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Kommunalka – Von weißrussischen Gedichten, Kafka und polnischem Käsekuchen

Die Gründer von Kommunalka: Cornelia, Sonja, Igor (v. l.). Foto: Anna Appel

Seit Ende Mai dieses Jahres gibt es eine neue Gruppe an der FAU, die sich „Kommunalka“ nennt. Nach einer Russland-Exkursion im Rahmen des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas) der FAU wollten die FAU-Studierenden Cornelia, Sonja und Igor sich unbedingt weiterhin mit Osteuropa und seinen verschiedenen Staaten, Menschen und Kulturen beschäftigen – und das am liebsten gemeinsam. Deshalb haben sie Kommunalka ins Leben gerufen und möchten nun zusammen mit anderen Osteuropa-Interessierten sprechen, feiern und osteuropäische Kunst, Kultur und Literatur entdecken. Außerdem möchten sie am liebsten alle osteuropäischen Länder bereisen. Vor zwei Wochen haben sie die Ukraine besucht und sind jetzt noch motivierter, mit Kommunalka persönliche Kontakte zu knüpfen und Osteuropa zu erkunden. Nun durften wir Cornelia, Sonja und Igor in einem sehr lebendigen und heiteren Gespräch persönlich kennenlernen.

Hallo, schön euch kennenzulernen! Könnt ihr mir bitte ein bisschen was über Kommunalka erzählen? Was ist Kommunalka?

Cornelia: Freut uns ebenso! Wir wollen den Kulturaustausch zwischen Osteuropa und Erlangen stärken und uns mit Themen auseinandersetzen, die Menschen im osteuropäischen Raum beschäftigen. Dabei möchten wir uns ganz bewusst den Blick auf alle osteuropäischen Länder offenhalten, persönlichen Kontakt zu den Menschen herstellen, die in Osteuropa leben und ihre Alltagskultur kennenlernen. Wir fragen uns, was die Menschen in Osteuropa – abgesehen von den politischen Krisen und Themen – wirklich bewegt. Welche Bücher lesen sie? Was gibt es in Osteuropa an Kunst und Kultur? Und was erleichtert den Alltag der Menschen in den osteuropäischen Ländern?

Sonja: Wir waren alle drei zusammen auf einer Russland-Exkursion im Rahmen des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte. Ich studiere zwar als einzige von uns dreien nicht Osteuropäische Geschichte, durfte aber trotzdem an der Exkursion teilnehmen. Man kommt in Russland mit gewissen Vorstellungen von und Klischees über Osteuropa an. Nachdem wir uns aber mit vielen Menschen vor Ort unterhalten haben, waren wir teilweise sehr überrascht über ihre Ansichten und die Art, wie sie leben. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es wichtig ist, sich persönlich kennenzulernen und gegenseitige Vorurteile zu überwinden.

Cornelia: In unserem Studium lernen wir – zumindest Igor und ich – schon genug in theoretischer Art und Weise über die Länder, Leute und die Geschichte Osteuropas. Aber es ist nochmal eine komplett andere Dimension, Menschen in Osteuropa persönlich kennenzulernen, ihre Geschichten anzuhören und plötzlich statt einer breiten Masse, die durch irgendeine Nationalität definiert wird, Individuen vor sich zu haben.

Sonja: Wir erzählen zum Beispiel öfter die Geschichte von den russischen, antialkoholischen Studenten, die wir bei unserer Exkursion getroffen haben. Sie haben noch nie in ihrem Leben Wodka getrunken, obwohl das Wodkatrinken ja eigentlich so ein typisches Klischee über Russen ist.

Igor: Die Menschen in Deutschland wissen sehr wenig über Osteuropa. Es gibt auch Seminar-Angebote bezüglich Osteuropa an der FAU, die fernab von ECTS-Punkten funktionieren. Diese existieren aber leider nur sehr vereinzelt. Deshalb sind wir auf die Leiterin des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte, Frau Prof. Dr. Obertreis, zugegangen und haben sie gefragt, ob wir jenseits des normalen Lehrangebots zu Osteuropa an der FAU etwas auf die Beine stellen können.

Cornelia: Eigentlich geht es bei uns genau um die Fragen: Was an den Osteuropa-Klischees ist wahr und was nicht? Und was verbirgt sich hinter den Klischees? Dabei ergibt sich manchmal eine absolute Gleichzeitigkeit, das heißt, dass Klischees gleichzeitig komplett bestätigt und komplett revidiert werden.

Was war der konkrete Auslöser dafür, Kommunalka zu gründen?

Cornelia: Nach unserer Russland-Exkursion saßen wir gemeinsam im Flieger nach Deutschland und hatten das Gefühl, unbedingt zusammen weitermachen zu wollen. Wir waren traurig darüber, dass unsere gemeinsame Zeit schon vorbei war. Und wir wollten die persönlichen Kontakte, die wir in Russland geknüpft hatten, unbedingt aufrechterhalten und das Land noch besser kennenlernen, auch ohne vor Ort zu sein.

Igor: Es war für unsere Exkursion so vorgesehen, dass wir uns mit Studenten vor Ort treffen. Das wurde in einem offiziellen Rahmen zusammen mit der Erlanger Partnerstadt Wladimir organisiert. In Wladimir gab es eine sehr strenge, russische Dozentin, die ihre Studenten geradezu zensiert hat. Wir saßen alle zusammen, russische Flaggen an der Wand, und alles, was die Studierenden gesagt haben, wurde von der Dozentin nochmal zurechtgebogen und korrigiert, damit kein falscher Eindruck entsteht. Das war dann zum Beispiel so ein Klischee, das bestätigt wurde. Nach dieser Veranstaltung haben wir uns nochmal frei mit denselben Leuten getroffen und konnten dann auf einer ganz anderen Ebene miteinander sprechen und haben ganz andere Dinge erfahren. Allerdings mussten wir feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, mit den Menschen in Russland in Kontakt zu bleiben, da sie massive Schwierigkeiten haben, zu uns zu kommen und wir – aufgrund der Visa – massive Schwierigkeiten, nach Russland zu reisen.

Sonja: Die Barrieren sind für die russischen Studenten aber noch viel größer als für uns und deshalb dachten wir uns, wir müssten eigentlich schauen, ob man es ihnen von hier aus erleichtern könnte, nach Deutschland zu kommen. Die russischen Studenten sind ja ebenso daran interessiert, uns zu besuchen.

Cornelia: Russland ist diesbezüglich für uns ein Stück weit komplizierter, aber ich war vor ein, zwei Wochen in der Ukraine und es war sehr leicht, dorthin zu kommen. Der Flug ist sehr günstig und dauert nicht lange. Für die Ukrainer wiederum ist es extrem schwierig, nach Deutschland zu kommen, weil hier alles viel teurer ist als in der Ukraine. Unser Ziel ist es, Reisen in osteuropäische Länder eigenständig zu organisieren, denn wir möchten gemeinsam die osteuropäischen Länder bereisen. Die Frage ist noch, wie wir das auf die Beine stellen können.

Der Name eurer Gruppe bezieht sich auf ein Phänomen aus der Sowjetunion, wie ihr es in eurem Manifest beschreibt. Würdet ihr euch als politische Gruppe bezeichnen?

Igor: Nein, wir wollen unsere Gruppe unpolitisch halten, auch wenn wir persönlich alle sehr politisch interessiert sind. Wir wollen mehr zivilgesellschaftliche als politische Arbeit leisten.

Sonja: Es wäre auch zu kompliziert, wenn wir uns politisch positionieren würden. Wir wollen mit offenen Augen aufeinander zugehen und vorurteilsfrei bleiben und ich finde, wenn man sich als Gruppe politisch positioniert, begibt man sich schon wieder in eine gewisse Begrenzung.

Cornelia: Der Name Kommunalka ist eher geschichtlich als politisch motiviert. Es geht uns um die Begegnung mit Menschen. Woher sie kommen, ist uns egal, aber wir möchten wissen, was diese Menschen prägt, ausmacht und beschäftigt. Wir haben uns Osteuropa ausgesucht, weil uns das Gebiet interessiert, aber von unserer Arbeitsweise her könnten wir uns auch genauso mit jedem anderen Land auf der Welt auseinandersetzen.

Igor: Der Name Kommunalka kommt eigentlich daher, weil wir eine Kommunalwohnung in Sankt Petersburg besucht haben. Dort wohnte eine sehr nette Frau mit einer riesigen, dicken Katze und einem wahnsinnig kleinen Hund, der von der Katze durch die ganze Wohnung gejagt wurde. Die Wohnung war erstmal vom Aufbau her sehr faszinierend. Und dann hat uns die Frau erzählt, dass dort früher etliche Familien gewohnt haben, aber heute nur noch sie allein mit ihrem Mann und ihrer Katze. Das war der Anstoß für uns, Kommunalka zu gründen: So viele verschiedene Menschen mussten auf kleinstem Raum miteinander auskommen, trotz aller Streitigkeiten.

Cornelia: Es war diese Idee des Aufeinandertreffens, das ja auch bereichernd sein kann. Kommunalkas gibt es heute immer noch – in Sankt Petersburg weniger, aber in anderen Städten noch sehr viele. Die funktionieren heute wie Zweck-WGs und die Leute schließen sich zusammen, weil diese Art zu leben einfach viel günstiger ist. Früher waren die Wohngemeinschaften dagegen staatlich erzwungen.

Ihr schreibt ja in eurem Manifest, dass die Küche das Herzstück der Kommunalkas war. Kocht ihr auch öfter zusammen?

lachen. Sonja: Als wir uns zum ersten Mal zusammengesetzt haben, haben wir uns tatsächlich zum Kochen getroffen.

Cornelia: Und die erste Aktion von Kommunalka war, einen Samowar (Anm. d. Red.: russischer Teekessel) für unser Institut zu besorgen.

Sonja: Wir essen auch einfach sehr gerne.

Igor: Genau. Wir kochen tatsächlich viel aus der russischen Küche, auch unabhängig von Kommunalka.

Sonja: Aber auch bei Kommunalka-Veranstaltungen gibt es immer etwas zu essen, zumindest schwarzen Tee und Kekse.

Igor: Bei unserem Sommerfest Mitte Juli haben wir Borschtsch gemacht und die Besucher haben noch selbst etwas mitgebracht.

Cornelia: Die Liebe zu einem Land geht ja auch durch den Magen. Du kannst dich einem Land durch das Kochen sehr einfach annähern.

Sonja: Essen ist ja auch ein Teil der Alltagskultur. Wir haben uns überlegt, vielleicht mal solche Koch-Aktionen zu machen, bei denen wir ansagen: „Heute machen wir rumänische Küche, wer möchte mitmachen?“

Cornelia: Oder wir backen zusammen polnischen Käsekuchen. lacht. Also: Ja und nein. Kochen ist uns wichtig, aber es ist nicht Programm.

Wie die Gruppe mit Klischees über Osteuropa umgeht, was Schnaps für eine Rolle spielt und warum man unbedingt mitmachen sollte, erfahrt ihr bald im zweiten Teil des Interviews.

Anna Appel

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