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„Odyssee – eine Spurensuche“… zwischen Experimentiertheater und Markgrafentheater

Michaela Mader als Tal. Foto: Chronos 3000

Michaela Mader als Tal. Foto: Chronos 3000

„Das wird die reinste Odyssee!“ oder „Die ganzen Folien zur Vorlesung zu lernen, war eine wahre Odyssee“. Ähnliche Sätze fallen zurzeit sicher häufig hinter den Mauern der FAU. Denn die Klausuren-Phase beginnt und mag so manchem Studenten schlaflose Nächte bereiten. Was meinen wir, wenn wir von einer Odyssee sprechen? Einen langen und beschwerlichen Weg. Eine Situation, in der die alte Weisheit „Der Weg ist das Ziel“ nicht positiv aufgefasst werden kann, weil der Weg zu kräftezehrend ist und das Ziel unerreichbar scheint. Oder ein Umherirren, das uns schier um den Verstand bringt. Doch worauf fußen diese Assoziationen? Erforscht zusammen mit Studierenden der Theater- und Medienwissenschaft die Facetten eines traditionellen Mythos aus heutiger Perspektive!

Was bedeutet die „Odyssee“ heute noch für uns?

Der Begriff „Odyssee“ entstammt der griechischen Mythologie und wurde von Homer, einem der bekanntesten Dichter der Antike, in seinem gleichnamigen Epos festgehalten. Darin erzählt er die Geschichte des Helden Odysseus, der nach dem Trojanischen Krieg so schnell wie möglich heimkehren möchte, jedoch auf seiner Heimreise einer sage und schreibe zehn Jahre andauernden Irrfahrt auf dem Meer ausgesetzt ist. Aufgrund ihrer langen Tradition birgt die „Odyssee“ großes Potential für künstlerische Auseinandersetzungen. In Dantes „Göttlicher Komödie“ taucht die Figur des Odysseus auf und James Joyce erschafft mit seinem Werk „Ulysses“ quasi eine moderne Version von Homers Epos. Aber was bedeutet die „Odyssee“ heute noch für uns? Mit dieser Frage hat sich das Institut für Theater- und Medienwissenschaft (ITM) auseinandergesetzt und versucht, sich der Antwort in Form einer Spurensuche anzunähern.

Projekt des ITM

OdysseeLogo_finalDas Institut für Theater- und Medienwissenschaft arbeitet anlässlich der Inszenierung „Odyssee – eine Heimsuchung“ der Regisseurin und Autorin Juliane Kann (…) mit dem Theater Erlangen zusammen. Studentische Arbeitsgruppen haben sich mit den Figuren und Themen der Odyssee beschäftigt und bieten dem Publikum in Performances, Installationen, Ton- und Videoarbeiten außergewöhnliche Ein- und Ausblicke. Am Premierenabend und den beiden Vorstellungsterminen beginnt die Reise des Publikums bereits auf dem Gelände der Philosophischen Fakultät an der Bismarckstraße: Studierende des Instituts für Theater- und Medienwissenschaft zeigen die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Begriff und der Form des Mythos, mit den Motiven von Suche, Irrfahrt und Heimkehr, mit den Figuren Homers und mit den vielfältigen Transformationen seiner Erzählung in Kunst und Kultur. (Institut für Theater- und Medienwissenschaft)

„Stoff der Irrfahrt und Sehnsucht“ – Ideen und Konzepte von Studierenden

Als einen „Stoff der Irrfahrt und Sehnsucht“ bezeichnet Prof. Dr. Clemens Risi vom ITM die „Odyssee“ und berichtet über die Auseinandersetzung des Instituts mit diesem Stoff. Schon vor einem Jahr seien engagierte Studierende zusammengekommen, um sich auf die „Odyssee“ einzulassen und sich selbst auf eine Irrfahrt durch all die künstlerischen Möglichkeiten und Herangehensweisen zu begeben, mit welchen man der „Odyssee“ begegnen könne. Im ersten Semester präsentierten die Studierenden ihre Ideen und Konzepte dem Team des Theaters Erlangen. Im zweiten Semester standen dann die Praxisorientierung und die Umsetzung der Ideen im Vordergrund. Dabei galt es laut Herrn Risi, zwei verschiedene Ebenen stets im Auge zu behalten: die Ebene der Einzelprojekte und die des gesamten Raumes, welcher sich aus diesen zusammensetze. Außerdem gehe es auf einer Metaebene auch um das Sichtbarwerden beziehungsweise um Sichtbarkeit. Das Theater solle in der Universität sichtbar werden und umgekehrt die Universität im Theater. Das Projekt betone, dass eine Theateraufführung auch außerhalb der Institution Theater stattfinden könne.

Reger Austausch zwischen Studierenden und Künstlern des Theaters Erlangen

Die YouTube Serie beim Dreh: Kristina Emilius, Didem Atar, Agnes Wiener und Jana Dambach (v.l.). Foto: Chronos 3000

Die YouTube Serie beim Dreh: Kristina Emilius, Didem Atar, Agnes Wiener und Jana Dambach (v.l.). Foto: Chronos 3000

Durch die inhaltliche Zusammenarbeit des ITM mit dem Theater Erlangen soll die langjährige Kooperation der beiden Institutionen intensiviert werden. Künstler des Erlanger Theaters besuchten einige Seminarveranstaltungen im Rahmen des Studierenden-Projekts und bereicherten die Konzepte der Studierenden um ihre Ideen. Im Gegenzug besuchten die Studierenden die Bau-Probe zur Odyssee-Inszenierung im Markgrafentheater. So fand ein reger Austausch statt. Der Kontrast oder auch die Komplementarität der beiden Projekte des ITM und des Theaters Erlangen sowie die Faszination der Studierenden für den Schauspieler Martin Maecker hätten den Arbeitsprozess der Studierenden fortwährend beflügelt, so Risi. Mit den Installationen zum Projekt „Odyssee – eine Spurensuche“ am ITM und der Inszenierung „Odyssee – eine Heimsuchung“ (nach Homer) im Markgrafentheater dürfe man sich nun auf eine Doppelpremiere freuen.

„Kollektiver Erfahrungs- und Wahrnehmungsparcours“

Über 40 Studierende haben insgesamt dreizehn Projekte in den Bereichen Theater und Medien entwickelt und dabei verschiedene Themen und Formen bedient. Schließlich sei ein „kollektiver Erfahrungs- und Wahrnehmungsparcours“ entstanden, so Karolin Berg, Masterstudentin der Theater- und Medienwissenschaft. Sie bewahrt zusammen mit ihren Kommilitonen den Überblick über die verschiedenen Installationen und hält gewissermaßen die Fäden zusammen. Am Premierenabend werden sich die Studierenden und die „Zuschauer“ oder vielmehr Teilnehmer vor dem Experimentiertheater treffen und – immer in Bewegung – den Weg über den Schlossgarten bis zum Markgrafentheater gemeinsam bestreiten.

Prinzip der Überforderung und der Lücke

Karolin Berg erklärt, es gehe darum, durch die Etablierung eines mobilen Dispositivs die Aufmerksamkeit der Teilnehmer zu streuen. Dabei stünden vor allem irritierende und partizipative Begegnungen im Zentrum, welche das Warten, das Held sein, Werk oder Text und die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis thematisierten. Die den gemeinsamen Weg wie ein roter Faden durchziehenden Fragen: Was ist die „Odyssee“ für uns? Was wissen wir darüber und was wissen wir nicht? Die „Odyssee“ soll also für die Gegenwart erklärt werden. Dafür sei ganz bewusst eine andere Herangehensweise als die des Theaters Erlangen gewählt worden, um sich abzugrenzen. Zunächst hätten sich die Studierenden selbst darüber klarwerden müssen, wo sie sich innerhalb des „Odyssee“-Kosmos verorten können und wo ihre Kompetenzen liegen. Getreu dem Motto der Spurensuche greife beim Odyssee-Projekt das Prinzip der Überforderung und der Lücke. Das bedeute auch, dass nicht alle Teilnehmer genau dasselbe erleben werden, so Berg.

Mehrwert für beide Seiten der Kooperation

te_web_odyssee-863beddc8561f0ca0a0cd68ca45ffd08Die Arbeitsweise der Studierenden sei eine andere gewesen als die im normalen Unialltag, meint Camilla Schlie (Theaterpädagogin am Theater Erlangen), die die Studierenden während des künstlerischen Prozesses begleitet hat. An die Übernahme der Verantwortung für ein Projekt, das später öffentlich dargeboten werden wird, hätten sich einige Studierende erst einmal gewöhnen müssen. Das Hinarbeiten auf ein konkretes Ziel habe eine Herausforderung für sie dargestellt. Camilla Schlie bekräftigt aber, dass die Kooperation mit den Studierenden auch für das Theater einen Mehrwert darstelle. Zum einen seien Intermedialität und Interdisziplinarität in einem solchen Maße am Theater Erlangen eher selten. Zum anderen sei es spannend gewesen, zu beobachten, was die verschiedenen Gruppen von Studierenden aus der vorgegebenen thematischen Zielsetzung jeweils gemacht hätten.

Die Spurensuche als „Aufführung mit Ausstellungscharakter“

Ungefähr eine Stunde lang wird die Spurensuche, eine „Aufführung mit Ausstellungscharakter“ (Risi) dauern. Dabei sind die verschiedenen Stationen genau getaktet, sodass man als Teilnehmer pünktlich am Markgrafentheater ankommt, um sich auch die Aufführung von „Odyssee – eine Heimsuchung“ (nach Homer) mit Martin Maecker als Odysseus zu Gemüte führen zu können. Natürlich ist es auch möglich, das Studierenden-Projekt und die Aufführung im Theater getrennt voneinander an verschiedenen Tagen zu besuchen. Für besonders begeisterte Teilnehmer lohnt es sich zudem, mehrmals an der Spurensuche teilzunehmen, da man laut Risi immer etwas Neues entdecken wird.

Ein Video zur Spurensuche sowie eine Beschreibung aller Projekte und weitere Infos findet ihr hier.
Außerdem könnt ihr das Projekt „CHRONOS 3000“ hier auf YouTube verfolgen.

Infos zu „Odyssee – eine Spurensuche“:

  • Aufführungen: 9. Juli 2016, 18:00 Uhr + 17. Juli 2016, 16:30 Uhr + 18. Juli 2016, 18:00 Uhr
  • Preis: 6,40€ (ermäßigt) / 8,60€ (Normalpreis)
  • Start im Experimentiertheater in der Bismarckstraße 1 in Erlangen
  • Dauer: ca. 1 Stunde
  • Tickets: Vorverkauf Theater Erlangen, Abendkasse Experimentiertheater, online
  • Teilnehmerzahl pro Veranstaltung auf ca. 100 limitiert

Infos zu „Odyssee – eine Heimsuchung“:

  • Aufführungen: 9. Juli 2016, 19:30 Uhr + 17. Juli 2016, 18.00 Uhr + 18. Juli 2016, 19:30 Uhr
  • Preis: je nach Platz-Kategorie (9,70€ bis 32,80€)
  • Markgrafentheater Erlangen
  • Dauer: über 1,5 Stunden
  • Tickets: Vorverkauf Theater Erlangen, Abendkasse Theater Erlangen, online

Ein Besuch beider Veranstaltungen wird gewährleistet.

Viel Spaß 🙂

Anna Appel