Inhalt

Ja, sie leben noch! Studentische Initiativen erfreuen sich trotz verkürzter Studienzeit weiterhin großer Beliebtheit

Das Robotics-Team investiert viel Zeit und Energie. Aber es lohnt sich!

Das Robotics-Team investiert viel Zeit und Energie. Aber es lohnt sich. Foto: Markus Hoffmann

Letztes Jahr waren die Studenten bei der Fußball-WM in Brasilien, dieses Jahr fahren sie nach China. Sie nehmen aber nicht an einem Spiel teil, das von Menschen geführt wird – sondern von Robotern. Robotics heißt die Erlanger Studenteninitiative, die jedes Jahr eine Mannschaft aus sechs selbst gebastelten Robotern zum Robocup mitnimmt. Dort treten Roboter aus der ganzen Welt gegeneinander an. 2014 haben die Erlanger Platz Vier belegt. Ihr Ziel: „Weltmeister werden, solange wir noch dabei sind“, so Markus Lieret. Der 22-Jährige studiert Maschinenbau im Bachelor. Trotz der verkürzten Studienzeit, die der Bachelor mit sich bringt, nimmt er sich die Zeit für das ehrenamtliche Engagement. Warum? „Es macht Spaß und wir können das Wissen aus der Uni praktisch anwenden.“ Wie Lieret engagieren sich viele Studenten in Initiativen – seien diese nun an die Hochschule angegliedert oder außeruniversitär.

30 Prozent der Studenten sind ehrenamtlich aktiv, wie die Studie Fachkraft 2020 im August 2013 herausfand. Durchgeführt wurde sie von der Studitemps GmbH und der Universität Maastricht. Was auch interessant ist: Je höher der Abschluss, desto größer ist das Engagement. Von den Bachelor-Studenten engagieren sich 28 Prozent, im Master sind es sogar 35 Prozent. Am häufigsten sind die Befragten in den Bereichen Lebenshilfe/Pflege, studentische Selbstverwaltung und Umweltorganisation/Tierschutz tätig.

Die Robotics verfolgen eing roßes Ziel: „Weltmeister werden, solange wir noch dabei sind.“ Foto: Markus Hoffmann

Die Robotics verfolgen eing roßes Ziel: „Weltmeister werden, solange wir noch dabei sind.“ Foto: Markus Hoffmann

Wer will, der findet auch im verkürzten Bachelor-System noch die Zeit für eine Initiative. „Ich glaube, für viele ist nicht der Zeitaspekt entscheidend, sondern persönliches Interesse“, glaubt Lieret. Seinem Kollegen, dem Elektrotechnik-Studenten Markus Hoffmann, fällt jedoch kein Robotics-Mitglied ein, das den Bachelor-Abschluss in sechs Semestern geschafft hat. Und Alexander Danzer, 24, fügt hinzu: „Ich finde an der Regelstudienzeit schade, dass die Zeit für Projekte limitiert ist.“ Die drei Bastler sind sich einig, dass dreizehn Semester Maximalstudienzeit zu kurz sind. Von aktiven Mitgliedern, die sich für ihr Studium über zehn Jahre Zeit lassen, können sie nur träumen.

Das Grundproblem des Bachelor-Systems ist laut Benedikt Kopera, dass Mitglieder kommen und gehen – besonders, wenn sie zum Master den Studienort wechseln. Er selbst ist 26 Jahre alt, studiert im 13. Semester den Master Kulturgeographie und ist seit drei Jahren Mitglied des Aktionsbündnisses Semesterticket. Vor der Abstimmung über das Semesterticket investierte er mehr als vierzig Stunden Zeit pro Woche in das Projekt. „Ich habe dabei Sachen gelernt, die ich im Studium nie gelernt hätte, zum Beispiel Pressemitteilungen schreiben“, antwortet er auf die Frage nach dem Grund für sein Engagement.

Wie viel Zeit man sich nimmt, entscheiden in allen Initiativen die Mitglieder selbst. Schließlich machen sie die Arbeit freiwillig. Natalie Walther arbeitet seit drei Semestern bei der AG Medizin und Menschenrechte in Erlangen mit. Die 24-jährige Psychologie-Studentin spricht von fünfzehn aktiven und bis zu dreißig semi-aktiven Mitgliedern. Sie helfen Flüchtlingen, indem sie Spenden sammeln und ihnen im Krankheitsfall Fachärzte vermitteln. „Man kann relativ frei entscheiden, wie sehr man sich reinhängt. Aber eigentlich sind die Möglichkeiten grenzenlos, etwas zu tun.“ Ihr erscheint die Arbeit so sinnvoll und dringend, dass sie sogar bei Zeitmangel helfen will. Nicht nur helfen, sondern auch Wissen über Flüchtlinge weitertragen, um Vorurteile abzubauen.

Kulturkessel_Logo     Kultur, Umweltschutz oder Politik - studentische Initiativen gibt es für (fast) alle Interessen.

Kultur, Umweltschutz oder Politik – studentische Initiativen gibt es für (fast) alle Interessen.

Diese AG ist völlig eigenständig, während andere Initiativen Unterstützung von der Studierendenvertretung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) bekommen. Sabrina Ahmed und Carla Ober zum Beispiel. Sie studieren beide Orientalistik. Bei der Erstsemesterbegrüßung erfuhren sie, dass die Erlanger Universität keine Studentenzeitung hat. „Wir sind eine Uni mit 40.000 Studenten. Da braucht man eine eigene Zeitung“, meint Ober. So haben die beiden beschlossen, selbst eine zu gründen. Starthilfe gibt ihnen dabei die Studierendenvertretung: Sie stellt ihnen Räume zur Verfügung und hat E-Mail-Verteiler eingerichtet. Schon bei ihrem ersten Treffen kamen etwa ein Dutzend Interessierte, die Artikel übernommen haben. Im Sommersemester wollen sie die erste Ausgabe veröffentlichen.

Wenn das Vorhaben gelingt, ist die FAU um eine Initiative reicher. Wie viele Initiativen es genau gibt, weiß an der Hochschule niemand genau. Die Studierendenvertretung nennt allein fünfzig Fachschaftsinitiativen und 36 andere Hochschulgruppen auf ihrer Homepage – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Von Kultur über Politik bis hin zu Religion sind nahezu alle Bereiche abgedeckt. Über hundert Initiativen gibt es an der FAU. Viele davon sind unabhängig und melden sich nicht bei der Hochschulverwaltung oder der Studierendenvertretung. Genaue Zahlen sind deshalb nicht bekannt.

Die Mitglieder der Initiativen konzentrieren sich nicht nur auf ihr Studium, sondern wollen sich darüber hinaus engagieren. Über Zuwachs freuen sie sich immer. Besonders das Robotics-Team sucht gerade Erstsemester als Nachfolger. Dagegen scheint die AG Medizin und Menschenrechte keinen akuten Nachwuchsmangel zu haben. In diesem Wintersemester waren beim ersten Treffen etwa dreißig Interessierte. Darüber freut sich Natalie Walther natürlich, doch es gibt Grenzen: „Wir können ja auch keine Treffen mit hundert Leuten machen. Dafür hätten wir nicht genug Platz.“

Patricia Achter –  re›flex-Magazin