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Typo3 als Allrounderlösung für Unis?

Typo3 als Allrounderlösung für Unis?
Viele Universitäten springen derzeit auf den Zug Typo3 auf.
Dies oft weniger wegen der Qualität der Software, sondern aus im wesentlichen zwei Gründen:

  1. Die Software kostet nichts
  2. Andere Unis benutzen es auch und man kann sich zur Not an die Kollegen wenden

(Weitere inoffizielle Gründe wären meines Erachtens auch:

  • Viele kommerzielle Systeme haben die Versprechen der Vergangenheit nicht gehalten (z.B. korrekte Trennung von Inhalt und Layout) was zu einer negativen Sichtweise gegenüber kommerziellen Herstellern führte.
  • Viele sind unverhältnismäßig teuer und können daher von Unis nicht auf Dauer betrieben werden)

Meines Erachtesn ist die Nutzung von Typo3 mit Vorsicht zu geniessen.
Und zwar insbesondere aus zwei gewichtigen Gründen.

  1. Typo3 verlangt -wie jedes professionelles WCMS- eine Betreuung durch einen Admin und es verlangt regelmäßige Schulungen. Bei großen Webauftritten ist es quasi unerläßlich dafür eine Stelle zu schaffen, die sich um nichts anderes kümmern kann als die Administration des Systems! Die Schulungen der Autoren müssen zudem regelmäßig durchgeführt werden. Wenn dies nicht erfolgt, geht der Webauftritt irgendwann mit seiner Publizierungsrate in den Keller. (Ein Aspekt, den viele der Unis noch nicht betrachten, weil sie noch in der üblichen Anfangseuphorie stecken.).

    Die Schulungen zu Typo3 sind deswegen problematisch, da man diese Schulungen sonst nirgendwo anders gebrauchen kann. Sehr oft hört man das Argument, daß fast niemand HTML könne. Aber gilt dies nicht für Typoscript und die Bedienung von Typo3 genauso?
    Für beides braucht man Schulungen. Wenn ich aber eine Schulung in der Verwendung eines WYSIWYG-HTML-Editors mache, der feste Templates unterstützt, dann haben meine Autoren was davon und können auch für andere Webprojekte eingesetzt werden. Zudem gibt es hier bereits ein breites Vorwissen. (Immerhin sind 60% aller Deutschen im Netz.) Typo3 und Typoscript dagegen kann kein Autor woanders verwenden.

  2. Typo3 kostet gewaltig Performance. Auf einem Dual Xeon mit 2x3GHz können laut Vortrag des RZN auf dem ZKI/AMH Webadminmeeting 2005 maximal 8 Webauftritte mit Typo3 gehostet werden. Im Typo3-Buch von Robert Meyer heisst es sogar:
    Bei weniger als 150.000 Seitenaufrufen pro Monat ist ein dedizierter Server voraussichtlich nicht erforderlich. […] Ab ca. 200.000 Seitenaufrufen im Monat ist ein Single-Prozessor-Server mit 1 GByte Arbeitsspeicher ausreichend. Bei bereits 500.000 Seitenaufrufen pro Monat sollte ein Dual-Prozessor-Server mit 2 oder 4 GByte Arbeitsspeicher eingesetzt werden. Ab etwa 1 Million Seitenaufrufen im Monat empfiehlt es sich, Typo3 in einer Cluster- oder Load Balancing-Umgebung zu betrieben.

    Wie läßt sich dies auf eine gut gehende Universitätsplattform übertragen?

    Zum Vergleich: Wir haben hier an der Uni Erlangen etwa 480 verschiedene Webauftritte. Darin sind viele kleine Webauftritte mit minimalen Hits drin, die seit Jahren mit bewährten techniken gebaut werden, aber auch große Hightraffik-Domains wie das Uni-Portal, das RRZE-Portal und diverse bekannte WISO-Domains.
    Derzeit werden die 29 Haupttraffikdomains auf einen einzigen Server gehostet auf denen sie über 3 Mio Seitenaufrufe pro Monat bewältigen. Die anderen über 400 Webauftritte die wir am RRZE hosten verteilen sich auf 2 (ja, nur zwei!!) weitere Server.

    Und was wir hier als Server haben sind keine Superrechner, sondern Standard-Sunserver. Das schnellste ist die Sunfire 280f.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Würde man versuchen allein die Haupttraffikdomains auf Typo3 zu stellen, bräuchte man einen enormen Hardwareaufwand, der zusätzlich betreut werden muss (von wem? wir haben dafür keine Stellen). Illusiorisch wäre die Vorstellung, Typo3 für alle Hosts zu nutzen. Das kann niemand bezahlen (Nur Hardwarekosten + Betreeungskosten).

Die Folgen der Performance sind auch anderen Unis bekannt. Doch anstelle nun zu schließen, daß Typo3 vielleicht nur für mittlere Webauftritte geeignet ist, wird der verzweifelte Versuch unternommen, alle vorhandenen Webauftritte, aller Einrichtungen zusammenzuführen auf einem einzigen Webauftritt. Gutes Argument hierzu ist dann natürlich die gemeinsame CI und der vermeintlich positive Wiedererkennungseffekt, den Studierende dann haben würden. (Schließlich wüsste man ja bei jeder Seite daß man zur Uni XY gehört, da ja jede Site gleich strukturiert sei. Das gleichzeitig eine Uniformität eintritt und einzelne untereinander konkurrierende Einrichtungen kaum voneinander unterscheidbar und optisch wiederfindbar sind, ist ein zu oft unterschätzter und absichtlich argumentativ verniedlichter Aspekt).

Dieser Versuch ist jedoch zum Scheitern verurteilt – dies zeigt die Erfahrung der Vergangenheit deutlich. Ein Zentraldesign läßt sich nur bei straffen Organisationsformen auf Dauer durchführen. Und dann auch nur bei vorhandenen Schulungsmaßnahmen.

Viele Kollegen, die von den Hochschulleitungen mit diesem Ziel betraut waren, sehen nach abklingen der ersten Benutzungseuphorie immer wieder dieselben Probleme auf sich zukommen:

  • Ungeschulte und uninformierte neue Mitarbeiter wissen nichts von der zentralen Lösung und bauen mal eben was eigenes neu auf. Ist es dann einmal da, kann es nicht merh so schnell weg.
  • Viele Einrichtungen, insbesondere derren Leitung, pochen auf ihre Unabhängigkeit, die sich nicht nur in Design, sondern auch in dem Wunsch nach vollständigher Kontrolle äußert. Egal, wie gut die zentrale Lösung sein mag: Liefert sie der Einrichtung nicht genug Eigenständigkeit, wird sie nicht angenommen und folglich ignoriert oder boykottiert.
  • In der Regel kann keine Pflicht zur Teilnahme an regelmäßigen Schulungen eingeführt werden. Mir ist zudem keine Uni bekannt, die diese Pflicht jemals schon von Anfang an versuchte einzuführen. Doch ist erstmal eine gewisse Zeit vergangen, wissen viele Leute nicht mehr wie sie seiten Publizieren sollen. Erschwerend kommt an Unis die hohe Zahl an zeitlich befristeten Stellen hinzu, derren Inhaber aus Kostengründen garnie erst geschult werden.
    Folglich läßt die Publizierungsrate nach und die Inhaltsqualität sinkt.
  • Jede Erweiterung muss entweder selbst in typoscript programmiert werden, oder -wenn man Glück hat- gibt es sie schon, muss aber dann auch installiert werden. Doch irgendwer muss genau dies machen. Also entweder ein Admin oder ein WebTeam, die sich darum kümmern muss (da gibt es dann viel zu tun), oder aber jeder Autor erhält das Recht auf die Nutzung von Typoscript.
    Bei den knappen Stellen für Webadmins und den hohen Qualitätsdruck und Bedarf der Anwender (Welche Stellen überhaupt? Nichtmal hier an der Uni Erlangen gibt es eine echte Stelle dafür – dafür ist ja kein Geld da.) ist die Wahrscheinlichkeit da, daß das Recht zur Nutzung von Typoscript relativ frei gehandhabt wird. (ähnlich wie vor Jahren mit der Einführung interaktiver Skripten via CGI oder PHP).
    Folge hierdurch wieder: Die Leute können mannigfaltig auf ihre Typo3-Instanzen eingreifen und Dinge machen, die dann wieder entgegen der offiziellen Linie sind.

Aus all diesen Erfahrung bleibt für mich ein Schluß:
Eine Allrounder-Lösung kann es nicht geben und wird es nicht geben. Typo3 ist ein Hilfsmittel, welches gut geeignet ist für mittelgroße, überschaubare Webauftritte.
Aber mehr auch nicht.

Die einzige richtige Lösung besteht meines Erachtens nur darin, ein Rahmenkonzept zu entwickeln, mit dessen Hilfe individuell zugeschnittene Lösungen machbar sind.
Diese kann und sollte auf alle Fälle die „personelle Betriebsumgebung“, genauso berücksichtigen, wie vorhandenes Wissen der Mitarbeiter, Barrierefreiheit, verfügbare Technik und echte Kosten.

In Darmstadt sagte Arne Ohlsen:
Der größte Feind der Barrierefreiheit ist das kurzfristige Denken

Dies stimmt. Aber es ist noch mehr:

Der größte Feind eines qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Webauftritts ist das kurzfristige Denken