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Warum und für wen forschen wir an der Universität? – Lena Krauß, Mitglied des AK Zivilklausel der FAU, über die Folgenverantwortung der Forschung

Die FAU ist bayernweit die erste Uni mit Zivilklausel (Grafik: AK Zivilklausel)

An der Universität geht es nicht nur um die Wissensvermittlung, also um die Lehre in Form von Vorlesungen, Seminaren und anderen Kursen. Auch der Bereich Forschung nimmt viel Raum an Unis ein, so auch an der FAU, in deren Leitbild dieser Aspekt sogar verankert ist. „Die FAU gehört zu den forschungsstarken Universitäten Deutschlands“, so das Leitbild. Die Lehre stellt, gerade für uns Studierende, natürlich einen Schwerpunkt im Hochschulalltag dar, während die Forschung vor allem von Professoren und eher im Hintergrund betrieben wird. Jedoch ist es gerade dieser Bereich, der sehr direkte und große Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat.

Die neu eingeführte Zivilklausel an der FAU steht für Transparenz und Friedensbildung

Über den Einfluss von Wissenschaft und Forschung auf die Gesellschaft macht sich auch Lena Krauß, Studentin der Mathematik und Physik auf Lehramt an der FAU, schon seit einiger Zeit Gedanken. Seit 2013 ist sie Mitglied des AK (Arbeitskreis) Zivilklausel der Stuve (Studierendenvertretung der Universität) und setzt sich für eine verantwortungsvolle und zivile Forschung ein, welche weder Kooperationen mit dem Militär noch mit der Rüstungsindustrie eingeht. In einem Interview berichtet sie über die neu eingeführte Zivilklausel an unserer Friedrich-Alexander-Universität, welche nun auch im Leitbild der FAU verankert ist und in Zukunft zu Transparenz und Friedensbildung beitragen soll.

Die Zivilklausel im Leitbild der Universität

„Die FAU ist sich als öffentliche Einrichtung der gesellschaftlichen Folgenverantwortung ihrer Forschung bewusst. Durch ihren Beitrag zu transparenter, öffentlicher und interdisziplinärer Diskussion kommt sie der Einhaltung von anerkannten ethischen und moralischen Standards auf nationaler und internationaler Ebene nach. Verantwortungsbewusstes Handeln wird von ihr gefördert und resultiert im gerechten und friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen, Kulturen und Nationen.“
(Zweiter Punkt im neuen Leitbild der FAU)

 

Studentin Lena engagiert sich im AK Zivilklausel der FAU (Foto: Anna Appel)

Lena, was genau besagt die Zivilklausel und warum ist sie so wichtig?

Lena: Der erste Teil spricht ja die transparente Diskussion an und diese ist wichtig, weil es für die Öffentlichkeit und auch für die Meisten innerhalb der Uni bisher nicht viele Informationen zur Militärforschung gibt. Die Universitätsleitung möchte sich verstärkt an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligen und mehr Verantwortung im gesellschaftlichen Bereich übernehmen und das wird durch die Leitbildergänzung ausgedrückt. Und der Beitrag der FAU zum friedlichen Zusammenleben aller Menschen, Kulturen und Nationen ist natürlich der wichtigste Teil für uns.
Es gibt Militärforschung an der FAU. Viele ihrer Mitglieder sind aber dafür, dass unsere Universität eine zivile Hochschule wird und deswegen steht jetzt dieser Passus im Leitbild der FAU. Dafür wurde die Initiative AK Zivilklausel gestartet. Es gibt nicht besonders viel Militärforschung an unserer Universität, zum Beispiel im Vergleich zur LMU München, weswegen wir denken, dass es hier leichter ist, eine Zivilklausel umzusetzen. Die Formulierung der Klausel ist relativ schwach im Vergleich zu dem, was es an Zivilklauseln an anderen Unis gibt. Aber für Bayern ist sie wiederum sehr stark, weil es hier bisher noch überhaupt keine Zivilklausel gab. Mit der Anregung zum friedlichen Zusammenleben wollen wir einen Anfang in Richtung zivile Universität machen.

Und warum hast du dich dazu entschlossen, dich im AK Zivilklausel zu engagieren?

Lena: Ich war vor dem Projekt Zivilklausel schon in der GHG, der Grünen Hochschulgruppe. Und die haben zusammen mit dem AK Zivilklausel eine Veranstaltung gemacht zum Thema Militärforschung, Waffenexporte usw. Es war auch jemand aus dem Bundestag da. Ich fand das ziemlich bewegend, weil es das erste Mal war, dass ich damit konfrontiert wurde, wie viele Waffen aus Deutschland in den Rest der Welt exportiert werden und dass auch bei uns an der FAU Militärforschung stattfindet. Und das ist ja eigentlich der Ausgangspunkt dafür, dass neue Waffen entwickelt und dann auch in Krisenregionen exportiert werden. Das war für mich der Aufhänger. Danach bin ich in den AK Zivilklausel eingetreten und seitdem bin ich dabei.

Wann und von wem wurde der AK Zivilklausel eigentlich gegründet?

Lena: Der Arbeitskreis wurde im Wintersemester 2012 von der Stuve gegründet, konkret mit dem Auftrag, eine Zivilklausel einzuführen. Ursprünglich war Tobias Langer der AK-Leiter, aber er ist zwischenzeitlich umgezogen. Gestartet ist der AK eigentlich mit ziemlich vielen Mitgliedern. Andreas Lainer und Raphael Haines waren auch lange aktiv. Nun sind wir aktuell zu zweit, Timo Hönig und ich. Timo ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department Informatik der FAU. Da wir nur zu zweit sind, machen wir eigentlich alles zusammen. Wir können uns gut aufeinander abstimmen und es ist so natürlich leichter, einen Konsens zu finden.
Wir wünschen uns aber trotzdem, dass andere Leute unserem Arbeitskreis beitreten. Ich bin ja auch nicht mehr ewig an der Uni und es wäre schon wichtig, dass die Zivilklausel auch weiterhin ein Thema bleibt und nicht in der Versenkung verschwindet, nur, weil sie jetzt im Leitbild steht. Es ist wichtig, nun weiterzuarbeiten und das tun wir auch. Gerade in Sachen Transparenz kann man noch viel machen. Man muss außerdem die Zivilklausel publik machen. Es bringt ja nichts, wenn sie im Leitbild steht, aber keiner Bescheid weiß.

Der AK Zivilklausel macht unter anderem mit Aufklebern auf sich aufmerksam (Grafik: AK Zivilklausel)

Lena, kennst du konkrete Beispiele bezüglich einer Kooperation der Forschung an der FAU mit dem Militär oder der Rüstungsindustrie? Welche militärischen Projekte wurden bereits von der FAU unterstützt?

Lena: Was genau letztendlich aufgrund der Forschungsergebnisse produziert wurde, ist für uns nicht einsehbar. Es gibt aber Zahlen zur Finanzierung: 2014 sind etwa eine halbe Millionen Euro an Drittmitteln an die FAU im Bereich Militärforschung geflossen. Das ist relativ gesehen nicht viel. Zumindest an der LMU München ist es deutlich mehr. Das, was wir aus Anfragen im Bundestag wissen, sind nur die Geldsummen, die vom Bundesverteidigungsministerium an die FAU flossen. Aus der Presse werden einige militärische Projekte bekannt. Zum Beispiel in den Bereichen Werkstoffwissenschaften und Elektrotechnik gab es ein Forschungsprojekt zusammen mit dem Bundesverteidigungsministerium. Und mit der Rüstungsindustrie wird auch kooperiert.
Neben der Technischen Fakultät sind die Naturwissenschaften prädestiniert dafür, unter anderem im Bereich Militär und Rüstung zu forschen. Die Forschungsergebnisse bilden jedoch nur die Grundlage für neue Entwicklungen. Sie können zum Teil sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Das macht die Sache noch komplizierter. Denn die zivilen Anwendungen möchte man ja vielleicht unterstützen. Aber wenn der Vertragspartner bei einem Forschungsprojekt aus der Rüstungsindustrie kommt oder das Bundesverteidigungsministerium ist, dann ist es eindeutig, für welche Zwecke die Forschungsergebnisse letztendlich eingesetzt werden. Durch die Wahl der Vertragspartner und durch Klauseln in den Forschungsverträgen kann man explizit die zivile Nutzung der Forschung vorgeben. Es passiert auch, dass in den Verträgen und Forschungsanträgen eine Art Zivilklausel drinsteht. Die Forscher müssen die Wahrnehmung der Folgenverantwortung in ihren Arbeitsalltag integrieren.

Ihr wolltet laut eurer Homepage ja auch eine Diskussion über die Zivilklausel innerhalb der Studierendenschaft anregen. Was habt ihr diesbezüglich unternommen?

Lena: Wir haben Podiumsdiskussionen organisiert, für Leute innerhalb und außerhalb der Uni. Wir haben auch bei den Ostermärschen, im Konvent und bei Sprat-Sitzungen (Sprecher*innenrat) von unserer Arbeit und unseren Zielen berichtet. Mit den christlichen Vereinigungen der Hochschule, KHG und ESG, haben wir auch über die Sache gesprochen.

Welche Schritte musste euer AK durchlaufen, bevor die Zivilklausel beschlossen werden konnte?

Lena: Es war ein langer Prozess und viel Arbeit. Seit ich dabei bin, haben wir einige Veranstaltungen organisiert, um die Öffentlichkeit oder wenigstens die Gesellschaft innerhalb der Uni zu sensibilisieren. Daneben haben wir viele Einzelgespräche mit Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern geführt, um uns ein Meinungsbild darüber zu machen, wie die Forscher an der FAU zum Thema Folgenverantwortung ihrer Forschung stehen und um auch zu unserem Vorhaben Rückmeldungen zu sammeln. Mit dem Thema sind wir dann auf die Gremien der Universität zugegangen.
Es gab eine Textänderung von Professor Dabrock, Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie II (Ethik) an der FAU und seit Kurzem Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, die den letzten Satz der Zivilklausel betraf. Die ursprüngliche Formulierung ist zusammen mit dem ZIEW (Zentralinstitut für Angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation der FAU) ausgearbeitet worden. Professor Dabrock wurde mehrfach als Berater hinzugezogen, auch im Senat und in Gesprächen mit Professor Hornegger, dem Präsidenten der FAU, denn er ist in Sachen Ethik und Wissenschaftsverantwortung ein ausgewiesener Experte an unserer Universität.
Die Fakultätsratsitzung an der TechFak im April dieses Jahres war die letzte Hürde vor der Senatssitzung. Im Oktober wurde die Zivilklausel letztendlich im Senat diskutiert und beschlossen. Dann musste sie noch ins Leitbild der Uni eingearbeitet werden. Dieser Punkt wurde erst im November beschlossen. Es ging auch um die Textposition im Leitbild.

Welche anderen Unis in Deutschland haben denn schon eine Zivilklausel?

Lena: Bayern hatte bisher noch keine. Bundesweit sind es jetzt um die 60. Bremen ist bekannt für eine sehr alte Zivilklausel. Es gibt auch schon fünf Landeshochschulgesetze mit einer Zivilklausel, was optimal ist. Bildung ist Ländersache, das heißt, das Landeshochschulgesetz ist die Grundlage für alle Hochschulen und Universitäten eines Bundeslandes. Und wenn die Zivilklausel im Landeshochschulgesetzt verankert ist, gilt sie gleichermaßen für alle Hochschulen und Universitäten. Normalerweise ist es so, dass in einem Bundesland bereits viele Hochschulen und Universitäten eine Zivilklausel haben, bevor diese auch ins Landeshochschulgesetz aufgenommen wird. Die Einführung kann aber auch politisch motiviert sein, wenn eine Regierung den Punkt auf ihrer Agenda hat.

Inwiefern wird sich das Studieren an der FAU durch die Einführung der Zivilklausel verändern?

Lena: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, dass die Studierenden, die ja zum Teil später selbst Forscher werden, sich schon im Studium mit dem Thema Folgenverantwortung der Forschung auseinandersetzen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Ethik in der Wissenschaft und entsprechende Vorlesungen zu gestalten, in denen eben nicht nur die Fachwissenschaft vermittelt wird, sondern auch das Reflektieren über Konsequenzen und Folgen einen Stellenwert hat. Es ist zudem geplant, dass an der Technischen Fakultät eine Stelle für einen ethischen Berater eingerichtet wird. Und der richtet sich dann auch an die Studierenden, die ja teilweise selbst in Forschungsprojekten mitwirken. Oder wenn Studierende als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten, möchten sie ja auch an Projekten mitarbeiten, die sie unterstützenswert finden.

Wie geht es nach dem Beschluss der Zivilklausel nun weiter?

Lena: Die Umsetzung der Zivilklausel ist jetzt das Entscheidende. Es gibt nun einen Beschluss, dass die FAU gewisse Ziele hat. Und die Einführung der Zivilklausel ist wirklich ein demokratischer Prozess gewesen. Es haben sich drei Fakultäten für die Zivilklausel entschieden und an der TechFak und NatFak wurde sie in allen Department-Sitzungen diskutiert und auf Fakultätsebene nochmal. Es gibt also eine klare Mehrheit an der FAU, welche die in der Zivilklausel angesprochenen Ziele verfolgen möchte. Jetzt geht es um die Umsetzung und darum, die Verantwortung für die Folgen der Forschung zu übernehmen.

Vielen Dank für das Interview, Lena!

Anna Appel