Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Küken, Eier und unzufriedene Studenten – der Nutzen eines Pädagogikstudiums

In den letzten drei Semestern meines Pädagogikstudiums habe ich immer wieder über alle Semester verteilt Pädagogikstudenten und -studentinnen getroffen, die unzufrieden mit ihrem Studium waren. „Man lerne nichts Praktisches“, „mit dem Studium könne man kein Kind erziehen“ oder „dieses Wissen könne man keiner Mutter an die Hand geben“, waren nur einige Meinungen über das Studium. Viele wollten den Studiengang wechseln oder haben es gemacht, manche wollten das Studium sogar komplett abbrechen. Daher soll es in diesem Blogbeitrag darum gehen Studieninteressierten aufzuzeigen, was man in einem allgemeinen Pädagogikstudium eigentlich lernt, was nicht und wie man das theoretische Wissen im Alltag vielleicht doch anwenden kann.

Zuerst ist zu sagen, dass ein Pädagogikstudium nie mit einer Erzieherausbildung verglichen werden kann. Erzieher zum Beispiel betreuen und fördern Kinder und Jugendliche, beurteilen unter anderem ihren Entwicklungsstand und leiten daraus langfristige Erziehungspläne und pädagogische Maßnahmen ab (vgl. BERUFENET, S. 1). Das Studium zielt vielmehr auf Konzepte, Ansätze, Zielvorstellungen oder pädagogische Theorien ab. Außerdem wird viel Wert darauf gelegt, scheinbar alltägliche Situationen zu reflektieren und in einem anderen, „pädagogischeren“ Kontext zu betrachten (hierzu später mehr). Des Weiteren lernt man viel über die pädagogische Forschung, qualitative und quantitative Forschungsmethoden und Grundlagen, Bedingungen oder Methoden von pädagogischem Handeln. Das erklärt ein Stück weit, warum man mit dem reinen Wissen ein Kind nicht erziehen kann. Die Pädagogik liefert keine strikten „Anleitungen“, was in einer bestimmten Situation mit einem bestimmten Kind/Erwachsenen zu tun ist, sondern jeder Mensch und jede Situation ist anders und muss von Fall zu Fall individuell gesehen werden. Wichtig ist ebenfalls, dass ein allgemeines Pädagogikstudium nicht nur mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Erwachsene und ältere Menschen machen einen Großteil aus, besonders im Fachbereich der Erwachsenenbildung und Weiterbildung. Neben diesen gibt es noch etliche mehr – beispielsweise die frühkindliche Pädagogik, Organisationspädagogik, kulturelle Bildung, Theaterpädagogik, Kunstpädagogik, usw. Je nachdem wie offen der Studienplan an der jeweiligen Uni ist, kann man sich für einen oder mehrere Fachbereiche frei entscheiden.

Meiner Meinung nach ist die Fähigkeit Situationen zu reflektieren die wichtigste Kompetenz, die man im Pädagogikstudium erwirbt. Eine pädagogische Reflexion macht hauptsächlich aus, dass man alltägliche Situationen stärker hinterfragt und kritisch mit dem Hintergrund der gelernten Theorien, Konzepte, etc. beleuchtet. In der Erziehung wird jedoch meistens aus dem Affekt heraus gehandelt. Dass dies nicht immer förderlich ist und eine Reflexion vor der Reaktion auf eine Situation sinnvoll sein kann, wird das folgende Beispiel zeigen.

Die Pädagogik hat das Ziel, Kindern eine lernfreundliche Umgebung zu schaffen und sie zum Lernen anzuregen, dahin gehend, dass sie gerne von sich aus lernen. In „Der geniale Faulpelz. Warum Kinder lernen – manche aber nicht“ betrachtet Ingrid Buschmann¹  ein Beispiel für die kindliche Neugier eines kleinen Schülers. Es ist ganz natürlich, dass Kinder, je älter sie werden, ihre Umwelt immer genauer entdecken und erforschen wollen. Genau dieses Verhalten muss von den Eltern (und der Schule) gefördert werden, denn dadurch lernen Kinder selbst und entwickeln Interessen oder finden heraus, was ihnen Spaß macht und was nicht. In der Schule lernt der junge Schüler, dass aus Eiern Küken schlüpfen. Vor allem in reizarmen Situationen kommt es zur ungerichteten Neugier. Das Kind sucht den Raum ab, bis es etwas Interessantes findet. In einem Moment der Langeweile findet der Schüler Eier im Kühlschrank. Nun untersucht er die zehn Eier, weil er in der Schule gelernt hat, dass sich darin Küken befinden. Aus der ungerichteten Neugier wird gerichtete, da er sich auf einen bestimmten Gegenstand konzentriert. Am Schluss geht er mit einer Eierschleimspur zu seiner Mutter und beschwert sich, dass in keinem Ei ein Küken war. Nun wäre es aus pädagogischer Sicht an den Eltern, das Interesse weiterzuentwickeln. Man sollte ihm erklären, warum aus dem Ei kein Küken kam oder ihm ein entsprechendes Kinderbuch kaufen. Bei der kindlichen Neugier kommt es vor allem auf positive Reaktionen von Bezugspersonen an, da dies eine Verstärkung des Verhaltens zur Folge hat. Es ist wichtig, dass die Eltern die kindliche Neugier erkennen, also die Situation reflektieren und nicht aus dem Affekt heraus handeln. Wird das Kind in diesem Moment geschimpft, wird es sein Interesse an dem Wissensgebiet verlieren und die kindliche Neugier nimmt ab.

Nebenbei sollte erwähnt werden, dass es um das Interesse des Kindes geht. Nur weil beispielsweise die Mutter Kunst mag, heißt es noch lange nicht, dass das Kind ebenfalls Kunstaffinität zeigt. Es kommt besonders auf die Sensibilität der Eltern an zu merken, was das Kind spannend findet und was nicht. Denn Kinder verlieren ihre Neugier oder Interesse auch schnell wieder, wenn man sie nicht bestätigt oder vielleicht auch dafür belohnt. Unter solch günstigen Umständen kann ein Kind dann in seinem Interessensgebiet lernen, und zwar ganz ohne Zwang, sondern weil es ihm Spaß macht (vgl. Buschmann, 2007, S. 136-139). Hierbei gilt der Satz „der Weg ist das Ziel“ (Konfuzius). Wird die kindliche Neugier von den Eltern bestätigt, lernt das Kind von ganz allein. Selbst wenn es vielleicht mal ein Chaos dabei hinterlässt.

Um eine Sensibilität für solche Dinge zu verstärken und auch zu trainieren, ist ein Pädagogikstudium definitiv hilfreich. Jedoch möchte ich nochmals betonen, dass das Studium nicht nur mit Kindern zu tun hat. Dies war nur eines von vielen Beispielen, die man für den Nutzen des Pädagogikstudiums im Alltag bringen könnte. Immerhin wird Wissenschaft von und für die Praxis gemacht, die beiden stehen in einer Wechselwirkung und beeinflussen sich gegenseitig. Je nachdem, welchen Schwerpunkt man wählt, bestehen die Kompetenzen in unterschiedlichen Bereichen. Die einen entscheiden sich für Psychologie oder Soziologie, die anderen für Wirtschaft oder Theater- und Medienwissenschaften. Aber am Ende hat man immer ein breit gefächertes Wissen und ein besseres Verständnis für kleine und große Menschen.

Daher kann die pädagogische Wissenschaft Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen und weiterhelfen.

¹ Ingrid Buschmann ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und beschäftigte sich jahrelang mit den Themen Unterricht und Erziehung, wozu sie auch mehrere Bücher schrieb.

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Über die Autorin

Mein Name ist Anna Langer und ich studiere im dritten Semester Pädagogik und Ökonomie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Quellenangabe

Buch:

Buschmann, I. (2007). Der geniale Faulpelz. Warum Kinder lernen – manche aber nicht. Wien: Ueberreuter.

Website:

BERUFENET (https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/bkb/9162.pdf) – Stand: 06.01.2017.

CC-BY-NC-ND

6 Kommentare zu “Küken, Eier und unzufriedene Studenten – der Nutzen eines Pädagogikstudiums

  1. Sebastian Hilbert sagt:

    Erziehung nach einem fest vorgegebenen Plan zu gestalten halte ich für sehr schwierig. Den individuellen Fall zu betrachten halte ich hier für sehr wichtig – und gegebenenfalls entsprechend mit der richtigen Lernstrategie zu reagieren. Der „perfekte“ Pädagoge muss also meistens genauso flexibel sein, wie seine Schützlinge unterschiedliche Meinungen haben. Deswegen ist es, glaub ich, auch nicht gar nicht so entscheidend, den einen, ultimativen Lehrplan zu haben, sondern sich von verschiedenen Konzepten eher „inspirieren“ zu lassen, mit denen man im Studium konfrontiert wird, sie durch eine Untersuchung auf die entscheidenden Kernkonzepte zu reduzieren und so diese Techniken in unterschiedlicher Form anzuwenden. Wissenschaftliches Arbeiten, so wie wir es im Studium beigebracht bekommen, funktioniert genau nach diesem Prinzip.

  2. Anke Semmelmann sagt:

    Im Rahmen des Studiengangs wird man jedoch darauf hingewiesen, dass der Pädagogik Bachelor nicht adäquat auf Tätigkeiten im Kleinkindbereich vorbereitet. Aus diesem Grund stellen manche Träger keine Bachelor AbsolventInnen unbefristet ein.

  3. Anonymer Beitrag sagt:

    Wie bei jedem Studiengang lernt man das Wichtigste erst nach dem Studium, z.B. durch Volontariate, Praktika, etc.
    Wenn man einen bestimmten Berufswunsch hat, muss man sich wohl oder übel auch mit Themen beschäftigen, die einen weniger Interessieren, um einen Abschluss zu bekommen, der die gewünschten Jobs ermöglicht. Außerdem erlangt man, wie im Text beschrieben, andere Kompetenz, die nützlich werden könnten.

  4. Anna Langer sagt:

    @ Hannah Wiegel:
    Ich stimme voll und ganz zu. Die meisten Pauschalisierungen über das Pädagogikstudium sind falsch. Darum kann ich nur dringend dazu raten, sich vor Studienbeginn genau zu informieren, ob das Studium – ganz gleich welches – die eigenen Interessen und Wünsche (vielleicht auch Berufswünsche) wirklich erfüllen kann.
    Mit dem Blogbeitrag wollte ich einfach das Klischee aufheben, dass man das Wissen des Pädagogikstudiums nicht anwenden kann. Ob im Beruf oder im Alltag ist letztendlich dann, denke ich, egal. Eine Anwendung ist bei beidem möglich.

  5. Neben Pädagogik studiere ich auch Soziologie. Diese Kombination ermöglicht es mir u.a., einen pädagogischen Blick auf die Soziologie zu werfen als auch umgekehrt einen soziologischen Blick auf die Pädagogik. Im Alltag wird Pädagogik oft mit „irgendwas mit Kindern“ erklärt – dem ist jedoch nicht so. Gerade der wissenschaftliche Aspekt eines Pädagogik Studiums ist mir wichtig, wichtiger als die Praxis. Zuerst möchte ich Theorien begegnen, Denkansätze kennenlernen und weiterentwickeln. Erst danach kann ich praktisch handeln, eben mit meinem theoretischen Wissen im Hintergrund. Ob man dann in praktischen Feldern wie Kindererziehung oder soz. Einrichtungen arbeitet oder weiterhin an der Universität forschen und lehren möchte, entscheidet sich erst nach Abschluss des Studiums.

  6. Magdalena Kopic sagt:

    In dem ersten Semester eines Pädagogikstudiums ist es verpflichtend, an der FAU, das Seminar „Sehen und Denken“ zu besuchen, dort wurde in einer Sitzung das Thema Reflexion erklärt und grundlegend bearbeitet. Doch ob ich diese Lernerfahrung wahrnehme, um später im Berufsleben Professionalität zu erlangen, indem ich mein Handeln überdenke und meine Arbeitsergebnisse prüfend betrachte, liegt alleinig in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. Daher ist es irrelevant, in welchem System wir uns weiterbilden und ob wir später Lehrer, Dozent, Professor, Erzieher, Pädagoge o.ä. werden, um in der Arbeit mit Menschen „gute Ergebnisse“ zu bekommen, muss ich mich selbst und mein Wissen, sowie Handeln DAUERHAFT durch reflektiertes Denken prüfen.

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