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Streiten mit Niveau – zu Besuch beim Debattierclub der FAU

Jeden Donnerstag trifft sich der Debattierclub der FAU. Mitmachen kann jeder. Foto: Felix Klaassen

Was habe ich mir da nur eingebrockt? Gleich muss ich ran. Frei reden! Sieben Minuten lang! Vor dem ganzen Parlament! Ob das gut geht? Die ersten beiden Redner waren ziemlich gut. Und die kritischen Gegenfragen haben sie auch locker weg gesteckt.

„Der nächste Redner der Regierung ist an der Reihe.“

Das bin ich. Langsam begebe ich mich zum Rednerpult. Was war das Thema nochmal? Ach ja. Das bedingungslose Grundeinkommen. Heute bin ich kompromisslos dafür. Meine Partei möchte es durchsetzen und dafür braucht es Überzeugungskraft.

1500 € pro Monat für jeden ab dem 20. Lebensjahr. Völlig bedingungslos. Egal ob Großverdiener oder Arbeitsloser, jeder soll das Geld bekommen. Meine Kollegin hat schon gut vorgelegt. Ich weiß schon fast nicht mehr, was ich auf ihre Rede hin noch sagen soll. Automatisierung und Digitalisierung lassen Arbeitsplätze verschwinden und die Armut steigt. Wir brauchen eine Veränderung, die nachhaltig der Gesellschaft dient und genau das wollen wir heute durchsetzen…

In der Regierung sitze ich eigentlich nicht. Wie ich dort gelandet bin? Per Los!

– Das wäre mal eine spannende Alternative zu unserem derzeitigen Wahlsystem!? 😉 –

Heute bin ich im Debattierclub der FAU. Hier treffen sich jeden Donnerstag um 18 Uhr diskussionsfreudige Studenten und stürzen sich auf aktuelle Themen.

Jetzt mag der ein oder andere behaupten: „Spannende Diskussionen hab ich jede Woche in der Kneipe auch.“ Wohl war, jedoch läuft es im Debattierclub doch etwas anders ab, als in der Kneipe. Nicht umsonst wird dieser mit dem Slogan, „Streiten mit Niveau“ beworben. Hier gelten klare Regeln.

Nachdem das Diskussionsthema vorgestellt wurde, entscheidet das Los, wer in der Regierung oder Opposition sitzt, oder freier Redner ist. Hinzu kommt der Leiter der Debatte, der am Ende jedem ein Feedback gibt. Die Regierung vertritt einen klaren Standpunkt (Wir sind für das bedingungslose Grundeinkommen!). Die Opposition ist strikt dagegen. Die freien Redner können sich ihre Position aussuchen.

Danach gibt es 15 Minuten Zeit. Jeder schreibt sich gute Argumente für seine Position auf. Das wichtigste dabei? Starke Begründungen aufführen, die der gegnerischen Partei keinen Spielraum für kritische Fragen lassen.

Während der Vorbereitungszeit sprechen sich die Parteien auch untereinander ab.

Die Redner dürfen während ihrer siebenminütigen Sprechzeit in der ersten und letzten Minute nicht unterbrochen werden. Dazwischen geht es heiß her. Pöbeln mit weniger als sieben Worten wie, „Du Kapitalistenschwein!“ und Buhrufe, sind jederzeit erlaubt. Möchte man mehr einwerfen, muss man aufstehen und darauf hoffen, dass man vom Redner aufgerufen wird.

Angelehnt sind die Regeln an den „British Parliamentary Style“ und die „Offene Parlamentarische Debatte“. Zwei wichtige Regelwerke für Debatten, die meist auf Wettbewerbsebene angewandt werden.

Nachdem die Regeln erklärt sind, geht es zur Sache. Auch als Neuling werde ich sofort ins kalte Wasser geworfen. Nach dem je einmal Regierung und Opposition zu Wort kamen, bin ich an der Reihe.

Am Anfang läuft es. Ich kritisiere die Opposition für ihre widersprüchlichen Aussagen. Erst hieß es: „Wer so viel Geld bekommt liegt nur noch faul zu Hause auf dem Sofa herum.“ Danach: „Die Menschen wollen arbeiten!“ Ein gefundenes Fressen für mich. Von der Regierungsseite kommt zustimmendes Klopfen.

Danach wird es holpriger. Ich rede von Arbeitern im Pflegesektor, die endlich mehr Geld für ihre wertvolle Arbeit bekommen müssen. Als ich sage, dass viele Menschen lieber einfache Arbeit verrichten und sich nicht durch ein Studium quälen wollen, um noch genügend Geld zu verdienen, komme ich ins Kreuzfeuer:

„Bist du etwa der Meinung, dass die Arbeit im Pflegedienst kinderleicht ist?“

Heieiei! So habe ich das nicht gemeint. Ich erkläre kurz meine Gedankengänge und erläutere anschließend den Finanzierungsplan der Regierung. Immer wieder gerate ich ins Stocken und werde durch Buhrufe der Opposition aus dem Konzept gebracht.

Dann ist es vorbei. Mehr fällt mir nicht ein. Ich bin viel zu früh fertig. Also sage ich als Abschluss:

„Die restliche Redezeit brauche ich nicht. Ich habe gelernt mich kurz zu fassen.“

Das ist ein kleiner Seitenhieb für meine Kollegin aus der Regierung. Sie hatte ihre Redezeit deutlich überzogen. Die Opposition lacht. Das war wohl eher kontraproduktiv.

Danach wird es etwas entspannter. Ich lausche den Reden der anderen und werfe auch selbst eine Zwischenfrage ein. Besonders die Vorträge der freien Redner bringen mich zum Schmunzeln. Einer lehnt das Grundeinkommen strikt ab. Stattdessen fordert er vollen Ernstes die Einführung einer Planwirtschaft. Meine Kollegin hält die Gegenrede, die nach jeder Rede eines freien Redners gehalten werden muss.

Anschließend greift uns wieder die Opposition an: „Sie leben doch alle in einer Traumwelt! Aber das hier ist nicht Schlaraffia mit Freibier für alle!“

Den Abschluss macht ein Kollege aus der Regierung. Er geht noch einmal detailliert auf die Folgen der Automatisierung ein und greift die Argumente der Opposition an.

Anschließend kommt das Feedback. Ein guter Abschluss, um seine Fehler zu reflektieren, aber auch um das Positive zu sehen. Ich war ziemlich unstrukturiert und bei meinen Argumenten waren die Begründungen nicht immer ausreichend. Lob gibt es für mein freies und sicheres Reden.

Dann ist Feierabend. Und was soll ich sagen? Es hat vor allem Spaß gemacht. Zudem hilft es, sich mit komplizierten Streitpunkten auseinander zu setzen. Einfach ist es trotzdem nicht. Es ist Schlagfertigkeit, Souveränität und Selbstbewusstsein gefragt. Wer das nicht beherrscht, kann es im Debattierclub lernen. Denn im Leben ist es essentiell, sich und seine Ideen gut verkaufen zu können!

Du willst mitmachen? Kein Problem! Quereinsteiger sind jederzeit willkommen! Alle weiteren Infos die du vorab brauchst, findest du hier.

 

Felix Klaassen