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Flüssiger als Blut

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Foto: Milena Kühnlein

Familienidylle oder Familienillusion? Schwesterherz oder Herzensfreundin? Vater, Mutter, Kind oder Vater, Vater, Leihmutter? – Familien haben sich verändert. Das medial und gesellschaftliche geprägte Bild einer Idealfamilie enthält immer die gleichen Charaktere. Einen maskulinen Vater, eine feminine Mutter und ein oder mehrere Kinder, die sich Haus und Hof teilen. Adoption, Inzest und gegenseitiges Anspucken passt nicht in dieses Bild. Oder etwa doch und wenn ja wie? Die aktuelle Ausstellung „Dicker als Wasser“ im Kunstpalais Erlangen beschäftigt sich mit Fragen zur modernen Familie und zu Familien allgemein. Was bedeutet Blutsverwandtschaft? Bedeutet sie überhaupt etwas?

Mit einer gehörigen Portion Bilderbuchfamilie in den Tiefen der Erinnerungen mag die Ausstellung für manche Besucher in den ersten Momenten des Umherblickens absurd, gar seltsam wirken. Ist Inzest wirklich falsch? Was ist das für eine Frage, natürlich! Biologisch gesehen haben inzestuöse Paare ein höheres Risiko behinderte Kinder zu zeugen. Doch was, wenn nichtverwandte Paare mit einem hohen Risiko vorbelastet sind, behinderten Nachwuchs zu zeugen? Ist das Kinderkriegen in diesem Fall auch falsch? Auf einmal kommen einem bestehende Annahmen und gesetzte Tatsachen, die Familie betreffen, fragwürdig vor. Das geprägte Bild der perfekten Kleinfamilie hat sich tatsächlich erst in der Nachkriegszeit entwickelt. Davor waren Großfamilien und Sippen die unangefochtene und normale Form der Familie, bei der vor allem der wirtschaftliche Faktor im Vordergrund standen. Aus Erbsicherung wurde Kinderwunsch und aus Zweckehen wurde die Suche nach dem Seelenverwandten. Doch so wie alles auf dieser Welt, ist auch die Familie im ständigen Wandel. So wurden irgendwann aus Ehepaaren eingetragene Partnerschaften und aus dem Kaufen eines Ovolationstest ein Besuch in der Leihmutterklinik. Was bedeutet Familie in Zeiten der Globalisierung und Technologisierung eigentlich noch? Gibt es diese einzigartige, unvergleichbare Verbindung aufgrund der Blutsverwandtschaft, die so anders ist, als die zu Freunden und Fremden? Sollte dem so sein, würde das bedeuten, Adoptivkinder hätten keine echte Familie? Sollte dem so sein, würde das bedeuten, wir seien uns mit unserer Familie aufgrund von biologischen Gleichheiten besonders ähnlich? Sind Zwillinge dann ein und der gleiche Mensch, quasi geklont?

Das „Konzept“ Familie

Fragen über Fragen. Überlegungen über Überlegungen. Vielleicht ist das Familienleben doch nicht so gesetzt, wie wir vielleicht denken. Vielleicht muss man das „Konzept“ Familie komplett neu denken und – nun ja – neu konzipieren. In den USA hat sich mittlerweile schon ein eigener Forschungszweig „Family Studies“ etabliert. Es scheint also genügend Forschungsbedarf zu geben. Die Ausstellung „Dicker als Wasser“ schafft es, auf unterschwellige Weise dem Besucher Fragen in den Kopf zu drücken und sich mit dem Begriff Familie im weiteren Sinne auseinanderzusetzen. Aufwändige Installationen, Videowerke und Zeichnungen tragen dazu bei, dass wir das Familienbild im wahrsten Sinne des Wortes multimedial und von allen Seiten betrachten. Zurück lässt einen die Ausstellung mit mehreren Dingen. Es kann die Erkenntnis sein, dass Familien immer vielfältiger sind, oder jene, dass Zwillinge zwei völlig unterschiedliche Personen sind, die nur ab und zu den exakt gleichen Terminus für bestimmte Begriffe verwenden. Vielleicht ist es aber auch die Erkenntnis, dass Familien nur das sind, was wir daraus machen und uns im Sinne der Freifamilie unsere Freunde näher an uns heranlassen, als Menschen deren Blut durch unsere Venen fließt. Die Ausstellung liefert ein fasziniertes Abbild über Familien in der heutigen Zeit und durchbricht dabei als gegeben angesehene Konventionen. Ob man Katzen stillen kann und ob Zwillinge wirklich immer gleich ticken, erfahrt ihr vor Ort. Aber, pssst, nicht weitersagen – es soll ja alles in der Familie bleiben. Noch bis zum 29. November können Interessierte die Werke von u.a. Candice Breitz, Simon Fujiwara, Badr el Hammami & Fadma Kaddouri, Nan Goldin, Verena Jaekel und vielen Weiteren betrachten.

Milena Kühnlein