arbeitet. Mit Fischzucht und Urban Gardening. Lisa, die Leiterin der Initiative zeigt uns verschiedene Standpunkte, wie beispielsweise den Laden mit Nahrungsmitteln aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier kommen wir das erste Mal richtig mit der schwarzen Bevölkerung in Kontakt. Denn das ist in Detroit extrem auffällig: Schwarz und Weiß ist größtenteils voneinander getrennt und lebt in Parallelwelten. Fazit des ersten vollen Exkursionstages: Sehr interessante Themen, viel Input. In der Gruppe lernt man sich in der geselligen Runde am Abend auch besser kennen.

4. August 2015:

IMG_8196Unter der Leitung von Simon besuchten wir heute zwei sehr konträre Stadtteile von Detroit. Zum einen Five Grosse Point: fünf suburbane eigenständige Nachbargemeinden, die sich systematisch von Detroit abschotten. Durch einen Zaun. Ja, es erinnert tatsächlich ein wenig an die Deutsche Mauer. Denn auf der Detroiter Seite stehen heruntergekommene Häuser, viele stehen leer, der Großteil der Bevölkerung ist schwarz. Und auf der Seite von Grosse Pointe stehen die sanierten Einfamilienhäuser mit dem obligatorischen Golden Retriever und Pool im Garten. Der Unterschied ist drastisch. Der andere Stadtteil Detroits besteht aus verfallenen Häusern, hier wohnt niemand mehr. Eine gespenstische Stille liegt über der Straße, die sich mit dem Geruch verbrannten Holzes vermischt. Die Stadt brennt hier die gepfändeten Häuser nieder, weil sie selbst nicht für die Kosten aufkommen kann. Herumliegende alte Schuhe, zersplitterte Truhen und Kinderschulzeug machen das Gruselszenario komplett. Wir freuen uns ziemlich über die Mittagspause, die uns diese trostlose Gegend verlassen lässt. Nach einem Mittagessen in einer Bio-Bäckerei (ja, das gibt es in USA, wir waren auch baff) übernimmt Colin die Führung. Dafür geht ein Teil der Gruppe zu einer Initiative, die sich für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einsetzt. Der andere Teil geht zur Farm des Detroit Black Community Food Security Networks (DBCFSN), ein Programm, das ins Leben gerufen wurde, um Nahrungsmittelunsicherheit innerhalb der schwarzen Bevölkerung zu reduzieren. Kadhiri, der einzige Festangestellte der Initiative, führt uns über das Gelände und erklärt uns die Kompostieranlage, die verschiedenen Gewächshäuser, die Bienenstöcke. Er erzählt, dass man als Schwarzer in Detroit immer noch jeden Tag Diskriminierung durch Weiße erlebt und das in der Bevölkerung zu viel Wut führt. Auch dieser zweite Exkursionstag hat viel Stoff zum Nachdenken geliefert, viele sind von den Eindrücken heute auch betroffen. Um elf Uhr nachts ruft unser Dozent an, wir sollen doch für morgen früh um 5.30 Uhr ein Taxi organisieren, das uns zum Bus-Terminal bringt. Denn morgen geht es schon nach Toronto. Leichter gesagt, als getan: in Detroit funktioniert das Taxisystem eher mäßig. Also gar nicht. Von daher fragen wir in unserer Verzweiflung unseren Nachbarn Steven, ob er uns gegen Bezahlung fahren könnte. Er sagt zu. Wir hoffen, er hält sein Wort.

Der zweite Teil des Reisetagebuchs folgt in einigen Tagen.

Leonie Fößel