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Hurra, hurra, die Post ist da – ein Semesterjob der besonderen Art

Mein Arbeitsplatz in den Semesterferien. Foto: Leonie Fößel

Mein Arbeitsplatz in den Semesterferien. Foto: Leonie Fößel

Der Wecker schrillt. Verschlafen schaue ich auf das Display meines Smartphones, das mir als Wecker dient. 4.50 Uhr steht da. Morgens, wohlgemerkt. „Das kann doch nicht sein“, denke ich und will mich gerade wieder umdrehen, als mir siedend heiß einfällt: Es kann doch sein, ich arbeite ja in den Semesterferien bei der Post!

Nun ja, es muss wohl sein. Ich quäle mich aus dem Bett, mache mich in Windeseile fertig und schlinge hastig hinunter, was ich mir am Abend vorher in weiser Voraussicht schon zubereitet habe. Schnell ziehe ich meine Regenjacke über – morgens ist es schließlich frisch – schnappe mir meinen Rucksack samt Bauchtasche und radle los in die Filiale. Dort sortiere ich die Post, die ich später in meinem Bezirk austrage. Der schließt zufälligerweise auch die Kochstraße mit ein – man wird die Uni also nicht mal in den Semesterferien los.

Man würde vielleicht vermuten, dass die Stimmung um 5.30 Uhr am Morgen eher gedrückt ist. Weit gefehlt! Es ist ein Gewusel wie in einem Bienenstock, alle schreien durcheinander, scherzen miteinander und sehen alles nicht so eng. Ich hingegen gerate beim Sortieren meiner Post ziemlich ins Schwitzen, schließlich kommen um halb acht die Lieferautos, die die fertig sortierten Kisten dann auf die kleinen Filialen verteilen. Mit Hängen und Würgen schaffe ich es – zugegeben, mir macht das nur halb so viel Spaß wie den Menschen, die das tagtäglich machen. Um acht Uhr schnappe ich mir dann wieder mein Fahrrad und mache mich auf den Weg. In der Filiale angekommen, geht das Gewusel weiter: Sobald der Lieferwagen kommt, packen alle mit an, und hieven die gelben Postkisten in den kleinen Raum, in dem die Fahrräder der Postboten stehen. Meine Kisten tragen alle die Nummer meines Bezirkes, 05. Vorne auf dem gelben Fahrrad werden zwei Kisten befestigt: eine mit großen Kuverts, die andere mit kleinen Briefumschlägen. Wenn man Pech hat, kommt noch Werbung dazu. Hinter dem Sattel gibt es eine große Box, in der ich meine Wasserflasche, einen kleinen Proviant und Päckchen oder Einschreiben aufbewahre. So voll bepackt geht es um halb neun los auf die Straße.

Die Hundebegegnungen - das klassische Postboten-Klischee. Foto: Leonie Fößel

Die Hundebegegnungen – das klassische Postboten-Klischee. Foto: Leonie Fößel

Das Schöne am Postaustragen ist, dass man so viel an der frischen Luft ist. Gut, bei Regen gibt es durchaus besseres, aber wenn die Sonne scheint, macht die Arbeit sogar Spaß. Während des Fahrens höre ich mir Hörspiele an – das ist wahrscheinlich nicht unbedingt erlaubt nach der Straßenverkehrsregelung, aber es macht das ständige Auf- und Absteigen ein wenig unterhaltsamer. Und immerhin sind es englische Hörspiele, ich bilde mich also quasi weiter. Die Bauchtasche an meiner Hüfte muss ich hüten wie meinen Augapfel: Darin befinden sich die Schlüssel für die Postkästen der Strecke, bei denen ich immer wieder meine Kisten mit neuer Post fülle. Außerdem lagern in meiner Bauchtasche die Schlüssel sämtlicher Häuser, die ihre Briefkästen im Hausinneren haben. Allerdings gibt es auch Häuser, die der Post ihren Schlüssel nicht geben. Da heißt es dann Klingeln, bis einer aufmacht oder die Post wieder mitnehmen. Es sind die Samstage, an denen Postaustragen am wenigsten Spaß macht. Da gibt es den „Einkauf aktuell“ (Meiner Meinung nach eine merkwürdige Erfindung). Doch es gibt Menschen, die bestehen auf ihren Einkauf aktuell. Wenn in ihrem Briefkasten mal keiner landet – weil man es vergisst – beschweren sie sich sofort.

Zwischen zwei und drei Uhr nachmittags komme ich mit leeren Kisten wieder in der Filiale an. Nun muss ich noch die Post, die falsch sortiert oder nicht zustellbar war, markieren und „abschreiben“ (man lernt ein komplett neues Vokabular kennen als Postbotin), das heißt, wieder an den Sender zurückschicken oder zur Vernichtung freigeben.

Wenn der Tag um fünf Uhr morgens beginnt, ist er auch sehr früh wieder zu Ende. Normalerweise bin ich eher der Typ Nachteule – die Post hat mich gezwungenermaßen zum frühen Vogel gemacht. Um neun Uhr abends sinke ich komplett erledigt ins Bett und stelle meinen Wecker. Auf 4.50 Uhr am nächsten Morgen.

 

Leonie Fößel