Schwärmereien

Wir begegnen der Schwärmerei im alltäglichen Leben in Hülle und Fülle. Manchmal können Schwärmereien auch gefährlich werden und sind nicht harmlos. Also beschäftigen wir uns mit der Schwärmerei.

1) Unsere Wortführer in der Vergangenheit : Luther und Kant

Im Historischen Wörterbuch der Philosophie  lesen wir u.a.  in Band 8 zum Eintrag „Schwärmerei“:

„ Schwärmerei ist eine seit der Reformation im interkonfessionellen Disput gebrauchte Kampfvokabel… M. Luther (1483-1546), in dessen Streitschrift seit den 1520er Jahren sich das Wort erstmals findet, hat eine Vielfalt konkurrierender reformatorischer Strömungen im Auge, wenn er von ‚schwermern‘ spricht;  u.a. gehörten dazu: Thomas Müntzer (1489-1525), die Zwickauer Propheten, Täufer, Spiritualisten, also der ‚linke Flügel’ der Reformation.“

Interessant ist, dass das Wort „Schwärmerei“  nicht annähernd exakt  ins Englische übersetzt werden kann. „enthusiasm“, also Begeisterung ist eine äußerst schwache Wiedergabe.

Aus der Kampfvokabel „Schwärmerei“ wurde dann bei Immanuel Kant (1724-1804) in der Aufklärung ein philosophischer Begriff, der auch heute noch zuweilen  Verwendung findet, wobei sich die Bedeutung etwas verschoben hat. Schon in seiner vorkritischen Schrift  „Versuch über die Krankheit des Kopfes“ (1764)  legt der 40-jährige Magister in Königsberg mit harten Worten los:

Welche Phantasten!  Dieser zweideutige Anschein von Phantasterei, in an sich guten moralischen Empfindungen, ist der Enthusiasmus, und es ist niemals ohne denselben in der Welt etwas Großes ausgerichtet worden. Ganz anders ist es mit dem F a n a t i k e r (Visionär, Schwärmer)  bewandt. Dieser ist eigentlich ein Verrückter von einer vermeinten unmittelbaren Eingebung, und einer großen Vertraulichkeit mit den Mächten des Himmels. Die menschliche Natur kennt kein gefährlicheres Blendwerk… Ich kann noch in gewissem Maße  zu der Verkehrtheit des Kopfes, so fern dieselbe die Erfahrungsbegriffe  betrifft, das gestörte E r i n e r u n g s v e r m ö g e n zählen. Denn dieses täuscht den Elenden, der damit angefochten ist, durch eine chimärische Vorstellung, er weiß  was von einem vormaligen Zustand, der wirklich niemals gewesen ist. “

Man verzeihe das  ein wenig aufpolierte Deutsch, wie es  aber „unpoliert“ vor 250 Jahren  noch akademisch  verstanden wurde.

2) Schwärmerei als Orientierungsproblem

Erst später in seiner kleinen Schrift „ Was heißt: sich im Denken orientieren?“ (1786)  führt Kant die Schwärmerei auf ein Orientierungsproblem  des Menschen zurück. Und das ist nun richtige Philosophie. Kant hat halt auch seine Zeit gebraucht. Das Psychopathologische von 1764 interessierte ihn 1786 nicht mehr. 1770 wurde der Magister Kant   zum Professor ernannt. 1786, das war in seiner kritischen Zeit, nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes „Kritik der reinen Vernunft“ von 1781 und noch vor seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ von 1788. Das Jahr 1789 mit der Französischen Revolution war dann epochal.

Nicht nur im sinnlichen Bereich muss der Mensch sich ständig orientieren. „Ex oriente lux“ heißt die bekannte Vokabel, um herauszufinden, wo Osten, wo die Sonnen aufgeht, zu finden ist. Daher das Wort „orientieren“.  Auch im nicht-sinnlichen Bereich haben Menschen ständig Probleme damit, wie sie sich ausrichten sollen. Aus einer Orientierung kann man auf eine Richtung schließen, in die es weitergehen soll. Eine Richtung ist sinnstiftend. Kein Sonnenaufgang hilft uns dabei, sondern nach Kant ein  Selbstdenken, “oder den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d.i. in einer eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung“, auf die wir uns  u.a. beziehen, wenn wir unsere Verfassung, ein Kind der Aufklärung, meinen. Auch im kantischen Sinne sollen wir uns an der Verfassung orientieren.

Was ist nun schwärmen? Schwärmer, die wie alle Menschen eine Vernunft geschenkt bekommen haben, schmeißen diese temporär oder für immer über Bord. „Weil du denken kannst, sollst du auch denken“ (Kant). Du sollst  deshalb denken, weil du es kannst. Schwärmer sind also Leute, die den Abstand zu ihrer  Vernunft gewaltig überziehen. In der Schrift von 1786 heißt es nun:

„Der Gang der Dinge ist ungefähr dieser. Zuerst gefällt sich das Genie (der Schwärmer, vom Verf. ergänzt) sehr in seinem kühnen Schwunge, da es den Faden, woran es die Vernunft lenkte, abgestreift hat. Es bezaubert bald auch andere durch Machtansprüche  und große Erwartungen  und scheint sich  selbst nunmehr auf einen Thron gesetzt zu haben, den langsame, schwerfällige Vernunft so schlecht zierte; wobei es gleichwohl immer die Sprache derselben führt. Die alsdann angenommene Maxime der Ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden Vernunft nennen wir gemeine Menschen  S c h w ä r m e r e i, jene Günstlinge der gütigen Natur aber Erleuchtung.“

Das Erstaunliche an diesem Text ist der Sarkasmus, der böse Hohn, den man bei einem so besonnenen  Mann wie Immanuel Kant nicht vermutet.  Die Schwärmerei, die hat bei ihm tiefe Wirkung hinterlassen. Und er hat uns infiziert.  Es handelt sich ja nicht mehr um eine Kampfvokabel wie bei Luther, sondern um eine Abkehr von der Vernunft. Der Mensch  wird  in seiner  Schwärmerei  unvernünftig; und das hält der Mensch nicht aus, falls er noch ein Interesse am eignen Leben hat.

Man kann Schwärmereien klassifizieren; wir unterlassen das und beschränken uns auf  eine schlichte Aufzählung, die sehr umfangreich werden könnte:

Fake-News, Alternative Tatsachen, America first, Populismus (Demagogie) der üblen Art, Wir-schaffen-das-Ideologie,  Europa-Schwärmerei, alle Formen von Propaganda und Selbst-Herausstellung, Digitalismus als  Zukunftsschwärmerei mit KI , Automobile, Endsieg-Ideologien 1944/45, die ich noch erlebte, Sport (insbesondere Fußball), etc. etc. Vom ganzen Arabien  und der Türkei wagt man gar nicht mehr  zu sprechen.

Ob die deutsche Energiewende sich nicht  als bloße Schwärmerei entpuppt, wird sich bald zeigen (siehe  u.a. Klimafalle). Vor einem  Richterstuhl der  Kritischen Vernunft werden es viele Politiker sehr schwer haben. Der Anklagepunkt lautet: Schwärmerei. Weil es den Richterstuhl einer Kritischen Vernunft nicht gibt, gibt es auch keine Anklage und alles bleibt, wie es ist. Man schwärmt  weiter vor sich hin, bis uns etwas eigentlich  Vorhersehbares ereilt. Die Vernunft soll spekulieren, d.h. über den Tellerrand der eigenen Erfahrung  hinausschauen. Man darf aber nicht schwärmen, d.h. sich gänzlich vom Tellerrand wegbewegen.

In  seiner Schrift „Was heißt: sich im Denken orientieren“  kommt Kant dann nach seiner Abhandlung über die Schwärmerei auf den Vernunftglauben zusprechen, das ist ein „Glaube, welcher sich auf keine andere Data gründet, als die, so in der Vernunft enthalten sind“. Ein Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Kompass, schreibt Mittelstraß in seiner gleichnamigen Schrift (1981). Wenn Gottesglaube für Kant ein Bedürfnis ist und kein Beweis seiner Existenz, dann ist ein Vernunftglaube auch nur ein Bedürfnis des Menschen nach Vernunft, nicht mehr und nicht weniger. Wehe dem Menschen, wenn das Bedürfnis  nach Vernunft, also sein Vernunftglaube  verloren geht, wie das häufig zu sein scheint.

 

3) Schwärmerei durch Psychologismus

Psychologie wurde als eigenständige akademische Disziplin Anfang des 19. Jahrhunderts in damaligen wissenschaftlichen Zentren Deutschlands wie Leipzig und Königsberg begründet“ heißt es bei Wikipedia. Das war also nach Kant, der 1804 starb. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam dann der Psychologismus auf, „ein Lehrsystem, dem zufolge die Logik und/oder die Erkenntnistheorie auf empirische Gesetze der Psychologie reduziert  werden können“. Obwohl der Psychologismus von Frege und Husserl kräftig bekämpft wurde, grassiert er aber  auch heute immer noch. Psychologismus hat ein breites Publikum bis hinauf in die Politik. Sogar von Psychologen aus der Wiener Schule um Siegmund Freud, nämlich von Viktor E. Frankl wird der alles mit  empirischen Mitteln unterjochende Psychologismus scharf angegriffen.  Der Psychologe Frankl hebt deutlich den Sinn- oder Vernunftglaube eines Immanuel Kant als eine wesentlich transzendentale Kategorie hervor. Ein Vernunftglaube lässt sich empirisch nicht behandeln.

Für den gesamten Empirismus wie auch den Psychologismus gibt es keine vernünftigen Festsetzung, sondern nur Konventionen. Logik ist eine Denkgewohnheit und die Angelegenheit einer Denkpsychologie. Normen sind subjektiv. Ich saß vor Jahren mal einem Universitätspräsidenten gegenüber, der behauptet: “Logik brauchen wir nicht.“ Der war  als Forschungsbeamter ein Psychologist, ohne es wahrscheinlich zu wissen. Psychologismus  war in ihn eingebrannt worden. Zudem hatte er keine Ahnung von Logik. Auch  psychologisierte  Politiker, wenn sie über Digitalisierung reden, verlangen einen Programmierunterricht in den Schulen, ohne eine logische Basis. Eine schiere Unmöglichkeit. Psychologismus ist wie eine kaum eindämmbare Seuche.

Temperaturmessungen z.B. nach Fahrenheit sind sicherlich bloße Konvention ohne Vernunft. Der Physiker  Fahrenheit lief in einem  kalten Winter hinaus  und bestimmte mit seiner Quecksilbersäule den kälteten Punkt in der Landschaft  als Nullpunkt. Anders bei der Celsius-Messung. Man greift dabei  auf den empirischen Tatbestand zurück, dass uns  Wasser  zu 80% umgibt und einen Siede-und einen Gefrierpunkt hat. Der Gefrierpunkt liegt bei 0 ° C und der Siedepunkt bei 100 °C. Das ist dezimale  Vernunft, aufgebaut auf einer Empirie des Wassers.  Von willkürlicher Konvention, vom blanken Subjektivismus ist da keine Rede mehr. Empirismus leugnet das und macht sich lächerlich. Ohne Empirie, ohne sinnliche Erfahrung   ist natürlich ein Transzendieren, ein Aufsteigen  von der Erfahrung aus auch nicht möglich.

In einer Korrespondenz über Psychologie  mit Jürgen Mittelstraß, einem  sehr prominenten Vertreter des methodischen Konstruktivismus, bekam Erich Ortner (Konstanz) zur Antwort:

im Alltag wird, wie wir alle wissen, ständig ‚psychologisiert‘. Und weil dieser Alltag, wenn auch exemplarisch (als Lebenswelt) aufgearbeitet (und aus einer Rekonstruktionsperspektive), zur Basis der Wissensbildung in Wissenschaftsform gehört (Stichwort ‚Hochstilisierung‘), gehört auch die ‚Psychologie‘ zum Rekonstruktionsprogramm eines methodischen Konstruktivismus. Gleichzeitig geht es um die Abwehr eines irregeleiteten ‚Psychologismus‘ in der Erkenntnistheorie.“

Der erwähnte  irregeleitete Psychologismus äußert sich als  S c h w ä r m e r e i.

Ein Kommentar zu „Schwärmereien

  1. Gottlob Frege schrieb vor 100 Jahren (1918) zu diesem Thema:

    „Wie das Wort „schön“ der Ästhetik und „gut“ der Ethik, so weist „wahr“ der Logik die Richtung […] Der Logik kommt es zu, die Gesetze des Wahrseins zu erkennen […] Das Fürwahrhalten des Falschen und das Fürwahrhalten des Wahren kommen beide nach psychologischen Gesetzten zustande […] Können bei diesem seelischen Vorgang nicht auch logische Gesetzte beteiligt gewesen sein? […] Erst nachdem wir die Gesetze des Wahrseins erkannt haben, können wir das entscheiden; dann aber werden wir die Ableitung und Erklärung des seelischen Vorganges wahrscheinlich entbehren können.“

Kommentare sind geschlossen.