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Zwischen Lachen und Weinen – zu Besuch in Nordkorea

Die pompösen Stauen der verstorbenen Führer. Ein Muss auf der Reise. Foto: Reinhold Erdt

Die pompösen Stauen der verstorbenen Führer. Ein Muss auf der Reise. Foto: Reinhold Erdt

Soll man über Kim Jong-un lachen oder weinen? Das Staatsoberhaupt Nordkoreas sorgt immer wieder für Gesprächsstoff: Sei es eine erneute Drohung gegen die USA, seine Behauptungen über die angeblichen Atombomben, die sein Land produziert hat, oder Bilder von ihm, bei dem er einen seiner zahlreichen „Doktortitel“ entgegennimmt. Nordkorea ist hermetisch abgeschottet vom Rest der Welt. Was wirklich in dem Land geschieht, ist nicht vollends klar. Touristen gibt es dort nur sehr wenige; Reinhold Erdt ist einer von ihnen. Seine Reise in den totalitären Staat ermöglichte ihm Einblicke in eine Welt, die absurder kaum sein könnte.

Der 23-jährige Politikmasterstudent hat schon aufgrund seines Studiums eine starke Verbindung zu Asien: Seinen Bachelor machte er in Sinologie – eine Wissenschaft, die sich mit der chinesischen Kultur und Sprache beschäftigt. „2013/14 war ich für ein Jahr in Asien“, sagt Erdt. Ein halbes Jahr Auslandssemester in Taiwan, ein halbes Jahr Praktikum in China. „Dadurch bin ich auch in anderen Ländern Asiens herumgekommen, unter anderem in Indien.“ Nordkorea war schon damals auf seiner Liste, 2015, nach der Abgabe seiner Bachelorarbeit, wagte er die Reise dann gemeinsam mit seinem Onkel.

Stille Morgenstimmung in Pjongjang. In diesem Moment kommt einem Kims Königreich so friedlich vor. Foto: Reinhold Erdt

Stille Morgenstimmung in Pjongjang. In diesem Moment kommt einem Kims Königreich so friedlich vor. Foto: Reinhold Erdt

„Wir waren in einer Reisegruppe von zehn bis 15 Deutschen unterwegs, mit zwei nordkoreanischen Reiseführern. Anders kann man dort kaum reisen“, sagt Erdt. „In der Gruppe war ich deutlich der Jüngste.“ Die Anreise nach Nordkorea war nur mit dem Flugzeug von Peking aus möglich. „Die Besonderheiten fingen schon mit der Reiseleitung an. Wir hatten einen deutschsprachigen und einen englischsprachigen Reiseführer. Bis zum Ende waren wir uns nicht sicher, ob sie nicht beide Deutsch konnten – das war schon sehr suspekt“, erzählt Erdt.

Kontakt kaum möglich

Zehn Tage verbrachte der Student mit der Reisegruppe in Nordkorea, wobei die Gruppe nur einmal außerhalb der Hauptstadt Pjöngjang schlief. „Sonst haben wir immer Tagestouren unternommen, alles mit unserem eigenen Bus, wir durften nicht einmal Entfernungen von ein paar hundert Metern laufen“, sagt Erdt und muss immer noch den Kopf schütteln, als er sich an die skurrile Reise erinnert. „Der einzige Ort, an dem wir uns frei bewegen konnten, war das Hotel. Das lag auf einer Insel und war von einem Zaun umgeben.“ Kontakt mit der nordkoreanischen Bevölkerung war somit kaum möglich.

In der Grenzstadt Kaesong finden sich noch traditionelle Häuser, wie sie überall in Korea Standart waren. Foto: Reinhold Erdt

In der Grenzstadt Kaesong finden sich noch traditionelle Häuser, wie sie überall in Korea Standart waren. Foto: Reinhold Erdt

Erdt musste am eigenen Leib erfahren, wie viel Macht der Staat hat: bei einem der Tagesausflüge verlor er beim Fotografieren den Anschluss an die Gruppe. „Ich bin dann einfach zur Gruppe rüber gelaufen“, sagt Erdt. „Der Reiseführer fand das gar nicht witzig und hat mich sofort gefragt, ob ich ein Spion bin wegen meiner Kamera.“ Beim nächsten Halt musste er seine Personalien erneut aufgeben – und das obwohl jeder Tourist bei der Einreise seinen Pass abgeben muss. „Das war eindeutig ein Einschüchterungsversuch. Da wird einem schon ein wenig anders zumute.“

Übergroße Herrscher

Die Reise bestand fast nur aus Anlaufpunkten, die dem Besucher vor Augen führen, wie großartig das Regierungssystem und vor allem seine Herrscher sind: Überall hingen Bilder in Überlebensgröße, die Staatsgründer Kim Il-sung und seinen Sohn Kim Jong-il zeigen. Sie stehen teils an zentralen Orten, teils mitten in der Landschaft, wo sie kaum jemand sehen wird. Vom derzeitigen Herrscher Kim Jong-un gibt es noch keine Bilder, der lebt schließlich noch. „Andauernd haben wir uns Statuen angeschaut und mussten uns verbeugen und Blumen niederlegen“, sagt Erdt.

Aufgrund des Mangels an Lastwägen werden viele Baustoffe und Wahren per Handkarren transportiert. Im Hintergrund sehen wir einen geschlossenen Kiosk. Foto: Reinhold Erdt

Aufgrund des Mangels an Lastwägen werden viele Baustoffe und Wahren per Handkarren transportiert. Im Hintergrund sehen wir einen geschlossenen Kiosk. Foto: Reinhold Erdt

Die Infrastruktur hat Erdt am meisten erstaunt. „Es gibt eigentlich nur eine große Straße, die vor allem für den Kriegsfall erbaut wurde, damit schnell Güter und Waffen transportiert werden können. Sie haben sogar Bunker direkt an der Straße“, sagt Erdt. „Die Straßen sind komplett leer, da es kaum Privatautos gibt und nur ein paar Lastwägen und Militärautos herumfahren.“ An verschiedenen Checkpoints, die sie mit dem Reisebus passierten, standen Soldaten mit ihren Waffen im Anschlag. Auch die Metro in Pjöngjang hatte es dem Politikstudenten angetan. „Die Wagen der Metro stammen aus der DDR, das war so verrückt!“

Der Schein einer perfekten Welt

Es ging immer um den Schein einer perfekten Welt. „Der Reiseführer erzählte uns, in Nordkorea gäbe es keine Homosexuellen. Außerdem erzählte er, dass diejenigen, die Nordkorea verließen, was nur durch eine Flucht gelingt, Verräter seien“, erzählt Erdt. Vor allem am Grabmal der beiden Staatsführer sei ihm bewusst geworden, dass er sich in einer komplett anderen Welt befand. „Viele Nordkoreaner haben geweint und waren total von der Rolle, als sie dort rauskamen. Es war ziemlich krass, weil die beiden Leichname in verglasten Särgen erhalten werden und man so von Angesicht zu Angesicht vor ihnen steht.“ In dem Grabmal gab es auch ganze Kammern, in denen die Ehrenurkunden und Doktortitel der beiden Herrscher ausgestellt waren.

In Nordkorea kann es auch beschaulich zugehen. Foto: Reinhold Erdt

In Nordkorea kann es auch beschaulich zugehen. Foto: Reinhold Erdt

In vielen Momenten wurde sich Erdt dem Ernst der Lage bewusst, aber vor allem ein Erlebnis beschäftigt ihn noch heute. „Fotos von Baustellen, Schiffen und vielen anderen Dingen waren verboten. Ich hab trotzdem welche gemacht, natürlich auf einer extra Speicherkarte“, sagt er. „Bei der Ausreise mit dem Zug nach China sind wir gefilzt worden. Die Karte mit den „verbotenen“ Bildern habe ich in meiner Unterhose versteckt.“ Es ging alles gut. Im Zug unterhielt er sich dann mit einem anderen Touristen auf Englisch über die seltsamen Erlebnisse der vergangenen Tage. „Auf einmal fuhr der Zug zurück. Und ich dachte nur, Oh Gott, das war es! Die haben den Zug verwanzt und mitgehört, jetzt werde ich verknackt.“ Letztendlich hatte der Zug nur rangiert, um auf das richtige Gleis zu gelangen. „Das war wirklich krass, ich war ja nur zehn Tage dort. Und nach so einer kurzen Zeit war ich schon vollkommen paranoid!“

Weitere Bilder aus Nordkorea und anderen Destinationen findet ihr auch auf der Facebook-Seite Lichtspiel, die Reinhold mit Freunden betreibt.

Leonie Fößel