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Veröffentlichung einer kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ – Gespräch mit Medienwissenschaftler Dr. Sven Grampp

Bewusst wenig Raum bekommt Adolf Hitler auf dem Cover der kommentierten Ausgabe von "Mein Kampf. Foto: Anna Appel

Bewusst wenig Raum bekommt Adolf Hitler auf dem Cover der kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf. Foto: Anna Appel

Jeder weiß um seine Existenz, aber kaum einer kennt den wortwörtlichen Inhalt von Hitlers „Mein Kampf“. Wollen wir überhaupt wissen, wie genau der Diktator seine menschenverachtende Ideologie medial verbreitete oder ist es besser, aus Rücksicht auf die Gefühle der Opfer des Nationalsozialismus der Hetzschrift keine weitere Beachtung zu schenken? Handelt es sich bei „Mein Kampf“ überhaupt um die verschriftlichte Form von Hitlers Ideologie oder deutet der Diktator mit dem bereits 1925 veröffentlichten Text seine bizarre Denkweise zunächst an, wie es einige Experten vermuten? Können wir Hitlers „Mein Kampf“ unter dem Motto „man muss seine Feinde kennen“ betrachten? Große Diskussionen gingen der Neuveröffentlichung der Hetzschrift voraus und es stellte sich die Frage, in welcher Form eine solche Veröffentlichung überhaupt möglich sei. Bietet man womöglich unbeabsichtigt eine Plattform zum Missbrauch oder dient eine kommentierte Veröffentlichung von „Mein Kampf“ ganz im Gegenteil der weiteren Aufklärung bezüglich der menschenverachtenden Ideologie des Diktators Hitler? Viele Fragen kursieren rund um das Thema der Neuveröffentlichung von „Mein Kampf“.

Die Urheberrechte, welche der Freistaat Bayern auf „Mein Kampf“ innehatte, liefen im vergangenen Jahr aus, jedoch stand die Frage nach einer Neuveröffentlichung schon vorher im Raum. Nach einigem Hin und Her wurde 2014 beschlossen, dass die Verbreitung einer unkommentierten Ausgabe weiterhin verboten bleiben solle. Stattdessen machte es sich das Institut für Zeitgeschichte zur Aufgabe, bis 2016 eine wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe von Hitlers Schrift zu erarbeiten. Diese ist seit 8. Januar 2016 als zweibändige Ausgabe für einen Preis von 59€ im Buchhandel erhältlich und umfasst 1948 Seiten. Hitlers Originaltext umgeben darin mehr als 3.500 wissenschaftliche Anmerkungen.

Was sagt der Medienwissenschaftler dazu?

Dr Sven Grampp ist an der FAU als Dozent für Medienwissenschaft tätig. Foto: Harald Sippel

Dr Sven Grampp ist an der FAU als Dozent für Medienwissenschaft tätig. Foto: FAU/Harald Sippel

Als Studentin der Theater- und Medienwissenschaft habe ich mich gefragt, ob man durch einen Medienwechsel nicht Distanz zum Ursprungstext und zum Autor Hitler schaffen und so einen Missbrauch der Hetzschrift verhindern könnte, also, ob man eine kommentierte Version von „Mein Kampf“ nicht in Form eines anderen Mediums als dem des Buches veröffentlichen sollte. Mit dieser Frage habe ich mich an Dr. Sven Grampp gerichtet, welcher am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der FAU als Dozent für Medienwissenschaft tätig ist. In einem interessanten Gespräch beleuchtete er die Veröffentlichung einer kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ unter einer medienwissenschaftlichen Perspektive und sagte seine Meinung zu dieser Veröffentlichung.

Dr. Sven Grampp: „Mein Kampf“ ist für viele Menschen ein Mythos. Da alle Titel und Autor, aber nur wenige den genauen Inhalt kennen, meinen viele Menschen, es handle sich dabei um ein sprachlich mächtiges Überzeugungswerk, in welchem Hitler seine Ideologie in einer lückenlosen Argumentationsweise wiedergebe. Dies hat sicher auch mit der Angst zu tun, welche man möglicherweise gegenüber der Person Adolf Hitler empfindet. So wird der Diktator in der Vorstellung vieler Menschen unterbewusst zu etwas Großem, Ungeheuerlichem und Heroischem aufgebauscht. Seinem Text wird dann genauso eine Ungeheuerlichkeit und damit einhergehend eine formal sowie sprachlich gute Qualität unterstellt, auch wenn dies in Wirklichkeit nicht zutrifft und der Text womöglich argumentativ und sprachlich genauso schlecht und falsch ist wie inhaltlich. So entsteht Angst vor dem Text, welcher mit Gefahr in Verbindung gebracht wird. Zweifelsohne kann man Angst haben vor der Volksverhetzung und der Ideologie in „Mein Kampf“. Jedoch werden durch eine Neuveröffentlichung des Textes in Form einer kommentierten Version die Person des Autors sowie der Text eher de-mythologisiert, sodass in den Köpfen der Menschen ein realistischeres Bild von den rhetorischen Strategien Adolf Hitlers entstehen kann.

„Mein Kampf“ ist im Internet ohnehin zugänglich

Zur Frage nach der Buchform kann ich nur sagen, dass meiner Meinung nach genau umgekehrt ein Schuh daraus wird. „Mein Kampf“ war und ist im Internet in unkommentierter Form schon lange für jene, die gezielt danach suchen, zugänglich. Auch in Bibliotheken und Antiquariaten ist das Buch erhältlich. Es ist also nicht der Fall, dass ein Missbrauch des Textes bisher absolut vermeidbar gewesen wäre. Was bedeutet es eigentlich, dass wir es hier mit einem Text zu tun haben? Ein Text ist zunächst einmal transmedial, das heißt, er kann unterschiedliche mediale Träger haben wie Buch, Flugschrift, E-Book, PDF etc. Allerdings halte ich gerade die Buchform bei der Neuveröffentlichung von „Mein Kampf“ für besonders geeignet. Stellen Sie sich doch einmal vor, der Text würde mit dem Anspruch einer wissenschaftlichen Edition in der Form eines Hörbuchs veröffentlicht werden…auch in kommentierter Version wäre das für mich sehr fragwürdig. Die analytische Distanz würde fehlen, da der Text mit einer bestimmten Betonung vorgetragen und mit einer spezifischen Stimmfärbung in Verbindung gebracht werden würde. Es gab in der Kunst schon einige Versuche, sich dem Stoff anzunähern, um zu provozieren. Der Kabarettist Serdar Somuncu veröffentlichte eine Lesung namens „Serdar Somuncu liest aus dem Tagebuch eines Massenmörders – Mein Kampf“ und die Performance-Gruppe Rimini Protokoll veranstaltet momentan das Theaterprojekt „Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“. Auch hierbei handelt es sich allerdings jeweils um Projekte, welche den Text in irgendeiner Form kommentieren, also ihn mit Paratexten versehen. Es ist sehr auffällig, dass in vielen Bereichen in dieser Weise mit dem Text umgegangen wird, egal ob in Kunst oder Wissenschaft.

Kaum Raum für den Originaltext

Zurück zum Thema der Neuveröffentlichung von „Mein Kampf“. Aus medienwissenschaftlicher Sicht ist hier innerhalb des Mediums Buch vor allem eine Formdifferenz interessant. Die neue, kommentierte Version unterscheidet sich von den alten Versionen in erheblichem Maße. Formal wird Hitlers Originaltext in der Neuveröffentlichung kaum Raum geboten. Es gibt weder ein Titelbild, noch prangt der Name des Autors abgehoben vom Rest und in großer Schrift auf dem Cover. Stattdessen ist er hier ein Teil des Titels, also des Gegenstands, mit welchem sich die kritische Edition befasst. Das Layout ist extrem zurückgenommen und das Buch relativ teuer zu erwerben. Hitlers Originaltext wird zudem geradezu von Kommentaren umzingelt. All dies spricht gegen eine Vorlage für möglichen Missbrauch. Natürlich kann man fragen, ob die Einordnung des Textes in eine solche Vielzahl von Kommentaren nicht auch eine Aufladung beziehungsweise eine Aufwertung des Textes mit sich bringt, also der Vorgang der Neuveröffentlichung etwas Kontraproduktives darstellt. Das Ganze wird dadurch ‚zu ernst‘ genommen und als etwas angesehen, das eine magische, dämonische Wirkung haben könnte. „Mein Kampf“ tritt sozusagen als magischer Kanal in Erscheinung, wenn man die andere Seite der Medaille betrachtet. Generell kann ich jedoch sagen, dass ich eine Neuveröffentlichung des Textes in der Art und Weise, wie sie erarbeitet wurde, für schlüssig halte.

Vielen Dank an Dr. Sven Grampp für das Gespräch!

Anna Appel