Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Oppenheimer und die Geister, die er rief – Eine Betrachtung der Regulationsmechanismen in den Wissenschaften

Am 06. August 1945 lässt ein Flieger der deutschen Luftwaffe die erste Atombombe über London fallen. 90 000 Menschen sterben auf der Stelle, weitere 50 000 kommen in den darauffolgenden Tagen und Wochen hinzu. Als am 09. August 1945 ein weiterer Flieger unter der Hakenkreuzflagge den Luftraum über Washington erreicht, ist die Sicht sehr schlecht. Dichter Nebel verhindert einen kontrollierten Abwurf der Fracht, weshalb der Pilot abdreht und seine Atombombe über das nordöstlich gelegene Baltimore abwirft. Weitere 76 000 Menschen sterben. Der Abwurf der Atombomben stellt einen Wendepunkt im zweiten Weltkrieg dar und leitete den Sieg des Dritten Reiches ein.

So alptraumhaft dieses kleine Gedankenspiel mit einem alternativen Ausgang des zweiten Weltkriegs auch sein mag, so wirft es doch einige Fragen in Bezug auf den Umgang der Menschen mit der Moral auf. Mit welchen Augen sähen wir heute die deutschen Wissenschaftler, die an der Atombombe forschten, wenn nicht die Alliierten, sondern die Nationalsozialisten den Krieg gewonnen hätten? Die Sieger schreiben Geschichte, so zumindest das Sprichwort. Doch ist es kaum vorstellbar, dass wir heute, die Menschen des 21. Jahrhunderts, ein solch unfassbares Verbrechen als positiv bewerten, ja es möglicherweise glorifizieren oder feiern würden. Denn auch der reale ,,Vater der Atombombe“, Robert Oppenheimer, verurteilte den Einsatz seines Werkes nachträglich und setzte sich in seinem folgenden Leben für die Regulation und internationale Kontrolle der Kernenergie ein. Und auch im Großteil des nordamerikanischen Raumes wird der Atombombenabwurf über Japan verurteilt, obwohl die USA zu den sprichwörtlichen Siegern gehört. Doch haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt? Gibt es heute Regulationen für Wissenschaftler, wenn diese mit ihrer Forschung an moralische Grenzen stoßen?

Versuchend Antworten auf diese Fragen zu finden, möchte ich mich vor allem auf den Zusammenhang von Moral und Wissenschaft konzentrieren. Die Moral nimmt in den Wissenschaften, welche das Leben der Menschen durch ihre Forschungsergebnisse direkt beeinflussen können, oftmals die Rolle eines Bevormunders ein. Sie weist durch Prinzipien und Leitlinien, wie zum Beispiel der Würde des Menschen oder dem Tierschutzrecht, den richtigen Weg zu einer ,,humanen Wissenschaft“ und ermöglicht dem Forscher anhand von Richtlinien und Verhaltenskodizes ein abgesichertes Arbeiten im Sinne der Menschlichkeit. Da allerdings eine Selbstregulation der Wissenschaft in den meisten Fällen nicht funktionieren kann, wie wir zum Beispiel aus der Geschichte der Atombombe oder den Verhaltensexperimenten von Wissenschaftlern an Menschen im 19. Jahrhundert wissen, werden externe Gremien als übergeordnete Instanzen eingesetzt. Diese können ethische Grenzen bestimmen und in extremen Fällen einschreiten, falls die Grenzen der Moral durch wissenschaftliche Arbeit überschritten werden. Der Wissenschaftler hat somit Anhaltspunkte, seine Forschung unter ethischen Aspekten einschätzen zu können. Ein Beispiel für solch ein Gremium wäre die Atomic Energy Comission (AEC) der USA. Des Weiteren gibt es Regulation auf nationaler und internationaler Ebene. Durch Rechtsprechung und durch Pakte zwischen verschieden Staaten wird bestimmt, was erlaubt ist und was nicht, und somit ein klares Arbeitsgebiet für die Wissenschaftler abgesteckt. Ein fundamentaler Pakt dieser Art ist zum Beispiel der internationale Menschenrechtskodex aus dem Jahr 1966. Ein weiterer Punkt in Bezug auf Moral und Wissenschaft  ist die Interdisziplinarität. Der forschende Wissenschaftler muss aus seinem metaphorischen Loch geholt und in Kontakt mit anderen wissenschaftlichen Zweigen gebracht werden, um einen Austausch zu ermöglichen, auch um die aktuell geltenden Moralvorstellungen abzugleichen.

Es scheint also tatsächlich, als ob die Wissenschaft aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Dem Wissenschaftler werden nicht nur Leitlinien und Gremien an die Hand gegeben, auch sorgen eine vertiefte Interdisziplinarität der einzelnen Disziplinen und internationale Pakte für eine verbesserte Präventionsarbeit in den Wissenschaften. Oder in den Worten Robert Oppenheimers: ,,Die Physiker haben erfahren, was Sünde ist. Und dieses Wissen wird sie nie mehr ganz verlassen.“

 

 

Über den Autor: Mein Name ist Gregor Mathes und ich studiere an der FAU Erlangen-Nürnberg die Geowissenschaften. Mit diesem Blogeintrag wollte ich eine Teilverbindung von Moral und Wissenschaft aufzeigen.

 

Quellenangaben:

  • Jochen Wegner:  http://www.zeit.de/1982/25/gesellschaftliche-moral-des-wissenschaftlers/seite-3 (aufgerufen am 03.01.2017)
  • Dr. Regina Ammicht Quinn: http://www.izew.uni-tuebingen.de/das-izew.html (aufgerufen am 05.01.2017)
  • Hans Albert: DieWissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft. Mohr Siebeck, Tübingen 1982
  • Silvia Meisen: https://www.sozialpakt.info/internationaler-menschenrechtskodex-3104/ (aufgerufen am 05.02.2017)
  • Willi Steul http://www.deutschlandfunk.de/die-physiker-haben-erfahren-was-suende-ist.871.de.html?dram:article_id=125210

CC – BY – NC – ND

Ein Kommentar zu “Oppenheimer und die Geister, die er rief – Eine Betrachtung der Regulationsmechanismen in den Wissenschaften

  1. Jovana Perovic sagt:

    Nicht umsonst zählt Ethik zu einer Wissenschaft die moralische Prinzipien untersucht und formuliert. Denn wie du bereits beschrieben hast, funktioniert die Wissenschaft nicht ohne die Moral. Wir können uns glücklich schätzen, dass es heutzutage externe Gremien gibt und nicht jeder Wissenschaftler machen kann was er will. Dennoch glaube ich, dass nicht wirklich alles kontrolliert werden kann und das es auch hier einige Grauzone gibt. Letzten Endes sind es immer die Durchschnittsbürger die mit den Konsequenzen fehlerhaften Verhaltens der Wissenschaftler leben müssen.

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