Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Wie gelange ich zur pädagogischen Reflektiertheit durch einen akademischen Abschluss?

Mittwochmorgen an der Universität sitzen einige Zuhörer in der Pädagogikvorlesung und hören zu, wie es im antiken Griechenland gesellschaftlich akzeptierte Knabenliebe gab. Zur gleichen Zeit sitzen einige Erzieher/innen am „runden Tisch“ und besprechen ein aktuelles Fallbeispiel von einem 12-jährigen Jungen, der Geschlechtsverkehr mit einem deutlich älteren Mann hatte.
Obwohl die Erzieherinnen nichts von der eventuellen Pädophilie in der Antike wissen, wissen sie was zu tun ist. Auch wenn in der Antike Knabenliebe gesellschaftlich akzeptiert gewesen sein mag, so gilt dies für unsere Gesellschaft auf keinen Fall. Der Fall muss an einen Pädagogen oder eine Pädagogin zum Begutachten und weiteren Verlauf weitergegeben werden, da den Erziehern hier die Hände gebunden sind.  Warum? Was kann eine pädagogische Fachkraft mit akademischem Hintergrund leisten, was die Erzieherinnen nicht leisten können? Zu welchem Urteil kann eine pädagogische Fachkraft mit akademischem Hintergrund kommen? Welche Kenntnisse hat sie, um diese Situationen bewerten und einschätzen zu können? Wozu braucht sie dafür das Wissen aus einer Vorlesung? Kommen Studierende tatsächlich zu einer verinnerlichten Selbstreflexion und reflexiven Arbeitshaltung während ihres akademischen Werdeganges? Und weisen die Fachkräfte mit akademischem Abschluss tatsächlich mehr und anderweitige praxisrelevante Kompetenzen auf, obwohl Sie fern von der Praxis ausgebildet werden? Ist es daher gerechtfertigt, diese Art von Befugnis zu erteilen?!

Der Pädagoge, die Pädagogin eignet sich dafür, weil sie sich während dem Studium pädagogisch fundiertes Theoriewissen erarbeitete und sich somit einem großen Wissensspektrum hinwenden kann, wenn sie dieses in der pädagogischen Praxis braucht. Welche Bausteine hat ein Pädagogikstudium?
Als Studierender, Studierende bekommt man viel theoretischen Input über beobachtete Phänomene der Praxis zu hören, z.B. Einzelheiten zur kindlichen Entwicklung, Entwicklung eines Familienbewusstseins u.ä. Bewusstes Nachdenken über Sachinhalte soll gefördert werden, indem gedankenanregende Fragen und Aufgaben gestellt werden. Beispielsweise begeben sich zwei Dialogpartner mit individuellen Vorverständnissen in ein Gespräch. Dabei sollen sie sich fachspezifisch zu einer Thematik äußern. Erlernt werden soll dabei, sich in der Theorie zu positionieren und diese Annahme auch begründen zu können.

Wissenschaftstheoretische Positionierung ist nur möglich, wenn bestimmtes Wissen bereits vorhanden ist. Dadurch wird der hermeneutische Zirkel[1], während einer Seminarsitzung dauernd in Bewegung und Gang gesetzt. Bei dem hermeneutischen Zirkel werden Studierende in gedankliche Ungewissheit geworfen, um ihr Eigenverständnis im Dialog mit anderen zu erweitern. Die eigenen Handlungen werden durch das Gespräch und die Fremdmeinung anderer Dialogteilnehmer revidiert.[2]
Das theoretische Wissen geht in eigenen Haltungen, Gedanken und Annahmen ein aufgrund der Handlung in Argumentationen, sei dies schriftlich z.B. in einer Hausarbeit oder mündlich z.B. in einem Seminardialog. In diesem Prozess wird automatisch reflektiert. Die Interaktion, sowie die Reflexion während dem Interagieren ist ein großer Bestandteil von pädagogischem Denken. Reflexion bedeutet nachdenken und überlegen.[3]
Da an der Universität viel Wissen nach außen getragen wird und die Möglichkeit geboten ist an Bücher, Skripte, Diskurse und Dialoge zu gelangen, findet stetiger Wissenszuwachs statt. Durch sogenannte „Reflexionsauslöser“ wird die Selbstreflexion angeregt.[4] Dies meint verschiedene Motive, welche in uns selbst Reflexionsvorgänge auslösen wie z.B. in der Universität die Vorlesung über die legitimierte kulturelle Norm der griechischen Antike anzuhören.

Es ist dieser Selbstprozess während eines Studiums, welcher geistige Perspektivwechsel hervorruft und somit Sichtweisen des pädagogischen Sehens und Denkens formt. Dadurch ist der Austausch zwischen den Fachkräften in der pädagogischen Praxis von großer Bedeutung.
Daher müssen Pädagogen und Pädagoginnen, wenn in einer pädagogischen Situation Handlungsbedarf angezeigt ist, in Betracht gezogen werden, um theoretisch und praktisch möglichst viele Meinungen in Betracht zu ziehen, damit wie im oben genannten Fallbeispiel eingeordnet werden kann, worum es geht und wie es für die Akteure der Situation weitergehen wird. Begutachten der Sachlagen durch verschiedene Perspektiven z.B. die Kultur des Zöglings, sexualpädagogisches Wissen, Identitätsstufen, die rechtliche Lage etc., geschieht mithilfe eines „Fundamentwissens“, welches während des Studiums erlernt wurde: Sichtweisen des pädagogischen Sehens und Denkens in Betracht ziehen, Sachlagen aus vielen Perspektiven betrachten, um Betroffenen entsprechende Unterstützung bieten zu können, sowie die durchdachteste Entscheidung zu treffen. Daher ist das Zusammentreffen von verschiedenen pädagogischen Fachkräften, z.B. Erzieher und Pädagogen, unerlässlich, damit Theorie- und Praxisannahmen sich begegnen und idealerweise zur Erweiterung von Wissen führen.

Quellenangabe:

[1] Poser Hans: Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2001. S.222

[2] Ebd.

[3] Online-Enzyklopädie für Psychologie & Pädagogik: Reflexion. URL: http://lexikon.stangl.eu/2879/reflexion/ [abgerufen: 17.01.2017, 16:34]

[4] Kasztner Angela: Fördert Reflexion die Anwendbarkeit des Gelernten? Norderstedt: 2009. S.78

Über die Autorin:
Mein Name ist Magdalena Kopic, ich bin als Erzieherin, sowie Familien- und Elternbegleiterin tätig. Derzeitig studiere ich die Fächer Pädagogik und Soziologie im 3.Semester.

3 Kommentare zu “Wie gelange ich zur pädagogischen Reflektiertheit durch einen akademischen Abschluss?

  1. Sabrina Uhlisch sagt:

    Sehr schön geschrieben!
    Besonders wichtig fand ich, dass du am Ende nochmal betont hast, dass die Zusammenarbeit und die damit einhergehende Wechselwirkung von studierten Pädagogen und ausgebildeten Erziehern unerlässlich ist.
    Ich dachte mir während des Pädagogikstudiums des öfteren mal „Wofür brauch ich das eigentlich?“ (Siehe genau diese Vorlesung mit der Knabenliebe). Aber du hast Recht, dass es im Grunde einfach Wissensaneignung ist, welche man später in die Reflexion von Situationen einfließen lassen kann.
    Außerdem heißt es ja, dass der Zögling im Moment des Lernens nicht sofort die Intention dahinter erkennen kann, und wir sind doch alle noch irgendwo Zöglinge, die lebenslang lernen.

  2. Tamara Todorovic sagt:

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen!
    Besonders die anschauliche Gegenüberstellung fand ich zum persönlichen Differenzieren sehr hilfreich, da sich viele Studieninteressierte über den Unterschied eines pädagogischen Studiums und einer pädagogischen Ausbildung nicht im Klaren sind.
    Ein sehr gelungener, erster Einblick über die Bausteine eines pädagogischen Studiums und was man sich darunter überhaupt -im Vergleich zur Ausbildung als Erzieher- vorstellen kann und darf.

  3. Anna Langer sagt:

    Sehr schöner Artikel! Es wird kurz und verständlich dargestellt, warum ein Pädagogikstudium durchaus sinnvoll ist und wie man zu der pädagogischen Reflektiertheit gelangt. Besonders gut finde ich, dass dargestellt wird, dass verschiedene pädagogische Fachkräfte notwendig sind und miteinander arbeiten müssen, um eine optimale Problemlösung zu erreichen.

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