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„Innovationsfonds Lehre“ der FAU – Ein Preisträger stellt sich vor: Austerität im Vereinigten Königreich. Eine interdisziplinäre Medienanalyse

Anfang des Jahres 2016 initiierte die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit einem neuen Förderprogramm zur Optimierung der Lehre neue Anreize. Ziel war dabei insbesondere die Aufwertung der Lehrqualität und damit einhergehend die Unterstützung besonders innovativer sowie vielversprechender Lehrkonzepte. In der diesjährigen Förderrunde wurde zusätzlich zum allgemein, fachunabhängigen Fonds noch der „Fokus Lehrerbildung“ ausgeschrieben.

Bewerben können sich bei diesem Projekt alle Lehrenden der Universität, ein Auswahlverfahren wird dann anhand von vorab veröffentlichten Kriterien durchgeführt. Wichtige Eckpunkte sind hierbei zum Beispiel die Stärkung der Internationalisierung, die Erweiterung der Lehre durch innovative Lehr- und Lernkonzepte oder eine Anbahnung von Konzepten zum produktiven Umgang mit Diversität sowie Heterogenität.

Speziell für die Studierenden der FAU birgt der Fonds ebenso Vorteile: Besonders berücksichtigt werden bei der Ausschreibung Projekte, die eine  Optimierung der Studierfähigkeit (insbesondere für Studienanfänger/innen) sowie ein verbessertes Beratungs- und Betreuungsangebot im Auge haben. Darüber hinaus spielt auch der geplante Einbezug der Studierenden in das Lehrangebot eine entscheidende Rolle bei der Auswahl der Förderprojekte.

Das aktuelle Bewerbungsverfahren endete am 15. Mai diesen Jahres. Nach einem zweistufigen Beurteilungsprozess (Begutachtung & Ranking durch die Studiendekan/innen der Fakultäten sowie anschließend endgültige Entscheidung durch ein zentrales Auswahlgremium) wurden dann am 3. Juli die Gewinner des Wettbewerbs bekanntgegeben.

Einer der Preisträger ist Dr. Tim Griebel vom Institut für Politische Wissenschaft, der in Kooperation mit Prof. Dr. Stefan Evert (Lehrstuhl für Korpuslinguistik) ab dem Wintersemester 2017/2018 das interdisziplinäre Seminar „Austerität im Vereinigten Königreich. Eine interdisziplinäre Medienanalyse“ anbietet. Das Seminar wird mit 6200 Euro gefördert.

Wie entstand die Idee, sich für den „Innovationsfonds Lehre“ zu bewerben?

Tim Griebel: Der Kollege Stefan Evert und ich haben uns etwa zur selben Zeit um eine Finanzierung eines Workshops zum gleichen Thema bemüht. Beides ist uns zum Glück gelungen. Der Workshop fand Ende September in Erlangen statt. Die Ausschreibung des Innovationsfonds Lehre bot uns die ideale Gelegenheit, die generelle Idee des Projektes, d.h. die Arbeit am selben empirischen Material aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, auch in die Lehre zu übertragen. Die Studierenden bearbeiten letztendlich dasselbe Projekt wie die bereits etablierten Workshopteilnehmenden und sollen so direkt in unsere Forschung eingebunden werden sowie diese durch ihren Beitrag bereichern.

Wie haben Sie davon erfahren, dass Ihr Projekt ausgewählt wurde?

Tim Griebel: Die für den Fonds administrativ Zuständige, Frau Paulmann, war so freundlich, uns Ende Juni dieses Jahres per Mail über unseren Erfolg zu informieren.

Um was geht es genau in Ihrem neu angebotenen Seminar und was ist das Besondere daran?

Tim Griebel: Das Seminar hat im Wesentlichen zwei Schwerpunkte, der eine ist empirisch, der andere wissenschaftstheoretisch. Gerade die Verbindung macht den besonderen Reiz des Projektes aus. Empirisch geht es um eines der großen Themen unserer Zeit: Austerität. Dieses zumindest im deutschsprachigen politischen Diskurs gerne neutral mit „Sparpolitik“ oder „Haushaltskonsolidierung“ benannte Phänomen ist weit davon entfernt, auf rein technische Fragen der Haushaltpolitik beschränkt zu sein. Vielmehr hat Austerität Auswirkungen auf das geistige Wohlbefinden, die soziale Gleichheit, den politischen Prozess und das alltägliche Leben von Menschen. Einige Beobachter, gerade im englischsprachigen Raum, sprechen deshalb von einem „Age of Austerity“ und von Austerität als einer „gefährliche Idee”, die „beißt“ oder sogar „tötet“. Gerade, weil Austerität so weitreichend ist, kann der Blick aus einer rein disziplinären Perspektive nur unzureichend bleiben. Wir wollen deshalb im Laufe der nächsten Semester Austerität im Allgemeinen und dessen Vermittlung in zwei britischen Tageszeitungen im Speziellen aus dem Blickwinkel verschiedener Fächer fokussieren. Durch die Arbeit am selben empirischen Material aus verschiedenen Perspektiven sollen die Studierenden auch Fähigkeiten im Bereich des interdisziplinären Arbeitens erwerben, die nicht nur zum besseren Verständnis ihres eigenen Fachs und von wissenschaftstheoretischen Fragen beitragen, sondern auch im beruflichen Umfeld – das oft genug aus interdisziplinären Teams bestehen wird – helfen.

Das Seminar ist für Studierende aller Disziplinen offen, von A wie Archäologie bis Z wie Zahnmedizin. Kann man da überhaupt auf einen Nenner kommen?

Tim Griebel: Sie haben recht, das ist eine Herausforderung, die wir auf spezielle Art und Weise meistern wollen. So wird der gemeinsame Nenner aus der Lektüre derselben Zeitungsartikel bestehen. Konkret handelt es sich um ca. 25.000 Artikel zum Suchwort „austerity“ im britischen Guardian und im Daily Telegraphs sowie um eine Auswahl von Bildern zum Thema Austerität innerhalb dieser Artikel. Gerade durch die Arbeit am selben Material werden die unterschiedlichen Fragen und Zugänge verschiedener Disziplinen besonders deutlich. Aber man darf das wissenschaftstheoretische auch nicht zu hoch hängen: Eine Zahnmedizinerin, um in Ihrem Beispiel zu bleiben, wird eher ihre Fähigkeiten zur kritischen Medienlektüre ausbauen können. Aber auch das ist wunderbar, denn: Zwar liest jeder Zeitung, aber viel zu selten wird über das Zeitunglesen an sich nachgedacht und über die unterschiedlichen Welterzählungen, die uns Zeitungen präsentieren.

Was würden Sie sich für einen erfolgreichen Seminarverlauf wünschen?

Tim Griebel: Das Seminar wäre ein großer Erfolg, wenn die Studierenden nicht nur Wissen zu einem so wichtigen Thema wie Austerität gewinnen können, sondern auch den Mut zur Überwindung disziplinärer Grenzen finden würden. Denn Disziplinen bereiten, wie der Name schon sagt, nicht nur einen sicheren Hafen, sondern disziplinieren das Denken und schränken es so oftmals ein.

Ab dem Sommersemester 2018 soll das Seminar ebenso im Rahmen der Lehramtsstudiengänge in Nürnberg angeboten werden. Ist es dann also auch möglich, das Seminar in Nürnberg zu besuchen?

Tim Griebel: Ja, wir sind gerade an der Detailplanung. Auch wenn die generellen Ziele des Seminars auch in Nürnberg handlungsleitend sind, wollen wir hier doch auf die speziellen Bedürfnisse der Lehramtsstudierenden eingehen. So wird es sicherlich für diese Gruppe, ähnlich wie für die Zahnmedizinerin, wichtiger sein, ein kritisches Verständnis für die Rolle von Medien für unseren Lebensalltag zu entwickeln, als tief in wissenschaftstheoretische Debatten einzutauchen.

Herr Dr. Griebel, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Ihr Seminar!

Ich danke Ihnen!

Weitere Informationen zum Seminar sind auf der Homepage des Instituts für Politische Wissenschaft zu finden

Zur aktuellen Ausschreibung zum Innovationsfonds Lehre der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg geht es hier.

Matthias Marx