Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Methodische und inhaltliche Grenzen von einzelnen Fachdisziplinen der Wissenschaft am Beispiel der Soziologie

 

In der Schullaufbahn hat jeder Schüler Fächer von Physik über Ethik bis hin zu Englisch gelehrt bekommen. Im Rahmen des Lehrplans wird eine begrenzte Stoffbreite angeeignet, auf der die Schüler aufbauen und ihr Wissen ausbauen können. Ich selber habe festgestellt, dass in der Schule inhaltliche Grenzen definiert werden, es aber doch auch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Fächern gibt. Am Beispiel der Fächer Geschichte und Geographie habe ich selber erkannt, dass einige Lehrer ihre Fachgebiete den Schülern beibringen, ohne auf andere Fächer überzugreifen. In der zehnten Klasse etwa lernten wir in der Geographie das Land China besser kennen. Wir Schüler konnten die fünf wichtigsten Flüsse oder die zehn größten Städte Chinas aufzählen, aber als wir uns näher mit der Landwirtschaft befasst haben und das Stichwort Mao fiel, kam keine einzige Bemerkung zu den Bedingungen damals unter Maos Herrschaft in China. Ich persönlich wurde allerdings stutzig, weil ich mir gedacht habe, es muss doch Zusammenhänge geben zwischen einzelnen Fächern. Bespielweise hätte der Maoismus in dem Unterrichtsfach Geschichte thematisiert werden können. Warum wird also nicht in der Schule bereits ein interdisziplinärer Zusammenhang vermittelt? Als angehende Soziologin im dritten Fachsemester möchte ich anhand des Studienfachs Soziologie ein ganz klar definiertes Themenfeld erklären und aufzeigen, inwiefern die Soziologie ihre eigenen methodischen und inhaltlichen Grenzen hat.

Die Soziologie ist eine breitgefächerte Wissenschaft, die als eine noch relativ junge Fachrichtung Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist. Ihre Aufgabe ist es, uns die Gesellschaft zu erklären. Unter anderem möchte sie uns Kenntnis geben über die soziale Ordnung und die soziale Gesellschaft. Aber die Gesellschaft ändert sich ständig. So wachsen zum Beispiel immer mehr soziale Ungleichheit und Entfremdung. War es im 19. Jahrhundert noch die Klassengesellschaft, so verstehen wir Soziologen heute unter sozialer Ungleichheit die ungleiche Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen in einer Gesellschaft und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Möglichkeiten zur Teilhabe an diesen (Krause, 2008), wodurch die Lebenschancen jedes Einzelnen dadurch beeinflusst wird. Diese Beobachtung ist umso erstaunlicher, als die Politik eine immer weitergehende soziale Gleichheit innerhalb der Gesellschaft anstrebt. Doch wie kann man soziale Gleichheit in unserem Staat fördern? Wie schafft man es, dass die Schere zwischen Arm und Reich wieder mehr zusammen geht? Dies ist nicht leicht zu beantworten.

Denn auf der anderen Seite wächst die soziale Ungleichheit immer stärker. So belegt etwa die ZEIT ONLINE am 21.Mai 2015: „Der materielle Wohlstand ist in Deutschland deutlich ungleicher verteilt als in anderen Industrienationen. Das geht aus dem Sozialbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. Die ärmsten 60 Prozent kommen demnach lediglich auf sechs Prozent des gesamten Vermögens.“ Nach Oxfams Recherche (2016), eine internationale Entwicklungsorganisation, besitzen die 8 reichsten Menschen der Erde genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen – das sind rund 3,6 Milliarden Menschen, und ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt die Hälfte des Weltvermögens.

Wie kann man diese Gegensätze – soziale Gleichheit und soziale Ungleichheit – erklären? Die Soziologie versucht, dieses Phänomen zu erklären, merkt aber, dass sie nicht nur auf ihre eigenen Methoden oder Inhalte zurückgreifen kann, und an ihre methodischen Grenzen stößt, weil ihre Methoden und Theorien die Fragestellung nicht klar erklären können. Kurz gesagt, die Soziologie erkennt sehr schnell, dass ihre eigenen Forschungs- oder Erklärungsmethoden begrenzt sind, wodurch sie nicht alle wissenschaftlichen Themen lückenlos erklären kann. Studienfächerübergreifend kann sie dabei etwa interdisziplinär mit der Politikwissenschaft zusammenarbeiten, da sie wiederum andere Methoden und Theorien kennt, mit der man die Fragestellung „Wie kann man diese Gegensätze erklären?“  besser beantworten kann. Ausgehend von der oben angeführten OECD-Studie könnte man sich denken, dass soziologische Arbeiten beispielsweise auch wirtschaftswissenschaftliche Forschungen berücksichtigen sollten, um die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen, und dass sie auch von politikwissenschaftlichen Forschungen profitieren können, die politische Entwicklungen erklären und Gesellschaft damit verständlicher machen.

Zusammenfassend und auf den Anfang meines Blogbeitrags zurückgreifend, stellt sich für mich die Frage, ob es denn nicht letztendlich sinnvoll ist, dieses interdisziplinäre Denken bereits in der Schule zu vermitteln und damit die Verflechtung einzelner Fächer zu fördern.

 

Quellenangabe:

Kaesler, Dirk (2013): „Die frühe deutsche Soziologie 1909 bis 1934 und ihre Entstehungs-Milieus: Eine wissenschaftssoziologische Untersuchung.“ Studien zur Sozialwissenschaft 58.

Krause, Detlev (2008): „Ungleichheit, soziale.“ In: Lexikon zur Soziologie, Fuchs-Heinrit/ Werner (hrsg.). 4. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 686.

ZEIT ONLINE, 21. Mai 2015, 13:07 Uhr, AFP, Reuters, fa, aufgerufen am 19.01.2017

https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2017-01-16-8-maenner-besitzen-so-viel-aermere-haelfte-weltbevoelkerung , aufgerufen am 19.01.17

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138720/die-garantien-des-grundgesetzes  Bundeszentrale für politische Bildung, aufgerufen am 19.01.17

Über die Autorin:

Mein Name ist Miriam Rosenzweig, ich bin 20 Jahre alt, und studiere zurzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg jeweils Soziologie und Italoromanistik im dritten Fachsemester.

 

CC – BY – NC – ND

 

 

3 Kommentare zu “Methodische und inhaltliche Grenzen von einzelnen Fachdisziplinen der Wissenschaft am Beispiel der Soziologie

  1. Sebastian Hilbert sagt:

    Ich hatte das Glück, dass die Fächer „Sozialkunde“ und „Geschichte“ in meiner Oberstufe vom gleichen Lehrer unterrichtet wurden. Dadurch war es einfach, Parallelen aus den sozialen Aspekten mit den geschichtlichen Gegebenheiten zu kombinieren, insbesondere im 4. Halbjahre, als beide Fächer thematisch Hand in Hand gingen.
    Ohne so eine Synergie wäre wohl vieles an mir vorbeigegangen und ich hätte mich nicht näher über die Ursachen mancher Ereignisse gekümmert. Nur aus einem Fachbereich etwas zu erklären fällt immer schwer – wie möchte man Biologie ohne Chemie erklären? Durch eine mehrschichtige Betrachtung kann es einfacher fallen, einen Sachverhalt komplett zu durchschauen.

  2. Sabrina Uhlisch sagt:

    Schöner Artikel!
    Ich denke man muss eben beachten, dass Schule keine Wissenschaft ist und somit die Interdisziplinarität nicht essentiell notwendig ist.
    Ich persönlich hatte das Glück, dass unsere Lehrer sogar sehr oft fächerübergreifend unterrichtet haben. Deshalb ist meiner Meinung nach das Problem, dass die unterschiedlichen Bundesländer und sogar schon Landkreise keine einheitlichen Lehrpläne haben. Und genau das fördert ja auch die soziale Ungleichheit aufgrund verschiedener Startbedingungen für die spätere wissenschaftliche Laufbahn.

  3. Debora Rudzio sagt:

    Leider ließ es der Lehrplan im G8 auch an meiner Schule nicht allzu oft zu, dass in einem Fach „über den Tellerrand“ geschaut werden konnte. Deshalb bin ich für die Lehrer sehr dankbar, die sich trotzdem ab und zu Zeit genommen haben, um fächerübergreifend zu informieren.
    So zum Beispiel meine Mathelehrerin. Als wir den Satz des Pythagoras angefangen haben, hat sie mit uns eine Art Zeitreise gemacht und das Leben der Person Pythagoras angeschaut (Geschichte, Geografie, …) So blieb das Thema mehr im Gedächtnis und die Klasse hatte anschließend mehr Motivation zu lernen.
    Deshalb wünsche ich mir für die zukünftige Gestaltung an Schulen, dass es einen größeren interdisziplinären Austausch gibt. Nur so kann die Neugier der Schüler gefördert und sie auf ihr zukünftiges Berufsleben vorbereitet werden.

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind * markiert

Sie können die folgenden HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>