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Inhalt Exkursion der Theater- und Medienwissenschaftler zum Spielart-Festival nach München – Teil 2

Im ersten Teil des Berichts über die Exkursion der Theater- und Medienwissenschaftler zum Spielart-Festival nach München gab es einen Einblick in die ersten Stücke des Festival. Im zweiten Teil geht es nun um die letzten Stunden und eine inszinierte „Welt-Klimakonferenz“:

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Ost und West zu Zeiten des Kalten Krieges bilden den Rahmen von „Cassidy“. Foto: www.spielart.org

Am Samstag, dem letzten Festivaltag, standen noch zwei weitere Aufführungen auf dem Plan. „Cassidy“ von Ulrich Eisenhofer und Benno Heisel im Schauburg-Theater der Jugend kam trotz einer Dauer von über zwei Stunden mit nur einem Akteur aus. Hier befanden wir uns in einem gewöhnlichen Zuschauerraum, was die Aufführung allerdings keinesfalls zu einem weniger spannenden und interessanten Ereignis machte. „Cassidy ist ein multimedialer Monolog über die Kunst, die Geheimdienste und die Paranoia. Ausgangspunkt ist ein bislang kaum bekanntes Kapitel des Kalten Krieges: das geheime Kunstförderprogramm der CIA. Literatur, Film, Malerei und Musik wurden im Nachkriegs-Europa zum ideologischen Schlachtfeld zwischen Ost und West.“ So beschreibt es das die Inszenierung begleitende Programm und besser kann man das Thema der Aufführung kaum zusammenfassen. Allerdings war das überzeugende Mittel hier vor allem die Form. Es gab englische Übertitel, Videoinstallationen, Einblendungen von historischen Dokumenten und Personen und Aufzeichnungen von Cassidy, sodass sich Cassidy während der Aufführung bisweilen selbst beim Reden zusah. Eigentlich drehte sich alles um die ominöse Figur des Cassidy, die allerdings immer wieder durchbrochen wurde von anderen historischen Figuren rund um das Kulturförderprogramm der CIA. Wann dieser Bruch stattfand, konnte man nie genau sagen, da ein einziger Schauspieler alle Figuren in sich vereinigte. Manchmal schienen mehrere Figuren gleichzeitig durch ihn hindurch zu scheinen, dann wieder stellte sich der Akteur konkret als Cassidy vor oder schlüpft in die Rolle eines CIA-Agenten. Der Wandel im Vorgehen der CIA, die sich als kleines, geschlossenes System erst nur einzelnen Personen zuwendete, später dann aber mithilfe des Kulturförderprogramms Einfluss auf die breite Öffentlichkeit nahm und alles kontrollieren wollte, spiegelte sich in der Form der Darstellung wider. In der ersten Hälfte der Aufführung beobachtete man Cassidy einfach. Cassidy redete vor uns, aber nicht mit uns. Im zweiten Teil öffnete sich die vierte Wand, der imaginäre Vorhang zum Publikum. Cassidy blickte und sprach uns an. Er kam mit einem Zuschauer ins Gespräch. Ein sehr komplexer Theaterabend, der zum Nachdenken anregte und mich persönlich vor allem durch seine Form begeisterte.

Welt-Klimakonferenz. Foto: Anna Appelt

Die Welt-Klimakonferenz ale beihnahe perfekte Illusion. Foto: Anna Appel

Bevor wir unseren letzten gemeinsamen Abend bei der Festival-Abschlussparty im Muffatwerk ausklingen ließen, gab es noch ein riesiges Event, das es nicht zu verpassen galt. „Rimini Protokoll“ inszenierte eine „Welt-Klimakonferenz“ in den Kammerspielen und ich persönlich kann nur sagen, dass hier eine beinahe perfekte Illusion gelungen ist. Schon im Foyer des ehrwürdigen Theaterbaus wurde man nicht mit einem Programmheft, sondern mit einer Infobroschüre inklusive Ablaufplan begrüßt, die einem den Status als Delegierter eines Landes zuwies und einen mit allen nötigen Informationen rund um die klimarelevanten Fakten dieses Landes ausstattete. Die Bühne sah tatsächlich so aus, wie man es aus Berichten über vergangene politische Großereignisse dieses Formats kennt. Die eingeladenen Experten waren echte Experten. Man hatte mindestens einen weiteren Delegierten seines Landes an der Seite, mit dem man alles Wichtige beraten musste. Experten-Vorträge fanden für verschiedene Länder im großen Theaterraum statt, während andere Länder in Nebenräumen verschiedene Informationen performativ vermittelt bekamen. Israel und andere von Dürre bedrohte Länder nahmen in einer riesigen Installation aus Liegestühlen Platz, in deren Mitte eine Expertin hoch oben auf einem Kran stand und über Kopfhörer Informationen über die Auswirkungen der Trockenheit in den betreffenden Ländern verlas. Hoch oben an der Decke befanden sich hunderte Scheinwerfer, die wie eine riesige, heiße Sonne auf einen herabstrahlten, einen blendeten und schwitzen ließen. Obwohl man sowieso schon verschwitzt zu diesem Termin kam.

Zum Abschluss eine Tour durch München - hier das rathaus bei Nacht. Foto: Anna Appelt

Zum Abschluss eine Tour durch München – hier das rathaus bei Nacht. Foto: Anna Appel

Denn kurze Zeit zuvor eilte man aus den Kammerspielen hinaus ins Freie, um sich zusammen mit seinem Partner-Delegierten in einen Bus zu begeben. In diesem machte man dann auch tatsächlich eine zwanzigminütige Stadtrundfahrt durch München und bekam währenddessen von einer Expertin weitere Informationen über Kultur und Religion des Staates vermittelt, den man in dieser großartigen Simulation vertreten sollte. Als letztes stand die Beratung mit einem anderen Staat auf dem Programm, bei welcher man sich endgültig auf Klimaziele einigen und diese auf dem Papier abliefern musste. Natürlich kamen alle Delegierten schließlich wieder in den Kammerspielen zusammen, um die Ergebnisse der Verhandlungen anzuhören. Ein überwältigendes Ereignis – und immer noch frage ich mich, wie viel Vorbereitungszeit jede einzelne Aufführung wohl in Anspruch genommen haben muss.

Das Spielart-Festival bot vielfältige Eindrücke, bediente verschiedenste Geschmäcker und ich kann jedem nur empfehlen, sich einmal darauf einzulassen – ob als absoluter Performance-Fan oder als Theaterbegeisterter, der offen für neue Formen ist und einfach einmal gerne die Erfahrung machen möchte, bei solch einem großen Festival dabei zu sein.

Anna Appel