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Foodsharing: Teilen statt wegwerfen

Nicht alles, was weggeworfen wird, ist auch schlechte. Foto: Salome Mayer

Nicht alles, was weggeworfen wird, ist auch schlechte. Foto: Salome Mayer

Nach der heutigen Rettungsaktion wird Lena ihren „Foodsaver-Ausweis“ erhalten. Es ist die dritte Einführung für das Abholen von Lebensmitteln für die Medizintechnik-Studentin. Gemeinsam mit Mirjam, einer der zwei Botschafterinnen für foodsharing in Erlangen, steht sie an diesem Samstagmorgen im Hinterhof des „Ugur Supermarkts“ im Erlanger Stadtteil Bruck. Zwischen mannshoch gestapelten Paletten, plattgedrückten Kartonagen und parkenden Autos, warten bereits über zwei Dutzend Kartons und Kisten mit Lebensmitteln. Sie sind für den Verkauf nicht mehr geeignet und eigentlich Abfall. Eigentlich. Denn vieles davon kann man noch essen. Das Obst und Gemüse hat oft lediglich optische Mängel: braune Flecken, eine faulige Stelle oder eine Delle.

Mirjam zieht blaue Einmalhandschuhen über ihre Radhandschuhe und beginnt routiniert die oberste Kiste zu sortieren. Zwei noch leere Kartons stellt sie auf den Boden: Das Gute in den einen, das Schlechte in den anderen Karton. Lena dreht ein wenig ratlos kleine grüne Gewürzgurken in den Händen – sind die noch essbar, oder müssen sie weg? „Ich sortiere nach dem, was ich selbst noch essen würde“, sagt Mirjam. „So einen Apfel, der eine große braune Stelle hat, nehme ich dann selbst mit und schneide das Schlechte raus“, erklärt sie und deutet auf einen Apfel mit einer Druckstelle.

95 Prozent der Erlanger Foodsaver sind Studenten

Lena und Mirjam beim Sortieren der Kisten. Foto: Salome Mayer

Lena und Mirjam beim Sortieren der Kisten. Foto: Salome Mayer

Lena ist durch eine Freundin auf foodsharing aufmerksam geworden. Das Motto der deutschlandweiten Initiative ist „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen“. Auf einer Internetplattform kann jeder registrierte Nutzer Lebensmittel, die er nicht mehr verwendet, einstellen („Essenskörbe“), einsehen und abholen. Ein zweiter Arbeitszweig sind die Foodsaver – in Erlangen sind es zu 95 Prozent Studenten. Sie holen ehrenamtlich Lebensmittel in kleineren Supermärkten und Bäckereien ab, die sonst in der Tonne landen würden. Lena findet die Aktion cool und möchte sich aktiv beteiligen. „Ich habe das Quiz im Internet gelöst und ab heute kann ich dann selbst Lebensmittel abholen. Im Sommersemester schreibe ich meine Bachelorarbeit, dann bin zeitlich ziemlich flexibel mit den Abholzeiten“, erzählt sie. Die meisten Betriebe wollen, dass die Foodsaver die Lebensmittel abends, nach Ladenschluss abholen. Für den Besitzer des Supermarkts, Ugur Hurioglu, ist es morgens geschickter. Er ist froh über die Lebensmittelretter. „Ich finde es großartig und habe Respekt vor ihnen. Sie helfen uns damit auch“, sagt der der Mittvierziger, einen roten Kehrbesen in der Hand haltend.

Die Kiste für die Tonne füllt sich schnell mit Salatblättern und anderem Grünzeug. Bei manchen grünen Blättern fragt sich Mirjam, ob das nun Abfall ist oder ein türkisches Gemüse, das sie einfach nicht kennt. Die andere Kiste ist schön bunt: Gelbe Birnen mit braunen Stellen, grüne Peperoni, eine fleischige Tomate neben großen und kleinen Gurken, Lauch und Zucchini. Bald müssen Lena und Mirjam eine zweite Kiste anfangen. Äpfel, Radieschen, deren Blätter herunterhängen, Sellerie, Mandarinen, Fenchel, Eisberg- und Kopfsalat – alles noch essbar und zu schade zum Wegwerfen. Eine Konkurrenz zur Tafel sind die Foodsaver nicht, sie arbeiten mit ihr zusammen. Mirjam betont den Unterschied zwischen foodsharing und der Tafel: „Die Aufgabe der Tafeln ist es, Menschen zu versorgen; sie sind auf Lebensmittel angewiesen. Uns geht es darum, Lebensmittel zu retten und so der Verschwendung entgegen zu wirken. Wir wären überglücklich, wenn es nichts mehr abzuholen gäbe.“ Dass es eines Tages soweit sein wird, sei leider unwahrscheinlich. Im Sommer stand Mirjam einmal drei Stunden im Hinterhof und rettete, begleitet von Wespenschwärmen, Obst und Gemüse, das in dieser Jahreszeit schnell verdirbt.

Fair-Teiler Regeln in Bruck. Foto: Salome Mayer

Fair-Teiler Regeln in Bruck. Foto: Salome Mayer

Teilen, mit wem man möchte

Foodsaver können das gerettete Essen teilen mit wem sie möchten – den WG-Mitbewohnern, ihrer Familie oder ihren Freunden. Viele von ihnen kaufen kein Gemüse und Obst mehr, denn es wird am meisten vor der Tonne gerettet. Mirjam bringt den Großteil in den etwa 300 Meter entfernten „Kulturpunkt Bruck“, wo es einen „Fairteiler“ gibt. Dort kann jeder sich das nehmen, was er verbrauchen kann. Weitere Fairteiler gibt es in der Volkshochschule und bald auch in der Evangelischen Studierendengemeinde. Wenn man mal zu viel eingekauft hat oder für einige Tage wegfährt, kann man dort überschüssige Lebensmittel abgeben. So muss nichts weggeschmissen werden.

Heute ist es wieder ziemlich viel, vor allem Backwaren stapeln sich in acht aufeinander stehenden gelben Kisten. Lena und Mirjam laden den Fahrradanhänger voll, der Reißverschluss reißt beinahe, beim Versuch, ihn zu schließen. Mirjam legt die Brotlaibe in die Satteltaschen am Hercules-Fahrrad, die Fladenbrote stopft Lena zwischen die Gemüsekisten. Den Fahrradanhänger haben sie sich erst vor kurzem angeschafft. Möglich war das, weil sie den mit tausend Euro dotierten Erlanger Umweltpreis gewannen. „Als wir den Anhänger noch nicht hatten, bin ich manchmal mehrere Male zum Kulturpunkt geradelt“, erzählt Mirjam.

Nach etwa 45 Minuten sieht der Hinterhof anders aus: Die Kisten sind verschwunden, plattgedrückt sind sie auf den Wägen der Kartonagen gelandet. Die zehn Biotonnen quellen über vor Salatresten. Nächste Woche werden sie geleert. Als Mirjam und Lena den Hinterhof verlassen, pickt eine grau-weiße Taube die verbliebenen Brotkrumen auf. Etwa sechs Kilo Gemüse und zehn Kilo Backwaren haben die beiden Frauen vor dem Wegwerfen gerettet.

Hast du Lust bekommen, selbst Foodsaver zu werden? Mirjam und Lena freuen sich über Mitstreiter. Du kannst dich auf www.foodsharing.de registrieren, bei Fragen melde dich bei Mirjam.

 

Salome E. Mayer

3 Kommentare zu “Foodsharing: Teilen statt wegwerfen

  1. Peter Hell sagt:

    Liebes Fau-Team
    Für den kommenden Sonntag (RTL, ca.22.15) planen wir eine ca. 15 minütige Reportage über Lebensmittelverschwendung.
    dabei wollen wir die Ursachen aufzeigen, Statistiken auswerten und Menschen begleiten, die versuchen, besonders sparsam und sorgsam mit Lebensmitteln umzugehen.
    Ich bin über das Internet auf sie aufmerksam geworden. Vielleicht können Sie uns helfen oder wir mit ihnen zu diesem Thema drehen. Wir suchen Food-Saver oder Gruppen, die sich zum essen treffen, das sie vorher gesammelt haben.
    Ich würde mich freuen, wenn Sie mich anrufen könnten
    Liebe Grüsse
    Peter Hell

    Meine Kontaktnummer
    0172-5117595
    040-30108423
    Peter Hell

  2. Peter Hell sagt:

    Liebes Fau-Team
    Für den kommenden Sonntag (RTL, ca.22.15) planen wir eine ca. 15 minütige Reportage über Lebensmittelverschwendung.
    dabei wollen wir die Ursachen aufzeigen, Statistiken auswerten und Menschen begleiten, die versuchen, besonders sparsam und sorgsam mit Lebensmitteln umzugehen.
    Ich bin über das Internet auf sie aufmerksam geworden. Vielleicht können Sie uns helfen oder wir mit ihnen zu diesem Thema drehen. Wir suchen Food-Saver oder Gruppen, die sich zum essen treffen, das sie vorher gesammelt haben.
    Ich würde mich freuen, wenn Sie mich anrufen könnten
    Liebe Grüsse
    Peter Hell

    Meine Kontaktnummer
    0172-5117595
    040-30108423
    Peter Hell

  3. Marlene Epp sagt:

    Wer Foodsharing Erlangen erstmal persönlich kennenlernen möchte, kann gerne zu unserem monatlichen Treffen kommen: Jeden zweiten Mittwoch im Monat im Kulturpunkt Bruck, um 18:30 Uhr.

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