Inhalt

Wenn das Wetter uns hängen lässt – Regenflucht ins Germanische Nationalmuseum

Foto: Susanne Krüger

Endlich sind Semesterferien. Wir wollen uns ja nicht beklagen, bis vor einer Woche war traumhaftes Sommerwetter, aber in den letzten Tagen meint es Petrus nicht gut mit uns. Herbststimmung kommt auf und der Regen zwingt ja förmlich dazu, sich statt dem Freibad den Hausarbeiten zu widmen. Trotzdem braucht man manchmal auch eine Pause vom Bücher Wälzen und Skripte Lesen. Deshalb haben wir eine wetterfeste Möglichkeit gesucht, uns ein bisschen vor der Arbeit zu drücken. Lateinische Quellen liest man ja im Museum viel lieber als für die eigene Hausarbeit.

 Das GNM – Ein kleiner Ausflug in die Geschichte

1852 wurde das Germanische Nationalmuseum vom fränkischen Juristen Hans Freiherr von und zu Aufseß in Dresden gegründet, nur um es dann im folgenden Jahr in Nürnberg zu eröffnen. Bis zur Reichsgründung 1871 wünschte sich ein großer Teil der deutschen Bevölkerung einen einheitlichen deutschen Staat. Durch diesen erhoffte man sich die gleichberechtigte Gewähr von Bürgerrechten für alle Deutschen. Das bringt auch die Nationalhymne mit dem Dreiklang Einigkeit und Recht und Freiheit zum Ausdruck. Zuvor sah man sich in den vielen verschiedenen deutschen Staaten individuellen monarchischen Rechtssystemen ausgesetzt, die durch hohe Zollauflagen die Wirtschaft, durch Zensur und Gängelung aber auch einen Austausch im Dienste von Forschung und Wissenschaft behinderten. Zu sehr fürchteten die Monarchien ihren Fall durch einen Einheitsstaat.

Nachdem die Revolution 1848 nicht zur Einheit der Deutschen in einer Nation führte, wich man vielerorts auf das Betonen einer kulturellen und sprachlichen Einheit aus. Dieser Geist einer germanistischen Kultur über Ländergrenzen hinweg prägte auch die Gründung des GNM. Ehrgeiziges Ziel war es, das gesamte Quellenmaterial zur deutschen Geschichte zu verzeichnen. Das für alle zugängliche Wissen über die eigene Vergangenheit sollte das Nationalbewusstsein stärken. Natürlich konnte Aufseß sein Ziel einer allumfassenden Sammlung nicht erreichen, trotzdem prägte diese Idealvorstellung kulturhistorische Museen der damaligen Zeit.

Als Grundstock brachte Aufseß eine große private Sammlung mit, die zuerst im Turm des Tiergärtnertors zu sehen war. Schon 1857 erkannte auch der Monarch Max II. von Bayern die Bedeutung von Aufseß‘ Idee und bestimmte das ehemalige Nürnberger Kartäuserkloster als zukünftigen Sitz des Museums. Das Kloster wurde im Spätmittelalter erbaut, aber schon 1525 im Zuge der Reformation geschlossen. Als das Museum dort einziehen wollte, musste das Kloster zuerst sehr aufwändig renoviert werden, davon zeugen auch einige Fotos im GNM. Immer wieder wandte sich Aufseß für solche Vorhaben an die Bevölkerung und rief zu Spendenaktionen für sein Museum auf. Heute sind einige Teile des alten Klosters sehr gelungen mit dem Museumsneubau kombiniert und schaffen eine beeindruckende Atmosphäre aus alt und neu.

Bei den Luftangriffen auf Nürnberg 1943-1945 wurde das Museum stark beschädigt. Zwar ließen die Nazis Teile des Bestands zuvor auslagern, doch gerade fest eingebaute Exponate, wie die Zimmer aus verschiedenen Epochen, wurden größtenteils zerstört. Übrigens: Zwischen den Nazis und dem Museum schien es einige Differenzen zu geben. Zwar setzte die Museumsleitung einige Anordnungen der NSDAP um, doch Hitler selbst stattete dem bedeutenden Museum nie einen Besuch ab. Das scheint verwunderlich, bedenkt man die wichtige Rolle, die er der Stadt Nürnberg beimaß.

Sport und Kultur im Doppelpack

An dieser Stelle muss ich mich outen. Auch wenn ich schon seit anderthalb Jahren in Erlangen wohne, war ich noch nie im GNM. Deshalb war die Planung etwas unrealistisch. Wer denkt, das Museum sei bei einem ersten Besuch in einer gemütlichen zwei-Stunden-Tour komplett besichtigt, der hat sich getäuscht. Natürlich kann man auch einen kurzen Ausflug daraus machen, aber nicht mit dem Anspruch, überall gewesen zu sein, geschweige denn alles besichtigt und gelesen zu haben.

In den ersten Räumen mit beeindruckenden Exponaten zur mittelalterlichen Geschichte, ließen wir uns noch reichlich Zeit, Richtung barocke Bildersammlung pickten wir uns nur noch besonders beeindruckende Ausstellungsstücke heraus. Um abschließend zu unserem eigentlichen Ziel zu kommen: der Ausstellung „Welt im Wandel 1500-1600 – Luther, Kolumbus und die Folgen“ zum Reformations-Jubiläum. Die Sonderausstellung startete am 13. Juli und schließt am 12. November diesen Jahres.

Die schier unendlich wirkende Fülle des GNM kann man hier kaum beschreiben. Am Ende waren wir gute drei Stunden im Museum unterwegs und hatten immerhin knapp 7000 Schritte und drei Kilometer hinter uns. Die Jogging-Tour am Abend kann man sich also getrost sparen.

Persönliche Highlights

Natürlich haben uns einige Exponate und Themen besonders fasziniert, die auf jeden Fall einen Besuch im GNM lohnenswert machen. Hier kommt eine kleine Auswahl:

  1. Der Nürnberger Heiltumsschrein. Zentral im ersten Raum des Mittelalter-Abschnitts steht bzw. hängt der Heiltumsschrein. Die riesige hausförmige Kiste ist mit ihren Verzierungen aus Gold und Silber schon für sich sehr imposant. Noch spannender wird es aber, wenn man ihre Funktion kennt. Jahrhunderte lang repräsentierten die sogenannten Reichskleinodien die Macht des jeweiligen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches. Zu ihnen zählten unter anderem die Reichskrone, die Lanze, die angeblich die Seite Jesu durchbohrte und Reichsapfel und -zepter. Seit 1350 lagen sie sicher verwahrt in der Burg Karlstein nahe Prag. Im frühen 15. Jahrhundert wüteten die Hussitenkriege vor allem im Osten des Reichs. Die religiöse Minderheit um Jan Hus verlangte Anerkennung. Aus Angst, der Reichsschatz könnte den Abtrünnigen in die Hände fallen oder gar zerstört werden, ordnete Kaiser Sigismund 1423 an, die Reichskleinodien an einen sicheren Ort zu bringen: Sie wurden der Stadt Nürnberg übergeben, die sie in eben diesem Schrein im Heilig-Geist-Spital aufbewahrte. An der Entscheidung des Kaisers zeigt sich zum einen, wie bedeutend die Stadt Nürnberg im späten Mittelalter schon war, zum anderen aber auch der Rang der reichsunmittelbaren Städte. Hier zog der Kaiser eine Stadt der Burg eines Angehörigen seines eigenen Standes vor.
  1. Aus der Zeit, in der auch das GNM gegründet wurde, stammt unser zweites Highlight: Die Germania. Schöpfer des überlebensgroßen Banners war 1848 vermutlich der Maler Philipp Veit. Die Germania wird zum Sinnbild des Wunsches nach einem geeinten Deutschland. In ein Herrschergewand gehüllt, einen Schild mit dem Doppeladler auf der Brust, steht sie vor einem Gebirgspanorama hinter dem gerade die Sonne aufgeht. Sie trägt die deutsche Fahne in der einen, ein Schwert und einen Ölzweig in der anderen Hand. Ihren Kopf krönt ein Kranz aus Eichenlaub und zu ihren Füßen liegt eine lose Fußfessel. Die Symbolik ist mehr als deutlich und zielt klar auf die deutsche Einheit. Das mehrere Meter große Bild hing über dem Rednerpult des ersten deutschen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche. Nachdem das Parlament zerschlagen und die Revolution gescheitert war, wurde das Bild sicher verwahrt und gelangte 1867 in den Besitz des Museums.Fast jeder kennt das Motiv aus den Geschichtsbüchern in der Schule. Die Germania life zu sehen ist allerdings um Längen besser.
  1. Das sogenannte Aachener Zimmer. Hinter einigen unscheinbaren Türen im GNM verbergen sich andere Welten. Im Bereich zum barocken Kunsthandwerk steht man auf ein mal in einem kunstvoll holzvertäfelten Zimmer mit zahlreichen Wandbildern, das so gar nicht ins moderne Interieur des Museums passen will. Das Zimmer samt Kamin stammt vermutlich von 1740. Es schmückte das Haus des Aachener Patriziers Johann von Wespien. Hier kann man wahrlich residieren.
  2. Last but not least: Die Sonderausstellung über Luther und Kolumbus. Spätestens hier wird jedem Besucher klar, dass das GNM nichts mit dem muffigen langweiligen Museumsklischee unserer Kindheit zu tun hat. Die komplette Ausstellungshalle ist abgedunkelt. Das dient zum einen dem Schutz der Exponate, zum anderen sieht es auch verdammt schick aus. Der rote Faden, der sich durch die ganze Ausstellung zieht, ist die Frage, wie eine Gesellschaft mit Veränderungen umgeht. Also ein hochaktuelles Thema, das jeden von uns interessieren sollte. Wie erlebten Luther und seine Zeitgenossen zum Beispiel die Entdeckung Amerikas? Was hielten bekannte Humanisten wie Erasmus von Rotterdam von Luthers Ideen? So viel sei gesagt: Luther vermerkte zur Entdeckung der neuen Welt nur, sie habe die Syphilis gebracht. Erasmus von Rotterdam hielt recht wenig von Luthers Ansichten und brachte damit gemeinsame Freunde in eine schwierige Lage.

Die komplette Ausstellung ist interaktiv und multimedial angelegt. An Hörstationen kann man sich Zeitzeugenberichte oder Schriften von Luther selbst vorlesen lassen. Zum Beispiel über das Eintreffen der ersten amerikanischen Ureinwohner am spanischen Hof. Außerdem gibt es eine App zur Ausstellung, die bestimmte Exponate mit Zusatzinformationen unterfüttert. Einziges Manko: Die App konnte sich bei uns nicht mit dem erforderlichen WLAN verbinden, deshalb blieben wir in der Ausstellung altmodisch analog. Dafür funktioniert sie jetzt von Zuhause und man kann die Ausstellung bequem vom Sofa aus vor dem inneren Auge abgehen. Sinn der Sache ist das natürlich nicht.

Fazit

Gerade wenn uns das Wetter mitten in den Ferien mal wieder im Stich lässt, ist das Germanische Nationalmuseum ein super Ausflugsziel. Wenn man sich wirklich alles anschauen will, sollte man aber ein paar Stunden einplanen. Das GNM arbeitet mit modernsten Mitteln und schafft es mühelos, die Fülle an Ausstellungsstücken und Themen spannend zu präsentieren. Bei der thematischen Vielfalt von frühzeitlicher Münzkunde über mittelalterliche Waffentechnik bis hin zur Kleidermode der frühen Neuzeit ist für jeden Geschmack etwas dabei. Außerdem bekommt man für den fairen Studenteneintritt von 5€ wirklich einiges geboten. Blutige Museumsanfänger können auch an einer kostenlosen Führung teilnehmen, um das GNM erst einmal kennenzulernen.

Nach dem Besuch lohnt sich auch ein Stopp im Museumsshop, der mit einer hochwertigen Bücherauswahl, Kunstdrucken und kleinen und großen Andenken glänzt. Für eine Verschnaufpause gibt es im Untergeschoss das Museumscafé.

Von unserer Seite eine klare Empfehlung!

Susanne Krüger

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind * markiert

Sie können die folgenden HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>