Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Cognitive Services: Belastung oder Entlastung für den Menschen?

Als die Science-Fiction Fernsehserie „Star Trek: The Next Generation“ (1987-1994) lief, waren die dort gezeigten Technologien absolut neuartig, so wie zum Beispiel der sogenannte ‚Visor‘ (= Visual Instrument and Sensory Organ Replacement), den der blinde Geordi La Forge als eine Art Brille trug. Mithilfe bioelektronischer Technik wurde ihm ermöglicht, seine Umgebung zu erkennen. Es schien schwer vorstellbar, dass solche Innovationen einmal Realität werden würden. Doch während ich dieses Semester ein Seminar über Künstliche Intelligenz (kurz KI) besuche, wird mir bewusst, dass die Wissenschaft in den vergangenen Jahren ehrgeizig an derartigen intelligenten Systemen gearbeitet hat. Dabei ist die Rechnung einfach: Je selbstständiger ein System ein komplexes Problem mit Erfolg löst, desto intelligenter ist es. Beispiele wie der Sprachassistent Siri von Apple zeigen, dass KI bereits heute Teil unseres Alltags ist und auch die Zukunft maßgeblich mitgestalten wird. Umso größer wird die Notwendigkeit, die Thematik für die Öffentlichkeit transparent werden zu lassen, und zwar auf eine verständliche Art und Weise. Aufgrund der rasanten Entwicklung innerhalb kurzer Zeit liegen noch nicht viele Erfahrungsberichte über KI vor. Mit den bekannten Fakten möchte ich einen Unterbereich der KI genauer betrachten: die Cognitve Services. Anhand eines konkreten Beispiels stelle ich mir die Frage, ob sie die Gesellschaft unterstützen oder eventuell in Zukunft gefährden könnten. Zu Beginn wird auf den Nutzen eingegangen.

Während der blinde Geordi La Forge nur im Film existiert, verliert Saqib Shaikh in der wahren Welt sein Augenlicht mit nur sieben Jahren. Doch als er Ingenieur bei Microsoft wird, bekommt er die Möglichkeit eine Innovation mitzuentwickeln, die sein Leben verändert: ‚Sehen‘ mithilfe modernster Technik. Wie kann das funktionieren? Die Antwort findet man in Cognitive Computing, deren selbstlernende IT-Systeme Cognitive Services hervorbringen. Diese Services streben das Ziel an, schneller und besser als das menschliche Gehirn zu arbeiten. Technisch gesehen bilden Programmierschnittstellen (= Application Programming Interface, kurz API) die Basis, die eine Interaktion und Kommunikation mit Computersystemen ermöglichen. Das Besondere ist, dass die APIs in der Lage sind, Anwendungen das Sehen, Hören, Sprechen, Verstehen und Interpretieren menschlicher Bedürfnisse beizubringen. Neben Microsoft gibt es auch andere große Player wie Watson, die solche Cognitive Services anbieten. Wie funktionieren diese APIs nun in der Praxis? Das kann anhand von Ingenieur Shaikh verdeutlicht werden. Alles was er benötigt, sind die APIs als App und ein Endgerät, wie etwa sein Smartphone. Sitzt er in einem Restaurant, nimmt er sein Handy zur Hand und fotografiert die Speisekarte ab. Anschließend kann der Text durch die App akustisch wiedergegeben werden und er kann bestellen. Ein anderes Beispiel wäre, wenn Shaikh wissen möchte, welche Gefühlsregung sich im Gesicht seines Gegenübers widerspiegelt. Dazu schießt er mit seinen Smart Glasses (tragbare Computer als Brillen) ein Foto, und die Emotion API identifiziert die Gefühle der anderen Person und übermittelt sie ihm. Dabei kann die App zwischen acht Gefühlen differenzieren, wie z.B. Wut, Ärger, Überraschung oder Glück.

Nach diesem kurzen Exkurs in die Welt der APIs und ihrem Nutzen stellt sich die Frage, inwieweit der Einzelne überhaupt noch in der Lage ist, seine Privatsphäre vor KI zu schützen. Ist den Menschen bewusst, dass der Computer sie bis aufs kleinste Detail in einer Emotion API scannt und interpretiert? Hier wäre folgendes Szenario denkbar: Zwei Geschäftsleute (A und B) arbeiten einen Vertragsabschluss aus. Dabei wollen beide jeweils das Bestmögliche für sich erreichen. Nach außen hin wirken beide ruhig. Doch ein unauffälliger API-Scan durch A übermittelt ihm, dass B Anzeichen von Wut aufzeigt. Daraus schließt A, dass der Vertragsabschluss für B unvorteilhaft läuft und könnte den Abschluss entweder möglichst schnell abschließen oder vertagen. Die Cognitive Services werfen jedoch noch eine andere Frage auf: Was passiert, wenn sich die Daten ‚verselbstständigen‘? Ingenieur Shaikh beispielsweise verlässt sich auf die technische Auswertung der gewonnenen Informationen. Doch wer oder was suggeriert, welche Daten durch seine Smart Glasses von den APIs interpretiert werden? Und wer überprüft sie? Was passiert, wenn die KI „beschließt“, die Übermittlung der technische Auswertung nach ihren Vorstellungen anzupassen?

Abschließend kann man anhand des Beispieles von Saqib Shaik sagen, dass Cognitive Services unterschiedliche Vor- sowie Nachteile mit sich bringen. Sie erleichtern den Alltag und können Aufgaben übernehmen, die Menschen in der Intensität, Ausdauer und Perfektion nicht bewerkstelligen könnten. Jedoch ist zu beachten, dass es möglich ist, dass sie in hohem Maße in die Privatsphäre eingreifen und die gewonnen Daten ohne Kontrolle weiterverarbeiten. Auch die Frage, inwieweit man der Technik vertrauen kann, ist bisher noch unbeantwortet. Letztendlich muss sich jeder von uns eine eigene Meinung über Künstliche Intelligenz und Cognitive Services bilden. Dazu ist es wichtig, sich Wissen anzueignen, aufmerksam die Entwicklung zu beobachten und kritisch zu hinterfragen. So können wir auf das reagieren, was die Zukunft bringen wird.

Quellenangaben:
  • Bostrom, Nick: Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution. Berlin 2014.

  • Ertel, Wolfgang: Grundkurs Künstliche Intelligenz. Eine praxisorientierte Einführung. 4. Auflage. Wiesbaden 2016.

  • Gründerszene: Web APIs. Ein nicht-technischer Erklärungsversuch. Veröffentlicht am 09. November 2009 unter [http://www.gruenderszene.de/allgemein/web-apis-ein-nicht-technischer-erklarungsversuch], abgerufen am 07. Februar 2017.

  • Kalenda, Florian: Microsoft Cognitive Services über 22 APIs erreichbar. Veröffentlicht am 31. März 2016, unter [http://www.zdnet.de/88264856/microsoft-cognitive-services-ueber-22-apis-erreichbar/], abgerufen am 25. Januar 2017.

  • Mainzer, Klaus: Künstliche Intelligenz – Wann übernehmen die Maschinen. Berlin, Heidelberg 2016.

  • Microsoft (30. März 2016): Microsoft Cognitive Services: Introducing the Seeing AI project. Online unter [https://www.youtube.com/watch?v=R2mC-NUAmMk], abgerufen am 25. Januar 2017.

  • Schischka, Benjamin: 48-Zoll-TV – Geordi La Forge-Stil. Veröffentlicht am 06. Juni 2010 unter [http://www.pcwelt.de/ratgeber/48-Zoll-TV-Geordi-La-Forge-Stil-Grotesk-geekig-gut-361554.html], abgerufen am 07. Februar 2017.

  • Wikia: Visor. Abgerufen am 09. Feburar 2017 unter [http://de.memory-alpha.wikia.com/wiki/VISOR].

  • Winter, Scarlett: Cognitive Services: Ein Blick auf die Sprach-APIs. Veröffentlicht am 06. Juni 2016 unter [https://entwickler.de/online/windowsdeveloper/cognitive-services-sprach-apis-248582.html], abgerufen am 25. Januar 2017.

Über die Autorin:

Mein Name ist Debora Rudzio, ich bin 21 Jahre alt, und studiere zurzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Theater- und Medienwissenschaft (5. Fachsemester) und Buchwissenschaft (3. Fachsemester).

CC – BY – NC – ND

4 Kommentare zu “Cognitive Services: Belastung oder Entlastung für den Menschen?

  1. Sarina sagt:

    Ein wirklich spannendes und wichtiges Thema! In deinem Text wirfst du viele sehr wichtige Fragen auf, doch die Geschichte zeigt uns, dass gerade die, die große neue Technologien entwickeln, häufig erst zu spät an deren möglicherweise sehr umfangreiche Auswirkungen denken…
    Schon vor einer ganzen Weile wurde ich von einem Kommilitonen, mit dem ich mich über eben dieses Thema unterhalten habe, auf ein sehr interessantes Video aufmerksam gemacht: Humans need not Apply!
    Vermutlich ist in dem Video einiges überspritzt dargestellt und sicher werden nicht alle Eventualitäten berücksichtigt, dennoch liefert das 15 minitüge Video definitiv Denkanstöße und Gesprächsstoff und ich würde es Jedem, der sich für das Thema der Technologisierung unserer Welt und deren Folgen interessiert, empfehlen.

    Hier gehts zum Video: https://www.youtube.com/watch?v=7Pq-S557XQU

  2. Anke Semmelmann sagt:

    Ich stimme Linda zu, dass technische Entwicklung immer mit einer Umstrukturierung der Erwerbsarbeit einhergeht. Ein gutes Beispiel ist die Technisierung während der Industriealisierung. In dieser Zeit hat sich die Erwerbsarbeit nicht nur verändert, sie ist durch die rasante technische Entwicklung erst in der Form, wie wir sie heute kennen, entstanden.

  3. Miriam Rosenzweig sagt:

    Am Beispiel von Saqib Shaikh sieht man wirklich sehr gut, dass neueste Entwicklungen und Innovationen durchaus bedeutsame Vorteile bringen, wie etwa dass der Mann wieder „sehen“ kann, obwohl er schon in jungen Jahren sein Augenlicht verloren hat. Dein Fazit finde ich sehr gelungen, da wirklich jeder die eigene Verantwortung trägt, inwiefern er sich auf neueste Techniken einlässt und den Methoden auch seine privaten Daten „anvertraut“. Nebenbei könnte man auch noch erwähnen, dass neben der eigenen Wissensaneignung, eine gewisse Motivation und Selbstbewusstsein vorhanden sein muss, damit man diese intelligenten Technologien auch wirklich anwenden kann. Denn jede neue Erkenntnis birgt ja ebenso auch ihre Risiken. Ebenso kann man sich fragen, ob Cognitive Services mehr Arbeitsplätze kosten als schaffen, und ob sie in geraumer Zeit anstelle des Menschen womöglich (wichtige) Entscheidungen treffen? Es bleiben weiterhin genug Themen offen zum diskutieren…

  4. Ich bin mit dir einig, dass die Belastung bzw. Entlastung der Menschen durch Cognitive Services ein kompliziertes Thema sein kann. Man kann aber dazu argumentieren, dass den Jobverlust eher als Vorteil von künstlichen Intelligenz angesehen werden kann. Der Verlust von Arbeitsplätzen ist ein normales Teil der wissenschaftlichen Entwicklung (structural unemployment, strukturelle Arbeitslosigkeit). Behinderten Menschen, zum Beispiel, genießen wegen Cognitive Services eine bessere Lebensqualität, weil sie sich nicht immer auf anderen Menschen verlassen müssen.

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