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Exkursion der Geographen durch Nordamerika – ein Reisetagebuch. Teil 2

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Eines der größten Naturwunder der Erde: Die Niagarafälle an der Grenze zwischen USA und Kanada. Foto: Marijke Heyenga

Im ersten Teil des Exkursionsberichts haben wir Detroit und den ganz normalen Wahnsinn in den USA kennengelernt. Jetzt geht es weiter in den Norden. Genauer gesagt: Nach Toronto und zu den Niagarafällen.

5. August 2015:

Steve hat Wort gehalten! Er und seine Frau haben uns heute im Morgengrauen zum Busterminal gefahren. Sie mussten wirklich viermal fahren und am Ende wollten sie nicht mal Geld nehmen. Irgendwann haben unsere Überredungskünste dann aber doch angeschlagen. Um sieben Uhr morgens ging es mit dem Greyhound von Detroit los, sechs Stunden später kamen wir in Toronto an. Nachdem wir auf der Fahrt alle in einen komatösen Schlaf gefallen waren, kam es uns vor, als wären wir in eine andere Welt gebeamt worden. Detroit war wie erwähnt geprägt von Verfall und Armut. Toronto hingegen ist eine gläserne Stadt, alles funkelt und glänzt. Mit unserem ganzen Gepäck marschierten wir dann unter der Leitung von Herrn Elrick los – er hatte hier einige Jahre an der Uni unterrichtet und war ganz in seinem Element. Wir anderen kamen kaum hinterher, als er im Stechschritt zwischen den gläsernen Hochhäusern hindurch lief. Nach einem kurzen Mittagessen in einer riesigen Mall und ein paar Reizüberflutungen später nahmen wir die Straßenbahn zum Studentenwohnheim, in dem wir die nächsten Tage schlafen würden. Schöne Anekdote zur Straßenbahn: Wenn man aussteigen will, muss man an einer Schnur ziehen, die dann dem Fahrer signalisiert, dass er halten muss. Im Studentenwohnheim hatte jeder sein eigenes Zimmer – ziemlich komisch nach drei Nächten mit vier anderen Menschen in einem Zimmer. Anschließend begann Theresa mit ihrem Referat, bei dem wir in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Meine Gruppe wurde von Paul Farrelly von der Church Wellesley Neighbourhood Association, einer Initiative für Gebäudeschutz, geleitet. Im Endeffekt gab er uns eine Stadtführung durch halb Toronto – was wirklich interessant war, weil wir in viele Ecken kamen, die wir so wahrscheinlich nicht gesehen hätten. Nach etwa zwei Stunden zeigte Paul, der etwa 70 Jahre alt war, nicht das kleinste Anzeichen von Müdigkeit, wir hingegen waren vollkommen platt. Elegant manövrierten wir uns aus der Stadttour zur Toronto Waterfront, wo wir uns mit dem anderen Teil der Gruppe zur Besprechung trafen. Abends ging die ganze Truppe samt Dozenten noch in einen Pub – und blieben der Geographie treu, als wir uns sogar mit Google Maps verliefen. Ein paar Bier später fanden wir den Weg zurück ins Studentenwohnheim dann aber ohne jegliche Hilfe.

6. August 2015:

Toronto gehört zu den lebenswertesten Städten der Welt.

Toronto gehört zu den lebenswertesten Städten der Welt. Foto: Leonie Fößel

Das Frühstücksbuffet im Wohnheim hat uns Toronto noch sympathischer gemacht. Wurde leider erwischt, als ich Proviant für den Tag rausschmuggeln wollte. Johanna begann mit ihrem Programm, das sich mit der Bildung von Suburbs in der GTA, der Greater Toronto Area, beschäftigte. Begleitet wurden wir von Roger Keil, einem Politologen und Stadtforscher, der an der York University in Toronto unterrichtet. Wir fuhren in verschiedene Vororte von Toronto und erfuhren viel Interessantes über deren Bevölkerungsstruktur. Wir haben uns dem nordamerikanischen Lebensstil gut angepasst und sind den ganzen Weg mit unseren drei schicken Vans gefahren. Denn ohne Auto ist man hier ziemlich aufgeschmissen – die Entfernungen sind einfach völlig anders dimensioniert als in Deutschland. Wieder in Toronto angekommen, übernimmt Lukas die Führung und lotst uns nach Hamilton, einer Stadt in etwa 70 Kilometer Entfernung. Kaum losgefahren gerieten wir auch schon in einen Stau. Der Zeitplan hat sich dadurch etwas nach hinten verschoben. Aber Eminem hat uns die Fahrt versüßt, alle im Auto hatten ihre motherf****** hands up. In Hamilton angekommen, wurden wir wieder in Gruppen aufgeteilt. Meine Gruppe sollte einen Teil der Stadt erkunden, der als „Canada’s Brooklyn“ bezeichnet wird. Nach einigen Irrungen und Wirrungen fanden wir den Stadtteil tatsächlich und wussten, woher der Name kam: überall gab es vegane, grüne Smoothies, absolut hippe Kunstgalerien und exotische Lokale. Zur Abschlussbesprechung trafen wir uns in einem kleinen Park. Jede Gruppe sollte ihre Ergebnisse mit Straßenkreiden aufzeichnen – das fanden nicht nur wir Mädels extrem toll, sondern auch die Gang der Nachbarskinder. Wir entschieden uns für Hashtags, um zu unterstreichen, wie hip unser Viertel war. Anschließend aßen wir zu Abend und fuhren wieder zurück nach Toronto. Fazit des Tages: Ich bin froh, nicht als Autofahrer gelistet zu sein. Den ganzen Tag Input bekommen und sich dann noch auf die Straße konzentrieren zu müssen, würde mich komplett ausknocken.

7. August 2015:

Einer der verrückten Läden der asiatischen Mall.

Einer der verrückten Läden der asiatischen Mall. Foto: Lukas Heinsch

Ein guter Start in den Tag: heute fand ein Brötchen vom Frühstück den Weg in meine Touri-Bauchtasche. Perfekt ausgestattet ging es für Citas Programm also morgens los nach Chinatown. Wir sollten das Viertel kartieren – es bestand hauptsächlich aus Spa- und Video-Läden und Restaurants. Außerdem galt es, den verrücktesten Gegenstand zu erstehen. Sarah und Helen gewannen mit ihrem Fingermassagegerät. Simon und ich hatten es auf eine getrocknete – und dem Kichern der älteren Verkäuferin nach zu schließen – potenzsteigernde Seegurke abgesehen. Zehn Dollar waren uns dann aber doch zu viel. Anschließend ging es weiter in die Pacific Mall nach Markham. Es war wie in einer anderen Welt: von allerlei kuriosem Essen bis zu schrillen Perücken gab es alles. Alles außer englischen Beschriftungen. Denn die Pacific Mall ist eine asiatische Mall. Im Expertengespräch mit Dr. Lucia Lo erfahren wir mehr über die Geschichte der Mall, die es seit 1997 gibt. Da wir als eindeutig nicht-asiatische Gruppe aus der Masse herausstechen, wird die Leitung der Mall auf uns aufmerksam und schenkt tatsächlich jedem von uns einen 5-Dollar-Essensgutschein. Toll, wie das hier mit der Aufnahme Fremder klappt – da könnte sich Deutschland mal eine Scheibe abschneiden. Nina übernahm nach diesem überraschend billigen Mittagessen. Ihr Thema: Multikulturalismus als politisches Konzept. Meine Gruppe ging ins Rathaus, wo uns die Multikulturalismus-Beauftragte über Integration in Kanada und speziell in Toronto berichtete. In einer abschließenden Diskussionsrunde mit der anderen Gruppe kam heraus, dass Integration in Kanada extrem gut funktioniert. Das war uns schon vorher aufgefallen: überall mischen sich die verschiedensten ethnischen Gruppen, volles Kontrastprogramm zu der strikten Trennung in Detroit. Abends erkundeten wir dann das Nachtleben von Toronto. Die Jungs haben Alkohol für uns Mädels mit eingekauft. Originalzitat Jürgen: „Wir haben Roséwein mit Geschmack und Sprudel gefunden“. Es war Sekt. So verrückt ging der Abend dann auch weiter. Am Ende landeten wir durch eine Reihe von Zufällen und Missgeschicken auf der Geburtstagsparty eines chinesischen Barkeepers – die verstörenden Details lassen wir hier lieber aus.

8. August 2015:

Unsere Ergebnisse in Hashtags.

Unsere Ergebnisse in Hashtags. Foto: Lukas Heinsch

Der erste Stopp heute war eigentlich schon das Tages-Highlight: die Niagara-Fälle! Anja hat hier ihr Referat zur Geologie und Geomorphologie gehalten. Nach einer kleinen Wanderung erreichten wir die Wasserfälle – es war atemberaubend und ohrenbetäubend. Nachdem die ganze Gruppe von der Gischt komplett nass war, fuhren wir zum Mittagessen in ein Städtchen, dessen Namen ich aufgrund des folgenden Szenarios wohl verdrängt habe: dort war gerade Pfirsich-Fest. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden. Es wimmelte nur so vor Rentnern in Hawaiihemden, Kindern mit Luftballons und Pfirsich in jeglicher denkbaren Form. Pfirsichtorte, Pfirsich-Cupcake, Pfirsichbrot, Pfirsichlimonade… Es war der blanke Horror! Wie eine Kreuzfahrt ohne Schiff. Nur noch schlimmer – denn es gab einige Menschen, die meinten, ihr eindeutig nicht vorhandenes Gesangstalent unter Beweis stellen zu müssen. Eigentlich waren wir alle schon komplett am Ende, als wir aus diesem Dorf zu unserem nächsten Programmpunkt fuhren. Im Niagara Glen Nature Reserve bekamen wir eine Führung, bei der wir bis zum Niagara River hinunterstiegen und Informationen zu Geologie und Geomorphologie bekamen. Danach war Flo mit seinem Thema an der Reihe: Weinbau in der Niagara-Region. Ok, eigentlich auch ein Highlight. Denn wir besuchten ein regionales Weingut, bei dem am Ende eine Weinprobe anstand. Völlig entkräftet vom Rentner-Horror am Mittag kam uns das allen ganz gelegen und so wurde die Heimfahrt auch dementsprechend lustig. Abends zeigte Herr Elrick uns noch seinen Lieblings-Burgerschuppen in Toronto, das Harbour House. Das Lokal war erfüllt von unseren lustvollen Geräuschen beim Essen und wir haben Deutschland als peinliches Touri-Land in aller Ehre repräsentiert.

Leonie Fößel