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„Spielen ohne schlechtes Gewissen“ – Prof. Markus Kaiser über Pokémon Go

Prof. Markus Kaiser ist Experte für Innovationen in den Medien. Foto: Patrick Hübner

Prof. Markus Kaiser ist Experte für Innovationen in den Medien. Foto: Patrick Hübner

Viele kennen die japanischen Monster noch aus ihrer Kindheit. Nun ist Pokémon wieder da, dieses Mal in digitaler Form als Augmented-Reality-Game. Die Spieler fangen in der realen Welt Pokémon, die auf ihrem Smartphone eingeblendet werden. Warum ein Hype um das Spiel ausgebrochen ist und was wir in Zukunft noch von der Technik der erweiterten Realität erwarten können, erzählt Markus Kaiser im Interview. Er ist Experte für Medieninnovationen und Lehrbeauftragter der Abteilung für Christliche Publizistik an der FAU.

Läuft man durch den Schlossgarten in Erlangen sieht man seit letzter Woche Mittwoch die unterschiedlichsten Menschen zusammenstehen – Schulkinder, Studenten, ältere Leute, Deutsche, Einwanderer, Männer, Frauen… Und sie alle spielen Pokémon Go! Was ist das Faszinierende an diesem Spiel?

Markus Kaiser: Das Faszinierende an Pokémon Go ist, dass man die reale mit der virtuellen Welt verbinden kann, dass bei der gemeinsamen Suche ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht und – dies ist bei neuen Techniken immer sehr wichtig – dass es einfach zu spielen und zu verstehen ist. Was Usability betrifft, ist die Gamesbranche anderen Branchen in der Regel immer meilenweit voraus. Außerdem hat man das Gefühl, dass Pokémon Go auch gut für einen ist, weil man sich viel bewegen muss. Spielen ohne schlechtes Gewissen sozusagen, das einem bei manch anderen Spielen zumindest eingeredet wird. Hinzu kommt, dass es ein neuer Sommertrend ist, der auch wieder abebben wird. Mich erinnert der Hype durchaus an das virale Eiskübel über den Kopf schütten (Ice Bucket Challenge) aus dem Jahr 2014.

Mit „Pokémon Go“ ist das bisherige Nischengenre der Augmented-Reality-Games plötzlich ein Hype geworden. Worin liegt dieser durchschlagende Erfolg begründet, was hat Nintendo besser gemacht als andere Anbieter?

Markus Kaiser: Von einem Nischengenre kann man bei Augmented Reality (AR), also der erweiterten Realität, schon lange nicht mehr sprechen. Nur der Hype auf dem Consumer-Markt ist neu. In der Industrie, zum Beispiel in der Logistik, spielt AR schon länger eine große Rolle. Es ist auch schon Jahre her, dass das „SZ Magazin“ eine ganze Ausgabe augmentiert hatte: Auf dem Cover war eine Frau zu sehen, die ihre Hände vor ihr Gesicht hielt. Wenn man das Smartphone darüber hielt, nahm sie diese weg – und man sah Sandra Maischberger. Beim Kreuzworträtsel konnte man sich via AR die Lösungen einblenden lassen. Augmented und Virtual Reality sind in der Medienbranche derzeit die Zukunftsthemen schlechthin. Nintendo hat mit Pokémon Go ein massentaugliches, einfaches Spiel entwickelt. Und Pokémon war als Marke bekannt. Dies führt derzeit zu diesem Hype.

Die App kann man sich kostenlos herunterladen. Wie verdient Nintendo sein Geld?

Markus Kaiser: Medienunternehmen sind heute sehr kreativ, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Klassiker: Pokémon Go ist – wie viele Mobile oder Browser Games, aber auch Newsseiten wie bild.de – in der Basisversion kostenfrei. Man kann Extra-Features als Erweiterungen hinzukaufen. Dieses so genannte Freemium-Modell zielt auf einen Massenmarkt und versucht, Spieler so zu binden, dass diese mehr Geld berappen als sie bereit gewesen wären, für ein Spiel von vorne herein zu bezahlen. Hinzu wird vermutlich bald das Snapchat-Geschäftsmodell kommen: Unternehmen werden es sich viel Geld kosten lassen, Bälle zu sponsern, mit denen die Monster gejagt werden, oder statt Pokémon virtuelle Cola-Dosen oder andere Produkte auslegen. Snapchat verdient analog mit seinen von Unternehmen bezahlten Filtern so viel Geld, wovon Zeitungsverlage nur träumen können. Für Unternehmen ist es eine deutlich emotionalere und effektivere Werbemaßnahme als ein klassischer Banner auf einer Zeitungs-Website. Denkbar sind auch – wie beim früher gescheiterten Second Life – ganze virtuelle Depandancen von Läden. Nintendo arbeitet derzeit mit Sicherheit mit Hochdruck daran, sich den Erfolg auch finanziell vergolden zu lassen. Erst etwas aufbauen, dann Geld verdienen. Das haben Google und Facebook nicht anders gemacht.

Um die reale Umgebung mit der Spielewelt zu vereinen nutzt Pokémon Go im Smartphone eingebaute Sensoren. Die App stellt die Spielerposition stellt über GPS und die Mobilfunkortung fest – jede Menge Daten des Nutzers werden erhoben. Sehen Sie die Gefahr des Missbrauchs?

Markus Kaiser: Überall, wo Daten erhoben werden, gibt es die Möglichkeit des Missbrauchs. Deshalb sollte man sich überlegen, was man von sich preisgeben will. Im Fall von Pokémon Go sind es ortsbezogene Daten. Natürlich könnte Nintendo diese weiterverkaufen, damit man aus diesen Geodaten, kombiniert mit weiteren von einem gesammelten Daten, unsere Online-Profile noch weiter verfeinert, um uns immer präzisere Werbung einspielen zu können. Auf der anderen Seite muss man ja nicht bei jeder Datenerhebung gleich den Teufel an die Wand malen. Man sollte sich dessen nur bewusst sein. Was übrigens ein Märchen ist: Die Daten sind nicht schuld an den Meldungen, dass Jugendliche in den USA überfallen wurden, weil sie an einem abgelegenen Ort waren, und dass man unachtsam auf die Straße läuft und womöglich überfahren wird. Natürlich sollte man sich bei Pokémon Go immer bewusst sein, dass man sich in der realen Welt real bewegt – und die physikalischen Gesetze wie Schwerkraft usw. weiter gelten. Und man nicht mehrere Leben hat wie bei Super Mario Brothers.

Ist Pokémon Go der Anfang einer neuen Spielkultur? Was kann man von Augmented Reality in der Zukunft noch erwarten?

Markus Kaiser: Auf jeden Fall! Augmented und Virtual Reality gehört die Zukunft. Egal, um welchen Medienkongress es gerade geht: Ohne AR und VR gilt man als old school. Bei AR werden in die reale Welt zusätzliche Dinge eingeblendet. Bei VR hat man den Eindruck, nur in einer anderen Welt zu sein. Beides hat seine Berechtigung. Die Gamesbranche wird stark davon profitieren und viele weitere Spiele entwickeln, auch Ableger von bekannten Games. Aber auch andere Bereiche können die Vorteile nutzen: Im Tourismus könnte man zu Sehenswürdigkeiten – wie der Nürnberger Burg oder dem Reichsparteitagsgelände – an den passenden Stellen Zusatzinformationen einblenden. Im automatisiert fahrenden Auto kann man auf der Windschutzscheibe Infos geben. Spannend ist dies auch für lokalisierte Werbung: Wenn man an einem Shop vorbeiläuft, wird das Sonderangebot eingeblendet. Auch im Journalismus macht AR Sinn: Der Bayerische Rundfunk hatte schon vor längerem eine AR-App über den früheren FC-Bayern-München-Präsidenten Kurt Landauer entwickelt.

VR bietet daneben auch in Industrie, Tourismus, Architektur und Film faszinierende neue Möglichkeiten: Beispielsweise können Architekten ihren Kunden es ermöglichen, mit einer Datenbrille durch noch nicht fertiggestelltes Gebäude zu laufen, als würden sie bereits existieren. Das Fraunhofer-IIS arbeitet in Nürnberg im Holodeck 4.0 daran. Auch für Freizeitparks ist VR zum Beispiel bei Achterbahnen spannend.

Vielen Dank für das Interview!

Salome Mayer