Inhalt

Kasachstan und das „Great Game des 21. Jahrhunderts“

Der meineFAU-Blog sucht immer wieder Studenten und Studentinnen, deren Abschlussarbeit online präsentiert werden kann. Hier stelle ich meine Bachelorarbeit im Fach Politikwissenschaft vor. Gerade gegen Ende des Studiums habe ich mich mit der Region Zentralasien und insbesondere Kasachstan beschäftigt. Zentralasien und die der Region zugehörigen Länder sind für uns hier in (West-)Europa faktisch „Terra Incognita“, eine Region, die wir vielleicht noch entfernt mit Märchen aus unserer Kindheit in Verbindung bringen, wenn wir die Namen „Samarkand“, „Marco Polo“ und „Seidenstraße“ hören. Ich habe mich in meiner Abschlussarbeit nun mit der Außenpolitik Kasachstans auseinandergesetzt.

Von Khanaten, Kommunismus und Kapitalismus — ein kleiner Streifzug durch Kasachstans Geschichte

Kasachstan liegt in Zentralasien und damit in einer Region, die bis heute nicht exakt definiert ist. Welche Länder zählen zu ihr und welche nicht? Eine Frage für die es unterschiedliche Antworten gibt. Die wohl gängigste geografische Definition rechnet zu Zentralasien Teile Russlands — genauer das südliche Sibirien —, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan (die oftmals mit einem Hauch Geringschätzung als „Stan-Länder“ oder „Stans“ bezeichnet werden), die westliche chinesische Uiguren-Provinz Xingjan — die Region gehörte früher zum Großraum Turkestan und war dessen östlicher Ausläufer —, die Mongolei und Afghanistan. In der Politikwissenschaft wird Zentralasien oft kleiner gefasst. Zentralasien seien die ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan.

Kasachstan selbst hat eine wechselvolle Geschichte. Schon in der Steinzeit besiedelt, etablierten sich hier verschiedene Reiche von Turkvölkern, weshalb die Region früher als Großraum Turkestan bekannt war. Schon de facto immer lebten diese Völker nomadisch. Erste proto-staatliche Verwaltungseinheiten wurden unter der Herrschaft der Mongolen etabliert. Im 19. Jahrhundert war die Region Spielball der beiden Großmächte Russland und Großbritannien. In dem als „Great Game“ bekannten Ringen um globale Macht einigten sich das Britische Imperium und das Russische Zarenreich über Zentralasien als Pufferzone zwischen dem russischen Sibirien und dem britischen Indien, auch als „British Taj“ bekannt. Geheimdiplomatie sorgte dafür, dass beide Seiten dennoch versuchten, ihren Einfluss konsequent nach Zentralasien auszudehnen. Die britischen Träume in der Region endeten dann aber erstmal mit der Niederlage der britisch-indischen Armee in Afghanistan, gegen die lokalen Stämme.

Kasachstan bildete etwa in dieser Zeit eigene Organisationseinheiten aus, die man als staatsähnlich bezeichnen kann: die sog. Khanate. Die kasachischen Stämme waren in drei Horden (kasach. Zhus) zusammengefasst, die Große Horde, die Mittlere Horde und die Kleine Horde. Noch heute spielt für die Kasachen die Zugehörigkeit zu ihrer Horde eine wichtige Rolle in ihrer Gesellschaft und bei ihrer Identität. Mit dem Sowjetkommunismus kam für Kasachstan die Unterdrückung. Schon das zaristische Russland etablierte Verwaltungsbezirke, die der nomadischen Lebensweise der zentralasiatischen Völker nicht gerecht wurde. Unter Josef Stalin trieben die Kommunisten diese Politik auf die Spitze. Die Verwaltungsbezirke wurden gezielt so gefasst, dass lokale Konflikte vorprogrammiert waren. Die Stämme sollten sich untereinander streiten, sodass sie gar nicht die Möglichkeit hätten, sich gegenüber der Sowjetunion aufzulehnen. Moskau konnte so zudem als Schlichter auftreten und seine Rolle als Brandstifter verschleiern. Im Zuge dieser Politik kam es auch zur Zwangseßhaftmachung der Nomaden. In Folge verendeten deren große Herden, die daraus resultierende Hungersnot forderte unter den Nomaden bis zu 2 Millionen Tote. 1991 endete dann die Ära der Sowjetunion und die Republik Kasachstan erklärte sich für unabhängig. Mit der staatlichen Souveränität begann die Herausforderung einer eigenen Außenpolitik unter den Vorzeichen eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems.

Kasachstans „multivektorale Außenpolitik“: Taktieren zwischen den Großmächten

Mit der nationalstaatlichen Souveränität sah sich Kasachstan neuen Herausforderungen gegenüber. Wortwörtlich über Nacht musste es eine eigene Außenpolitik organisieren. Weder Erfahrung, Tradition noch diplomatische Strukturen standen zur Verfügung. Russland übernahm anfangs die außenpolitische Vertretung Kasachstans. Eine maximale Abhängigkeit von Moskau. Mit der Unabhängigkeit kam aber auch eine weitere, geopolitische Herausforderung: die junge Republik fand sich als Nation mit enormem Ressourcenreichtum zwischen den Großmächten wieder. Kasachstan grenzt an Russland und an China. Die kasachstanisch-russische Grenze ist mit über 7000 km die längste Landesgrenze der Welt. Im Norden also Russland, im Osten China. Im südlichen Afghanistan, in Usbekistan und Kirgisistan entstanden nach dem 2001 einsetzenden „Krieg gegen den Terror“ zudem US-amerikanische Militärbasen. Die Europäische Union schob sich mit ihren Osterweiterungen Richtung Zentralasien. Kasachstan grenzt im Süden zudem an das kaspische Meer. Ebenso wie die schiitische Schutzmacht Iran. Und auch die Türkei und Indien blicken Richtung Zentralasien.

Die Frage, der ich nachgehe, ist, wie sich Kasachstans „multivektorale Außenpolitik“ klassifizieren lässt. Diese Bezeichnung wählt Kasachstan selbst, andere zentralasiatische Staaten wie Kirgisistan tuen es ihm gleich. Sie impliziert, dass sich das Land offiziell nicht (zu stark) zu einem außenpolitischen Partner bekennt, sondern gute Beziehungen zu allen relevanten Akteuren unterhält. Was tut Kasachstan, um in diesem internationalen Umfeld zu überleben und seine Sicherheit zu gewährleisten?

Zur Anwendung kommen bei meiner Analyse zwei Theorien, die dem sog. Realismus entstammen: das Balancing und das Bandwagoning. Bei diesen beiden handelt es sich um Theorien mittlerer Reichweite, wie es bei uns Politologen heißt. Solche Theorien sollen bestimmte Sachverhalte erklären und sind wiederum in sog. Großtheorien eingebettet, die allgemeine Sachverhalte zu erklären versuchen. In meinem Fall die internationalen Beziehungen zwischen Staaten. Eine solche Großtheorie ist der Realismus, der eine lange Tradition aufweist. Zentrales Merkmal des Realismus sind die Frage nach dem staatlichen Überleben, Macht und Sicherheit im internationalen Staatensystem, das aufgrund einer fehlenden Ordnungsinstanz, die über den Staaten steht, anarchisch ist. Die souveränen Staaten sind die obersten Akteure und aus dieser Sicht erstmal grundsätzlich gleichrangig.

Betreibt ein Staat Balancing geht man davon aus, dass er Allianzen mit anderen Staaten eingeht, um den mächtigsten Akteur — bspw. in einem regionalen Subsystem wie Zentralasien — daran zu hindern, eine Hegemonialmacht zu werden und dadurch gegenüber anderen Staaten besser seinen Willen durchsetzen zu können. Betreibt ein Staat Bandwagoning sucht er keine Allianz mit anderen Staaten, um sich gegen den mächtigsten Akteur zu verbünden — ganz im Gegenteil. Er sucht die Allianz mit dem Mächtigsten, um von dessen Macht zu profitieren und so sein eigenes Überleben zu gewährleisten. Diese Form ist, nach dem aktuellen Stand der Forschung, deutlich seltener als das Balancing.

In einer historisch-empirischen Analyse betrachte ich also ausgewählte außenpolitische Aktionen der Republik Kasachstan seit der Unabhängigkeit und bewerte sie anhand der oben vorgestellten Theorien. Davon erhoffe ich mir zum Einen Erkenntnis, zum Anderen Prognosemöglichkeiten über zukünftiges außenpolitisches Handeln Kasachstans. Um den Zweck meiner Arbeit nicht mit diesem Beitrag ad absurdum zu führen sei an dieser Stelle lediglich angemerkt, dass Kasachstan außerordentlich komplex agiert und eine extrem vielschichtige Außenpolitik aufweist.

Warum aber sich die Mühe machen? Zentralasien ist eine der an Rohstoffen reichsten Regionen der Erde. Seit dem Untergang der Sowjetunion existieren dort junge Nationalstaaten, die noch im Selbstfindungsprozess und Aufbau ihrer Staatlichkeit inbegriffen sind. Gleichzeitig agieren die mächtigsten Nationen der Welt in dieser Region bzw. grenzen direkt an sie. Mit der sog. „One Belt One Road“-Initiative hat die Volksrepublik China begonnen, einen Wirtschaftsgürtel von China über Zentralasien, Osteuropa bis hin nach Westeuropa zu erschaffen. Ein ehrgeiziges Projekt, dass nicht zu Unrecht als „Neue Seidenstraße“ bezeichnet wird. Die Folgen wären ein enormes Wirtschaftswachstum in den betroffenen Regionen, wie auch ein immenser (ökonomischer) Machtzuwachs der beteiligten Staaten. Die Europäische Union und die USA werden vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen gestellt. Das „Great Game“ wiederholt sich, wenn auch nur teilweise. Rangen im 19. Jahrhundert zwei Großmächte um globale Macht, also in einem bipolaren System, sind es heute viele Staaten, die ein neues multipolares System erschaffen und die Zeit der US-amerikanischen Dominanz auf der internationalen Bühne, also ein aktuell existierendes unipolares System, beenden könnten. Ein sehr einflussreicher realistischer Denker und Stratege des Weißen Hauses und der US-amerikanischen Außenpolitik, der dieses Jahr verstorbene Zbigniew Brzezinski, bezeichnete Zentralasien einst als die geopolitisch wichtigste Region der Erde und Schlüssel zur globalen Vorherrschaft. Das „Great Game“ des 21. Jahrhunderts hat gerade erst begonnen.

Severin Maier

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind * markiert

Sie können die folgenden HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>