Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Literaturwissenschaftliche Ansätze in der Forschung

Tagtäglich werden wir mit Buchstaben konfrontiert, doch ab wann fangen wir an uns intensiv mit den Inhalten zu befassen? Die Vorschule schafft für alle den ersten Kontakt mit Buchstaben, gelesen wird Mimi die Lesemaus und mit Wettbewerben wird der Klassenbeste im Lesen gekürt. Ab der Pubertät empfinden viele Jugendliche das Lesen als etwas Ätzendes und in der Freizeit werden andere Aktivitäten bevorzugt. Dies war beim Lesen der Pflichtlektüren in der Schule auch bei mir der Fall und somit musste ich zu Beginn meines Anglistikstudiums die Erfahrung machen, dass die Art und Weise, wie ich Literatur betrachtet habe, sehr einseitig war. Denn in der Schule wurde die Intention des Autors als einzige Interpretationsquelle genutzt, andere Betrachtungsweisen wurden mir nicht gelehrt und somit kam ich an der Universität erstmals in Berührung mit der Multiperspektivität im Umgang mit Literatur. Diese unterschiedlichen Perspektiven möchte ich nun gerne etwas näher erläutern, um einen Einblick in ein literaturwissenschaftliches Studium zu geben. Ich werde deshalb vier literaturtheoretische Ansätze kurz und bündig vorstellen, die mir dabei helfen ein weiteres Verständnis für Literatur zu schaffen.

Arbeitet man mit Literatur, muss einem bewusst sein, dass ein Text von einem Autor erschaffen, dem Leser die Möglichkeit einer Interpretation gegeben wird und der Text in einem bestimmten Kontext betrachtet werden kann. Daraus entwickelten sich vier verschiedene Ansätze, diese umfassen text-. autor-, leser-, und kontextorientierte Ansätze. Diese entstanden zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert und helfen uns heute dabei Literatur zu verstehen und mögliche Bedeutungen herauszuarbeiten. Jedoch entstehen literaturkritische Ansätze nicht einfach von allein, vielmehr sind sie das Resultat einer Vernetzung von Sprache, Autoren, Gesellschaft, Lesern und Texten. Auf diese Weise entstehen Diskurse, Theorien und Philosophien, die zu der Interpretation von Texten beitragen.

Einige Literaturtheorien werde ich nun vorstellen und kurz erläutern. Beginnen wir mit dem textorientierten Ansatz des New Criticism, bei dem der Text an sich im Mittelpunkt der Analyse steht. Ein Vertreter des New Criticism war Cleanth Brooks (1906-1994). Als New Critic betrachtet man nicht die Intention des Autors oder der Autorin, auch spielen historische und emotionale Hintergründe keine Rolle bei der Entstehung des Textes. Von Bedeutung ist lediglich der Text an sich. Um sich voll und ganz dem literarischen Text widmen zu können, wird die Methode des ‚close reading‘ genutzt. Dies bedeutet, dass das Hauptaugenmerk beim Lesen auf die vorhandenen rhetorischen Mittel wie Metaphern, Anaphern und Ironie liegt, deshalb eignet sich diese Methode besonders gut für die Analyse lyrischer Texte.

Es ist auch möglich Literatur vom Standpunkt des Autors aus zu betrachten, das ist dann der autororientierte Ansatz, also die Betrachtung eines Textes unter der Berücksichtigung der Biografie des Autors. Dieser Ansatz ist im 19. Jahrhundert entstanden. Dabei zählen vor allem die Erfahrungen, Daten und Fakten aus dem Leben des Autors oder der Autorin. Mit diesem Wissen entsteht ein Spielraum möglicher Interpretationen der Textinhalte.

Anhand des Konzepts der Rezeptionstheorie, welche in den 1960ern entstanden ist, möchte ich den leserorientierten Ansatz vorstellen. Die deutschen Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauss (1921-1997) und Wolfgang Iser (1926-2007) haben einen großen Teil zur heutigen Rezeptionstheorie beigetragen. Bei dieser Art von Theorie stehen die Reaktionen des Lesers auf den Text im Vordergrund. Und somit spielt die Reaktion, also die subjektive Meinung des Lesers, eine Rolle.

Kommen wir nun zum kontextorientierten Ansatz. Dieser Ansatz kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang sozialer, politischer und wirtschaftlicher Diskurse, die ein Text beinhalten kann. Beispiele für diese Theorie sind die marxistische Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, New Historicism und die Gender Theorie. Da der kontextorientierte Ansatz so vielseitig anwendbar ist, wird deutlich, dass nicht immer ausschließlich in text-, autor-, leser-, und kontextorientierten Ansätzen aufgeteilt werden kann, sondern dass sich die Ansätze sehr häufig überschneiden.

Natürlich gibt es noch weitere bedeutende Ansätze in der Literaturwissenschaft, aber ich wollte hier lediglich einen Einblick in die Inhalte eines literaturwissenschaftlichen Studiums geben. Die Wissenschaft ermöglicht ein tieferes Verständnis von Literatur und somit unterschiedliche Betrachtungsweisen die allesamt interessante Blickwinkel zulassen und sich somit für viele Diskussionen, Neuinterpretationen und Ideen öffnen. Mit diesem Hintergrundwissen ist es möglich, sämtliche Textsorten zu betrachten. Zum Beispiel kann der Charakter Harry Potter auf die Autorin Joanne K. Rowling zurückgeführt werden, da sie ihre Mutter verloren hatte und deswegen die Themen Verlust und Tod in den Büchern über Harry Potter von großer Bedeutung sind.

Über die Autorin: Mein Name ist Jovana Perović und ich studiere an der FAU Erlangen-Nürnberg Pädagogik und Anglistik. Mit diesem Blogeintrag wollte ich aufzeigen, dass es vielseitige Möglichkeiten gibt Literatur zu betrachten.

Quellen

Berensmeyer, Ingo (2015): Literary Theory. An Introduction to Approaches, Methods and Terms. Kempten.

Eagleton, Terry (1997): Einführung in die Literaturtheorie. Stuttgart.

Krug, Christian (2015/16): Handout Aufbauseminar Literatur.

Meyer, Micheal (2011): English and American Literatures. Tübingen

CC – BY – NC – ND

3 Kommentare zu “Literaturwissenschaftliche Ansätze in der Forschung

  1. Katrin Götz-Votteler sagt:

    @Debora Rudzio:
    Zwei interessante Aspekte!
    Was das Lesen als Interaktion des Lesers mit dem Text betrifft: Jeder Leser reagiert anders auf einen Text – aber auch bei mir selber merke ich, dass – wenn ich einen Text oder ein Buch nach einiger Zeit nochmal lese – ich auf andere Dinge achte, Inhalte anders oder besser verstehe, d.h. ich den Text anders interpretiere als beim ersten Lesen. Denn auch hier hat sich ja in der Zwischenzeit mein Wissen, und damit die Grundlage für meine Textinterpretation, verändert.

  2. Debora Rudzio sagt:

    Toller Artikel! Es ist wirklich spannend, auf wie viele verschiedene Weisen man sich Texten inhaltlich annähern kann. Als der leserorientierte Ansatz vorgestellt wurde, habe ich mich an eine Vorlesung aus der Buchwissenschaft erinnert. Dort wurde eine Theorie von Christmann Gröben vorgestellt, der Lesen als Dekodierung versteht. Das bedeutet, dass wir im Leseprozess mit den Textinformationen interagieren und unser eigenes Wissen miteinbringen (wie zum Beispiel Sprachwissen, oder Weltwissen). Wie schon im Blogeintrag erwähnt, reagiert deshalb jeder Leser anders auf einen Text.
    Spannend wäre es an dieser Stelle auch zu fragen, wie sich das Lesen im Laufe der letzten Jahre veränder hat. Was hat beispielsweise die Digitalisierung für einen Einfluss auf unser Lesen und den Umgang mit Texten?

  3. Schöner Artikel.
    Gibt einen schnellen und guten Überblick über die prägnantesten Literaturtheorien.
    Interessant wäre auch eine aktuelle Theorie. Ich denke dabei besonders an die poststrukturalistischen Theorien, da diese ja auch unter anderem ein zu einseitige Betrachtung vorwerfen oder gar eine Redundanz der Theorien behaupten bzw. den Anspruch der Theorien als nicht erfüllbar darstellen (z.B. Dekonstruktion). Zudem wäre bestimmt interessant, ob es überhaupt noch neue Ansätze gibt, oder man lediglich gleiche Ansätze in andere Worte verpackt. Eine Frage hätte ich noch: Ist der Anspruch fester bzw. absoluter Bedeutung von Literatur nicht zum Scheitern verurteilt? (so wird es ja in einigen Theorien propagiert) Gibt es überhaupt eine umfassende und „perfekte“ Literaturtheorie? Ich denke gerade der vorletze Absatz ihres Beitrags deutet darauf hin, dass dies nicht möglich ist. Das scheint mir aber auch kein Problem zu sein.

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