Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Reflexion als Voraussetzung zum Überleben in einer Wissensgesellschaft – eine Anleitung.

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Dies meint, dass Wissen – sowohl theoretisches Wissen als auch Handlungskompetenz – die wichtigste Ressource der post-industriellen Gesellschaft darstellt. Seit den 1960er Jahren gibt es eine Diskussion darüber, inwiefern die Ressource Wissen beschafft und verwertet werden kann (vgl. BPB). Die Auswirkungen des Diskurses kann man laut Schüßler daran erkennen, dass die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit von Wissen sowie die Gestaltung von Methoden zum Umgang mit Informationen zunehmend an Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg und die Innovationskraft einer Unternehmung gewinnen. Figurativ zeigt sich das in der steigenden Zahl Beschäftigter im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen, welche sich primär mit der Erzeugung oder Nutzung neuen Wissens beschäftigen (vgl. Schüßler 2008, S. 1). Dank der Entdeckung und auch Schaffung bisher unbekannter Daten entstehen neben neuen Optionen, Chancen und Freiheiten auch unterschiedliche Risiken oder Entscheidungs- und Wahlzwänge, welche sowohl das Selbstmanagement als auch die Reflexion der vorhandenen Informationen unerlässlich machen (ebd.). Stellt sich nun noch die Frage, wie eine solche Reflexionskompetenz erworben werden kann. Bevor ich ein Modell vorstellen werde, das als eine Art Reflexionsanleitung gesehen werden kann, möchte ich zunächst kurz definieren, was Reflexion eigentlich ist.

Der Begriff Reflexion stammt vom lateinischen reflectere (zurückbeugen) bzw. der Phrase animum reflectere (seine Gedanken auf etwas hinwenden) ab. Daher wird unter Reflexion die Änderung der eigenen Position verstanden, um einen anderen, übergeordneten Blickwinkel einzunehmen und daraufhin zu neuen Erkenntnissen zu gelangen (vgl. Hilzensauer 2008, S. 2). Es gibt drei Ebenen von Reflexion: die problemorientierte (Was?), die verhaltensbezogene (Wie?) und die ziel- und identitätsbezogene (Warum?) Reflexion. Je nach Situation muss entschieden werden, welche Ebene reflektiert werden muss und ob man sich hierbei der Selbst- oder Gruppenreflexion bedient (vgl. Jenert 2008, S. 12 und Schüßler 2008, S. 14).

Die folgende Abbildung zeigt das ALACT Modell, welches 1999 von Fred Korthagen für Lehrerinnen und Lehrer zum Thema Reflexion entwickelt wurde (vgl. Krämer 2014, S.4). Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der einzelnen Phasen (Action, Looking back on action, Awareness of essential aspects, Creating alternative methods of action, Trial) zusammen. Es stellt eine Art Kreislauf dar, welcher aufgrund der Tatsache, dass Schritt 5 gleichzeitig Schritt 1 eines neuen Kreislaufes verkörpert, spiralförmig abläuft (ebd.). Ich habe dieses Modell gewählt, weil es eine gute Hilfestellung zum Erwerb einer Reflexionskompetenz darstellt.

Den einzelnen Schritten sind hierbei spezielle Fragestellungen zugeordnet, welche ich nun vorstellen möchte. Sie dienen als eine Art Leitfaden für erfolgreiches reflektieren. Die Fragestellungen wurden ursprünglich ebenfalls von Korthagen entwickelt (vgl. Krämer 2014, S.4-6). Da sie sich allerdings in ihrer anfänglichen Form mehr auf Lernsituationen bezogen, habe ich sie in eine etwas allgemeinere Form umgewandelt.

(1)       – Was sind meine Ziele in der konkreten Situation?
– Worauf will ich besonders achten?
– Was will ich testen?
(2)      – Was ist passiert?
– Wie habe ich gehandelt?
– Was waren meine Gedanken dazu?
– Welche Gefühle waren präsent?
(3)      – Welche Zusammenhänge ergeben sich aus den vorangegangenen Antworten?
– Was beeinflusste die Handlungen?
– Welche Bedeutung hat dies für mich oder andere?
– Wo erschienen Probleme/ Was war besonders gut?
(4)      – Welche Wahlmöglichkeiten habe ich?
– Was sind die jeweiligen Vor- bzw. Nachteile?
– Was kann ich das nächste Mal besser bzw. anders machen?
(5)      – siehe Schritt 1

Ziel des Spiralmodells ist es, die ausgeführten Handlungen zu untersuchen und, angesichts dessen, bessere Handlungsansätze für die Zukunft zu entwerfen (vgl. Krämer 2014, S. 6).

Die Voraussetzung für eine gute und gelingende Reflexion ist die Bereitschaft dazu. Außerdem erfolgt eine Reflexion nicht aus einer gleichbleibenden Sichtweise. Es sollte unbedingt ein Perspektivenwechsel stattfinden, um den Reflexionsgegenstand ausreichend analysieren zu können. Hierzu kann man das vorgestellte Modell und die dazugehörenden Fragen nutzen. Des Weiteren ist es wichtig alle positiven, wie auch negativen Beobachtungen zu beschreiben. Diese Beschreibungen sollten nicht nur untersucht, sondern auch weiter- bzw. fertiggedacht werden. Zuletzt ist es unerlässlich, dass die gewonnenen Erkenntnisse aus der Reflexion auch in die Planung der zukünftigen Handlungen integriert werden (vgl. Krämer 2014, S. 28f.).

Und nun reflektiert!

 

Über die Autorin:

Ich heiße Sabrina Uhlisch und studiere im 7. Semester Pädagogik und Soziologie an der FAU. Mithilfe des Blogbeitrags wollte ich die Notwendigkeit der Reflexion aufzeigen und eine Hilfestellung geben, dass diese auch gelingt.

 

Quellen:

BPB/ Bender, Christiane (2013): Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist des Kalten Krieges. In: BPB: Aus Politik und Zeitgeschichte. Wissen – online. URL: http://www.bpb.de/apuz/158657/die-geburt-der-wissensgesellschaft-aus-dem-geist-des-kalten-krieges?p=all, [Stand: 01.02.17].

Hilzensauer, Wolf (2008): Theoretische Zugänge und Methoden zur Reflexion des Lernens. Ein Diskussionsbeitrag, in: Bildungsforschung – online, Jahrgang 5, Ausgabe 2. URL: http://www. bildungsforschung.org/index.php/bildungsforschung/article/view/77/80, [Stand: 15.01.2017].

Jenert, Tobias (2008): Ganzheitliche Reflexion auf dem Weg zu Selbstorganisiertem Lernen, in: Bildungsforschung – online, Jahrgang 5, Ausgabe 2. URL: http://bildungsforschung.org/index.php/bildungsforschung/article/view/76/79, [Stand: 15.01.2017].

Krämer, Manuela/Strassegger, Katharina (2014): Wegweiser durch das Thema der (Selbst-) Reflexion – online. URL: https://static.uni-graz.at/fileadmin/sowi-institute/Wirtschaftspaedagogik/Neuigkeiten/Wegweiser_durch_die_Reflexion_Kr%C3%A4mer_Strassegger.pdf, [Stand: 15.01.2017].

Schüßler, Ingeborg (2008): Reflexives Lernen in der Erwachsenenbildung – zwischen Irritation und Kohärenz, in: Bildungsforschung – online, Jahrgang 5, Ausgabe 2. URL: http://bildungsforschung.org/index.php/bildungsforschung/article/view/75/78, [Stand: 15.01.2017].

 

CC – BY – NC – ND

4 Kommentare zu “Reflexion als Voraussetzung zum Überleben in einer Wissensgesellschaft – eine Anleitung.

  1. Sebastian Hilbert sagt:

    Sehr schön!
    Als Theater- und Medienwissenschaftler ist es praktisch unabdingbar über die medialen Eindrücke, die uns heute präsentiert werden zu reflektieren. Anfangs war ich mir unsicher, ob man das ALACT-Modell auch auf medienwissenschaftliche Untersuchungen übertragen kann, da es eine körperliche Aktion meinerseits impliziert, aber nach ein wenig Reflexion über die „Reflexion“ funktioniert das auch sehr gut.
    Darüber nachzudenken, wie beispielsweise eine Filmszene funktioniert, was sie bei mir auslöst und warum sie funktioniert. Der ewige Kreislauf des Zerdenkens.

  2. Anna Langer sagt:

    Besonders in pädagogischen Situationen ist die Reflexion wichtig, z. B. um Lernangebote oder Beschäftigungen für Kinder zu optimieren. Durch meine Praktika konnte ich auch schon ein paar Erfahrungen damit sammeln. Wir hatten damals ganz ähnliche Fragen wie aus dem „ALACT Modell“, um unsere Beschäftigungen für die Kinder zu reflektieren.
    Finde es super, dass man den oft unbewussten Prozess des Reflektierens durch so eine „Anleitung“ bewusst gestalten kann. Vor allem sieht man durch die Fragen genau, wo etwas gut oder schief gelaufen ist und wo man nächstes Mal etwas verbessern bzw. verändern muss/kann.

  3. Sabrina Uhlisch sagt:

    Dankeschön!
    Ich kann dir da nur beipflichten, dass keine Fachrichtung nur eigens fungiert.
    Und beim Verstehen reflektiert man ja auch mehr oder weniger. Deshalb der Beitrag.
    Reflexion begleitet unser alltägliches Leben und mit der Bereitschaft und dem Wissen, wie man richtig reflektiert, kann man durchaus große Erfolge ziehen. 😉

  4. Miriam Rosenzweig sagt:

    Ein sehr schön geschriebener Artikel! Ich habe mich davor noch nie ernsthaft mit dem Thema Reflexion auseinandergesetzt und finde, dass die verschiedenen Schritte – wie hier eben als „Anleitung“ genannt, anschaulich und präzise genannt und erklärt werden. Außerdem finde ich es richtig und gut, dass du in deinem Beitrag die Bereitschaft als Voraussetzung für eine gelungene Reflexion betonst! Als ich auf den Absatz mit dem „ALACT Modell“ gestoßen bin, musste ich gleich an ein ähnliches Modell, dass ebenso spiralförmig aufgebaut ist, denken. Im zweiten Semester haben wir in der Soziologie zum Thema Hermeneutik uns den hermeneutischen Zirkel als Spiralbewegung des Verstehens näher angeschaut. Natürlich geht es dort nicht um Reflexion, doch gewisse Ähnlichkeiten konnte ich trotzdem feststellen. Da sieht man mal, dass kein wissenschaftliches Fach oder Thema nur eigens für sich fungiert…

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