Inhalt

Unbequem, anstrengend, demokratisch — wie der Diskurs mit anderen Meinungen gelingen kann

Interessante Diskussionen, Vorträge und Auszüge aus neuen Werken – dafür steht das Erlanger Poetenfest. Foto: Severin Maier

Es war bestes Wetter für einen Besuch des 37. Erlanger Poetenfestes, das vom 24. bis zum 27. August stattfand: ca. 30 Grad und strahlender Sonnenschein machten den Besuch ihm Samstag m Erlanger Schlossgarten zu einer sonnigen Angelegenheit. Obwohl man — zugegeben — durchaus unter der schwülen Hitze leiden konnte. Und, wenn wir schon mit Geständnissen anfangen, ich war noch nie auf dem Poetenfest, obwohl ich nun seit Jahren in Erlangen lebe. Dabei ist das Fest ein Pflichttermin im Kalender von Autoren, Verlagen, Essayisten und Feuilletonisten und alles andere als eine große Unbekannte.

Bei bestem Sommerwetter konnte man also unter den schattigen Bäumen des Schlossgartens flanieren und dabei den verschiedenen Autoren lauschen, die Auszüge ihrer Werke auf Bühnen zum Besten gaben. Teilweise sogar musikalisch untermalt, mit Klaviermusik auf einem Flügel gespielt. Während wir durch das Zentrum des Schlossgartens schlenderten, las gerade Fatma Aydemir aus ihrem Debütroman „Ellbogen“. Die Journalistin schreibt normalerweise für mehrere Blätter, u.a. für die taz. In ihrem ersten Buch widmet sie sich der Suche nach Heimat und Identität einer jungen in Deutschland geborenen Türkin, die zwischen den zwei Welten des linksliberalen Berlin und des Traditionalismus ihrer türkischen Eltern oszilliert. Man fühlt sich an die Aufforderungen des türkischen Präsidenten Erdogan an die in Deutschland lebenden Türken erinnert, bestimmte demokratische Parteien nicht zu wählen. Ein Poetenfest ohne Politik? Undenkbar. Möchte man den Lesungen nicht gebannt und angestrengt lauschen, kann man gemütlich entlang der Stände streifen und sich von Infomaterial bis zu kaufende Bücher die Auslagen ansehen oder aber sich um sein leibliches Wohlergehen an einem der Imbisse bemühen. Wem ein Snack auf die Hand reicht, der wird hier fündig.

Dialog als Wagnis? — Warum der Diskurs in unserer Gesellschaft immer weniger gelingt

Trotz drückender Hitze haben wir dann noch unseren Weg in die Orangerie gefunden. Wir sollten belohnt werden. Das Podiumsgespräch „Dialog als Wagnis? — Warum der Diskurs in unserer Gesellschaft immer weniger gelingt“ widmete sich der Frage, ob und wie der Diskurs mit anderen Meinungen, insbesondere jenen der immer prominenter werdenden Rechtsintellektuellen, gelingen kann. Es zeichne sich nach 68 eine neue Kulturrevolution ab. Diesmal von rechts, so das Programmheft. Auf dem Podium saßen Daniel Hornuff, Professor für Kunstwissenschaften an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Klaus-Rüdiger Mai, freier Schriftsteller mit Beiträgen u.a. für das Politik-Magazin Cicero, und Thomas Wagner, Soziologe, Schriftsteller und freier Autor u.a. für die Junge Welt und Neues Deutschland. Moderiert wurde das Gespräch vom Schriftsteller Florian Felix Weyh. Wagner hat mit seinem Buch „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten“ eine Analyse rechter Intellektueller wie Marc Jongen, Alain de Benoist und Götz Kubitschek geschrieben und dafür das persönliche Gespräch mit einigen von ihnen gesucht.

Das Diskussionsniveau der Gesprächsteilnehmer war eines, das man gerade in den Kommentarspalten auf Facebook vermisst: sachlich, fundiert und ergebnisoffen. Niemand versuchte den anderen niederzubrüllen, weil er etwa eine missliebige Meinung vertrat. Einig waren sich, dass kann man an dieser Stelle sagen, alle in einem Punkt: eine liberale demokratische Gesellschaft zeichnet es aus, dass der Diskurs mit jedweder Meinung geführt wird. Erst dadurch lassen sich eigene Positionen reflektieren und überprüfen sowie Argumente für und wider andere Meinungen fundiert bilden. Und genau das gelinge immer seltener, so Klaus-Rüdiger Mai. Eine Gesellschaft müsse wissen, was sie wolle: Dialog oder Filterblase. Ersteres zeichne Liberalismus, Demokratie und Pluralismus aus. Daniel Hornuff mahnte, dass er es für abträglich und ethisch verwerflich halte, Menschen mit anderen Meinungen lediglich zum Zwecke ihrer Bloßstellung ein öffentliches Podium zu bieten. Vielmehr sollten sich Teilnehmer einer politisch-gesellschaftlichen Debatte fragen, welches Weltbild man für die aktuellen Probleme zu bieten habe und warum gerade dieses einem anderen vorzuziehen sei. Der Dialog würde so argumentativ geführt und auf Fakten basieren. Und die Teilnahme an einem solchen Dialog müsse man auch rechten Intellektuellen gewähren. Diese Ansicht teilte auch Thomas Wagner, als überzeugter Linker und Autor für sozialistische Zeitungen offensichtlich kein ideologischer Freund der Neuen Rechten, der betonte, dass er teils sehr angenehme und interessante Gespräche mit seinen Interviewpartnern erlebt habe. Und eben dennoch nicht ihre Meinung teile. Wichtig sei, dass ein Protest gegen andere Meinungen möglich bleibe, ohne dass diese unterbunden werden. Denn auch der Protest und Streit um Meinungen sei Teil einer liberalen Demokratie.

Wer diesem Podiumsgespräch beiwohnte, der erlebte einen niveauvollen universitären und intellektuellen Geist und wie man konstruktiv diskutiert. So macht Meinungsaustausch Spaß und so kann der Umgang mit anderen Meinungen gelingen. Es mag zwar stellenweise unbequem und anstrengend sein. Aber so ist es eben auch demokratisch. Schade waren an der Veranstaltung nur zwei Sachen: dass so wenig junge Menschen unter den Zuhörern waren und dass ich davor noch nie das Erlanger Poetenfest besucht habe. Ich hab wirklich etwas verpasst.

Severin Maier