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„Internet ist wie Essen“ – Smartphones spielen für junge Flüchtlinge eine große Rolle

Die Buchwissenschaftsstudentinnen Tatjana Avendaño (li.) und Julia Wimmer präsentieren die Ergebnisse ihres Bachelorseminars „Mediensozialisation von Flüchtlingskindern und jugendlichen Geflüchteten“. Foto: Ralf Welz

Für Studierende der Erlanger Buchwissenschaft gehört die Veranstaltungsreihe „innovation@publishing“ gewissermaßen zum Pflichtprogramm: Bei der Zukunftstagung des Instituts für Buchwissenschaft dreht sich einmal im Jahr alles um Trends und richtungsweisende Strategien im Buchhandel und der Verlagswelt. Motto dieses Mal: „Mit Smartphone & Co. Mediennutzung jugendlicher Geflüchteter“ – ein Themenkomplex, wie er aktueller nicht sein könnte und die Leute interessiert. Das unterstreicht auch die Besucherresonanz: Obwohl Freitag ist – also mehr oder weniger Wochenende für uns Studenten – und es draußen Schnüre regnet, ist der Senatssaal des Kollegienhauses gut besucht. Auch das eine oder andere fremde Gesicht blitzt im Reigen der Zuhörer auf. Denn der Blickwinkel, unter dem sich die Referenten der heutigen Aufgabenstellung nähern, ist keineswegs auf die buchwissenschaftliche Sichtweise begrenzt: In dem von Dr. Volker Titel und Masterstudent Claus Ludewig auf die Beine gestellten Programm kommen neben Verlagsmenschen auch Sozialpädagogen, Kommunikationsforscher und Lehrkräfte zu Wort.

Den Auftakt der Konferenz bildet Carola Richter. Live via Skype zugeschaltet, stellt die Professorin für internationale Kommunikation an der FU Berlin die Ergebnisse der von ihr mitherausgegebenen Studie „Flucht 2.0“ vor. Die Untersuchung beschäftigt sich mit der Mediennutzung junger Flüchtlinge – und zwar vor und während ihrer Flucht sowie ab dem Zeitpunkt ihrer Ankunft bei uns in Deutschland. Wesentliche Erkenntnisse der Studie sind: Das Smartphone nimmt für die meisten Geflüchteten nach ihrer Flucht einen erheblich größeren Stellenwert ein als in ihren Heimatländern. Das Internet wird dabei in erster Linie zur Kommunikation und Information genutzt. Vor allem Messagedienste wie WhatsApp spielen hierbei eine zentrale Rolle. Wie wichtig das Web gerade für die Jugend ist, verdeutlicht eine weitere Studie: „Für viele Flüchtlinge ist das Internet genauso wichtig wie Essen“, betont Lisa-Marie Kreß von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg während ihres Gastspiels in Erlangen. Die Initiatorin der Studie „Internet ist the same like food“ sieht die digitalen Medien als Mittel zur gesellschaftlichen Teilhabe. „Viele Flüchtlinge melden sich bei Facebook bewusst mit Klarnamen und Profilbild an, um Familienmitglieder zu finden“, sagt Kreß.

Lernprogramm für Deutsch als Zweitsprache

Inwieweit sich mit der sogenannten Flüchtlingskrise gegebenenfalls auch Chancen in Form neuer Geschäftsmodelle auftun können, stellt Joachim Kleinlein aus Kleinsendelbach unter Beweis. Mit seiner Firma Oriolus hat er ein Lernprogramm für Deutsch als Zweitsprache entwickelt, das unter anderem in der Gräfenberger Ganztagsschule „school in“ seinen Einsatz findet. Dass das Erlernen der deutschen Sprache eine der Hauptsäulen der Integration ist, betont auch Nina Finger. Als Projektmanagerin der Stiftung Lesen in Mainz betreut sie aktuell das Programm „Lesestart für Flüchtlingskinder“, in dem sie bundesweit Erstaufnahmeeinrichtungen mit Buchpaketen versorgt. „Auf diese Weise wollen wir Flüchtlingskinder und ihre Eltern an das Thema Vorlesen heranführen“, so Finger.

Auch innerhalb der FAU ist das Thema Flucht allgegenwärtig: Im Rahmen eines Bachelorseminars beschäftigen sich die Buchwissenschaftsstudentinnen Tatjana Avendaño und Julia Wimmer seit Frühjahr mit der „Mediensozialisation von Flüchtlingskindern und jugendlichen Geflüchteten“. Neben Interviews mit jungen Flüchtlingen in Schulen haben die beiden und ihre Kommilitoninnen auch den deutschen Buchmarkt unter die Lupe genommen. Ergebnis: Seit 2015 lässt sich ein gravierender Anstieg von Publikationen für und über Flüchtlinge beobachten. „Am besten wäre es, diese Angebote zusammen mit den Flüchtlingen zu entwerfen“, unterstreicht Seminarleiter Dr. Volker Titel.

Integrationsforum FAU Integra

Nicht nur am Institut für Buchwissenschaft macht man sich Gedanken über die Flüchtlingssituation. Auch viele andere Lehrstühle unserer Hochschule widmen sich der aktuellen Problematik. Koordiniert werden die Projekte vom universitätsinternen Integrationsforum FAU Integra. Neben der fächerübergreifenden Vernetzung der Forschungsarbeit zum Thema Flucht dient die Einrichtung auch als Anlaufstelle für geflüchtete Studierende. Gegenwärtig lernen etwa 230 Flüchtlinge Deutsch an unserer Uni. Wie viele geflüchtete Studenten insgesamt an der FAU eingeschrieben sind, ist dementgegen unbekannt. „Studierende mit Fluchthintergrund werden nicht extra erfasst“, sagt Sina Fehr. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin von FAU Integra hat sie gleichwohl mit vielen von ihnen sprechen können. Einer von ihnen ist Tareq Aljwed, der vor seiner Flucht als Grundschullehrer im syrischen Hama gearbeitet hat. Inzwischen hat der 28-Jährige gewissermaßen die Seiten gewechselt. Denn aktuell drückt er selbst wieder die Schulbank: In einem Abendkurs büffelt er gerade Deutsch, um für ein Studium an der FAU gewappnet zu sein. Was genau er studieren möchte – darüber ist er sich selbst noch nicht ganz schlüssig. Wie sehr ihm die Rolle als Lehrer jedoch liegt, sieht jeder, der seinen YouTube-Kanal besucht: In seiner „Tareq Academy“ gibt er seine bislang erworbenen Deutschkenntnisse an andere Sprachschüler mit arabischen Migrationshintergrund weiter.

Ralf Welz