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„Man wird ja wohl noch…“

Alle Stories der Lesereihe gebündelt in einem hübschen Büchlein. Foto: Milena Kühnlein

Gewinnerin Felisa Walter darf sich freuen. Ihr Text „Halt endlich deine Scheißfresse, du Arschloch“ hat das Krönchen der PULS Lesereihe 2017 aufgesetzt bekommen. Insgesamt 12 Jungautoren durften bei der Lesereihe in Regensburg, Würzburg, Passau und Nürnberg ihre Texte vorstellen. Das Motto der Lesereihe ist schnell erklärt. Alles, was den Autoren zu „Man wird ja wohl noch…“ einfällt, durfte eingesendet werden. Aus den Zusendungen wählte dann eine hochkarätige Jury aus. Beim Vorentscheid in Nürnberg ging es am 9. Februar im Zentralcafé Nürnberg für Lukas Arenz, Thomas Breitung und Thomas Perle um einen Platz im Finale, das Felisa Walter am Ende für sich entscheiden sollte. Für die musikalische Begleitung sorgte Rapper Fatonio, der mit Songs wie „Authentizität“ die Stimmung auflockerte. Moderation, Location und Musik Act waren in typischer PULS-Philosophie locker und auf den Punkt. Der Merchandise-Stand mit kostenlosen Süßigkeiten, Kugelschreibern und Postern löste bei den anwesenden Studenten Grapsch-Alarm aus. Nachhaltig für Begeisterung sorgten allerdings die individuellen, witzigen und traurigen Texte.

Lukas Arenz setzt sich in seinem Text „Man wird ja wohl noch…“ mit unfassbarer Sprachlichkeit mit einem heiklen Thema auseinander: Tourismus und die Generation Y. Überall gewesen, alles gesehen. Im Billigflieger Richtung Südafrika oder eben in andere Länder, die eventuell politisch ein oder zwei Probleme haben.  Klug dekonstruiert Arenz jede Ausrede für das Vielfliegen und Instagram-Modeln in Krisenregionen.
„[…], jetzt sei man jung und hätte die Zeit, später nur noch das Geld, aber nicht mehr die Zeit, […] auch wegen der Völkerverständigung, aber auch weil man das ja wieder gebrauchen kann, jedenfalls müsse man sich beeilen und was das nun bitte soll.“ Und jeder PULS-Lesereihen-Zuhörer schaut peinlich berührt auf seinen Armbändchen aus einem fernen, fernen Land nieder. Für mich der beste Text des Abends.

Der Troll-Man

Weiter ging es mit Thomas Breitung, der einen genialen und topaktuellen Text über Internethass vortrug. Der Text wechselt zwischen der Ich-Perspektive, gesprochen von einem Superhelden namens „Troll-Man“, und einigen mit Rechtschreibfehlern übersäten Internetkommentaren, wie man sie zu Hauf und jeden Tag auf Facebook lesen kann. Breitung zauberte eine ganz eigenartige Stimmung ins Zentralcafé in Nürnberg. Wer sagt eigentlich, dass diese Internet-Trolls nicht in Wahrheit deine Arbeitskollegen sind? Deine Nachbarn? Ja, wer sind sie denn eigentlich?
Stück für Stück verschiebe ich die Grenze dessen, was man wohl noch sagen darf. Jeden Tag ein klein wenig mehr. Mein Reich kommt.“ Damit trifft Breitung die Zuschauer und das Thema direkt ins Herz. Mit einem Klick auf die Facebook-Pages bekannter Tageszeitungen und Magazine tauchen sie auf, diese Kommentare, und Breitung ahmt sie in seinem Text treffsicher nach. „Gott wenn ich die vielen bescheuerten menschen seh denke ich mir: warum nicht mal ein paar von denen erschiesen?“
Das Publikum schweigt. Ein wichtiges Thema wurde dank Thomas Breitung in einem eindringlichen Text verarbeitet und von ihm zudem vorgelesen, wie es sonst nur professionelle Synchronsprecher tun. Spoiler altert: An diesem Abend wird Thomas Breitung und sein Text „Trolling, Hating“ vom Publikum zum Sieger gewählt.

Thomas Perle schloss als dritter Jungautor mit seinem Text „das leben und die zitronen. oder so.“ den Abend ab. Witzig beschreibt er die Story eines jungen Mannes, dem gerade frisch von seinem Marketingjob bei einer Smoothie-Firma gekündigt wurde. Um die Kündigungsfrist zu umgehen, beleidigt er Kunden, die sich via Online-Portal an die Firma wenden, in Großschrift. Zu allem Überfluss verlässt er noch schnell den langjährigen Partner Peter und zieht kurzer Hand zu einer Freundin. „traumjob. weg. traummann weg. nach dem ganzen desaster mit dem abschluss ein traum gleich dieser job. das wollte ich. genau das. in so einer agentur. und war doch glücklich. oder nicht?“ Die Frage nach wahrhaftem Glück und erfüllten Lebensvorstellungen stehen im Raum. Zwischen nicht ganz ernst gemeinten Suizidgedanken und vielen Tränen kommt in der Story nun die Freundin in die Küche und es wird in alter WG-Manier besprochen, wie es denn weitergehen soll. Wegziehen? Perfekte Idee. Und irgendwie erkennt jeder einen Teil von sich selbst in dieser tragisch ´-witzigen Geschichte.

Milena Kühnlein