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Wird das nun ein Schrecken ohne Ende? – Ein Kommentar zur US-Wahl

 

FAU-Studentin und meineFAU-Redakteurin Anna Appel teilt ihre Gedanken zur US-Wahl einem persönlichen Kommentar:

Die vielen unentschlossenen Wähler machten die Prognose schwierig. (Foto: M1/FAU)

Die vielen unentschlossenen Wähler machten die Prognose schwierig. (Foto: M1/FAU)

Der Wecker klingelt und ich wache auf. Die digitalen Zahlen zeigen 7 Uhr an. Ich beende das Piepen und nachdem ich meinen seltsamen Traum halbwegs verdrängt habe, schießen mir folgende Worte in den Kopf: „Wahl“, „Trump“ und „Clinton“. Der Griff zum Smartphone ergibt sich dann wie von selbst. W-LAN einschalten, SPIEGEL-Online-App aktualisieren, bis zum Schreckensthema herunterwischen und … Ich halte den Atem an und denke kurz darüber nach, ob ich mich vielleicht in einem Klartraum befinde. Rasch muss ich jedoch einsehen, dass dies nicht der Fall ist. Wäre ja auch zu schön gewesen.

„Clinton kann Trump kaum noch einholen.“ So lautet die Schlagzeile im Liveticker. Mittlerweile ist es 7:41 Uhr. Ich scrolle herunter und entdecke einen Artikel mit grafischen Analysen zur Wahl. Dort erfährt man, dass die Jungen im Durchschnitt eher Clinton und die Alten eher Trump gewählt haben. Das ist traurig und sehr schade. Nicht, dass ich von Clinton viel Gutes erwarten würde. Aber Trump? Was ist das für eine Alternative? Trump ist wohl eine solche Alternative für die USA, wie die AfD eine für Deutschland ist – nämlich überhaupt keine.

Vor kurzem habe ich mir eine ZDF-Doku angeschaut, in der durch das persönliche Gespräch mit US-Amerikanern verschiedener Schichten, Ethnien und Bundesstaaten tiefe Einblicke in die zerrissenen Vereinigten Staaten gegeben wurden. „Amerika ungeschminkt“ betitelt sich die Doku. Darin wurden Fragen gestellt wie: „Was erwarten Sie von den Wahlen?“ oder „Wen werden Sie wählen?“ Eine Frage tauchte immer wieder auf: „Ist das noch Ihr Amerika?“ Und einige beantworteten diese Frage vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse, aber auch vor dem Hintergrund der Geschehnisse seit 2001 so: „Nein, DAS ist nicht mehr mein Amerika.“

Da sah man zum Beispiel ein älteres Ehepaar, das aufgrund des Platzens der Immobilienblase vor fast zehn Jahren sein Haus verlor und das seitdem in einem Wohnwagen lebt. Die beiden wirken sehr sympathisch, vor allem, als sie auf die Frage des Reporters hin, ob sie trotzdem glücklich seien, verschmitzt lächeln, nicken und auf den Ehepartner deuten. Dann kommt die Frage, wen sie denn demnächst wählen würden. Und die Antwort lautet erstaunlicherweise, dass sie wahrscheinlich Trump wählen werden. Nicht weil sie toll fänden, was er so alles von sich gebe. Sondern weil sie mit ihm niemanden zu befürchten hätten, der ihnen wieder etwas wegnehmen wolle. Denn er habe ja schon alles. Er sei so reich, dass er nicht aus Machtgründen handeln werde. Diese Antwort erstaunt mich und macht deutlich, dass die aktuelle Wahl von sehr unterschiedlichen Emotionen und unerwarteten Handlungsmotiven beeinflusst wird.

Eigentlich nur ein Spaß-Mitbringsel aus dem Urlaub, seit heute ist es Ernst. (Foto: M1/FAU)

Eigentlich nur ein Spaß-Mitbringsel aus dem Urlaub, seit heute ist es Ernst. (Foto: M1/FAU)

Weiter unten blitzt eine Grafik auf, die mich besonders in Aufregung versetzt: „Stimmanteile nach Religion“. Und das Ergebnis: Bei allen christlichen Konfessionen und Gruppierungen steht Trump in der Mehrheit. Bei Juden, Gläubigen weiterer Religionen sowie Religionsfernen liegt hingegen Clinton deutlich vorn. „Was für Christen sind das denn?“, denke ich bei mir und stelle im nächsten Augenblick fest, dass es bei uns – wo Bürgerinnen und Bürger, die sich selbst als christlich bezeichnen, das vermeintlich bedrohte christliche Abendland retten wollen – auch nicht gerade besser aussieht. Es sind wahrscheinlich auch die Christen, die ihrer pubertären Tochter einen „Purity Ring“ anstecken und sie dazu bringen, bei Gott die Keuschheit vor der Ehe zu schwören. Vielleicht sind es die Menschen, die gerne andere mit ihren Ängsten unter Druck setzen und Diskriminierung und Ausgrenzung von Frauen, Andersgläubigen, Migranten und Menschen bestimmter sexueller Orientierung in Kauf nehmen, solange ihr höheres Ziel, ihre Religion, ihr Land dafür unter besonderen Schutz gestellt werden.

Es ist inzwischen 8:25 Uhr. Im Liveticker steht noch die Schlagzeile „Trump steht vor dem Sieg“. Darunter ein Bild von einem künstlich lächelnden, alten Mann, der seinen Daumen in die Höhe streckt. Eigentlich wäre ein Frühstück jetzt angebracht, aber der Hunger ist mir vergangen. Bei N24 erfährt man jetzt, dass Trump gewonnen hat. Das Ganze kommt mir wie ein falscher Film vor. Man sagt das oft so daher, aber gerade fühlt es sich tatsächlich so an. Hoffentlich hat dieser Schrecken bald ein Ende. Aber ob man darauf hoffen kann?

Anna Appel

Ergänzung der Redaktion: Was der Ausgang der US-Wahl nun für die USA selber und die transatlantischen Beziehungen bedeutet, beleuchtet heute Abend die Vorlesung The U.S. Has a New President – Implications for Politics and Regions von drei FAU-Professoren im Rahmen des auslandswissenschaftlichen Kolloquiums The Return of the U.S. to Center Stage (Link zum gesamten Programm). Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt, der Eintritt ist frei.

The U.S. Has a New President – Implications for Politics and Regions
Zeit: 18.30-20 Uhr
Ort: Großes Audimax (Raum 0.015), Findelgasse 9, 90402 Nürnberg