Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Über den Nutzen des Philosophiestudiums

Als Student an der Philosophischen Fakultät werde ich oft auf Partys, beim Essen mit Verwandten oder Klassentreffen mit der Frage „Was macht man da eigentlich so und was fängt man nach dem Studium damit an?“ konfrontiert. Meine Antwort? Stottern, stoisches Schweigen und am Ende doch Verlegenheit. Es fällt schwer zu erklären, was ein geisteswissenschaftliches Studium – wie ein Philosophiestudium – für einen (gesellschaftlichen) Nutzen hat, geschweige denn den Inhalt der einzelnen Seminare verständlich zu machen. Wie soll ich einem Laien auf die Schnelle den Nutzen der Exegese von Aristoteles Abhandlungen über die ethische Lebensführung erklären? Scheinbar unmöglich! Bei den naturwissenschaftlichen Fächern ist das im Vergleich dazu ganz klar. Sie erforschen etwas Wichtiges, wie ein Medikament, das zur Heilung von Krebs dienen könnte und jedermann betrifft. Etwas, das zur gesellschaftlichen Entwicklung und Verbesserung beiträgt. Aber was trägt ein Studium der Philosophie dazu bei?

Um einer Antwort auf diese Frage etwas näher zu kommen, habe ich das gemacht, was ich zwangsweise im Studium lerne: Bücher wälzen. Dabei bin ich auf einen deutschen Philosophen gestoßen: Odo Marquard. In seinem Aufsatz Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften schlägt er vor, die Geisteswissenschaften als Kompensationswissenschaften zu verstehen. Sie kompensieren die Modernisierungsschäden, welche durch die Naturwissenschaften – oder wie er es nennt, die harten Wissenschaften – entstanden sind.1 Die Geisteswissenschaften, und somit auch die Philosophie, wären nicht in Symbiose mit den Naturwissenschaften, sondern begnügten sich lediglich mit dem Fachsimpeln über die Schäden, die durch die Naturwissenschaften dankenswerterweise entstehen. Inwiefern das wirklich notwendig ist, bleibt für einige kritische Stimmen offen. Zu einer zufriedenstellenden Antwort trägt dies m.E. nicht bei. Also wieder zurück auf Start: Bücher wälzen.

In dem Manifest der Geisteswissenschaften versuchen Professoren der Philosophie, Geschichte, Rechtstheorie und Wissenschaftstheorie mit zehn Thesen klar und deutlich die Probleme der Geisteswissenschaften herauszuarbeiten. Ihr Ziel ist es dadurch mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Aber wie gestalten sich diese? Ähnlich wie die Naturwissenschaften auf Probleme reagieren, indem sie z.B. nach einem neuen Heilmittel forschen, sollten die Geisteswissenschaften ihre Rolle darin sehen, auf gesellschaftlich-kulturelle Probleme zu reagieren, indem sie Orientierung bieten. Sie nehmen somit die Stellung einer wissenschaftlichen Gesellschaftsberatung ein.2 Das mag jetzt etwas pathetisch klingen, ist meines Erachtens jedoch genau das Potential, was die Geisteswissenschaften in sich tragen. Sie reflektieren über Gesellschaft, über Kultur, über den Menschen und reagieren somit auf aktuelle gesellschaftliche Umstände. Sie tragen wie die Naturwissenschaften zur gesellschaftlichen Entwicklung bei, nur auf einer anderen Ebene.

Genau diese zentralen Funktion wäre somit auch der gesellschaftliche Nutzen, den ein Philosophiestudium hat. Die Auseinandersetzung mit Fragen der Gerechtigkeit, des richtigen Handelns oder der ethischen Lebensführung kann diese Funktion erfüllen. Hierbei muss jedoch nicht auf die Exegese von Aristoteles verzichtet werden, denn gerade die Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit anderen Kulturen und anderen Gedanken bietet neue Orientierung und mögliche Lösungsvorschläge.

In gewisser Weise hat Odo Marquard mit seiner Kompensationstheorie Recht behalten – auch wenn sich in dem Manifest klar davon abgegrenzt wird. Es ist wichtig, dass sich nicht nur – wie bei Marquard – auf die (Modernisierungs-)Schäden der Naturwissenschaften beschränkt wird, sondern ein breiteres Anwendungsfeld festgelegt wird. Themen wie Umweltethik, Sterbehilfe, Staatstheorien usw. sind alles Gegenstände philosophischer bzw. allgemein geisteswissenschaftlicher Betrachtungen. Eine intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen bietet in schwierigen Zeiten Orientierung und ermöglicht eine positivere Entwicklung.

Jeremy Riemann

Literaturnachweis:

1.

Marquard, O. (1986): Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften. In: Panteos, A. / Rojek, T.: Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften. Stuttgart 2016: S. 253-266.

2.

Grötschel, Martin (Hrsg.): Das Manifest der Geisteswissenschaften, Berlin 2005. (unter: http://www.bbaw.de/bbaw/Veranstaltungen/showFileFromDB?itemid=1132914669.28btax, zuletzt aufgerufen am 02.02.16)

Über den Autor:

Ich studiere Philosophie und Germanistik im 5. Semester. Das Thema Wozu ein Philosophiestudium beschäftigt mich seit dem ersten Semester. Artikel und Berichte über die aktuellen Entwicklungen der Geisteswissenschaften und der Philosophie in Japan, Amerika und England haben den Anstoß für diesen Beitrag gegeben.

Ein Kommentar zu “Über den Nutzen des Philosophiestudiums

  1. Jovana Perovic sagt:

    Lieber Jeremy,
    Auch ich habe mich zu Beginn meines Studiums an der Philosophischen Fakultät gefragt was ich hier überhaupt mache. Dein Blogeintrag hat mich, inzwischen im 6. Semester, dazu gebracht meinen bisherigen Studienverlauf zu reflektieren. Ich frage mich was das Studium in meinem Denken und Handeln verändert hat und natürlich worin der Nutzen darin liegt. Nach einem fast abgeschlossenen Studium werde ich sicherlich nicht sagen, dass es unnütz war. Nicht etwa um mir mein Studium gut zureden, sondern weil dies einfach nicht der Fall ist. Um ein geisteswissenschaftliches Studium beginnen zu können, muss man meiner Meinung nach eine Veranlagung haben. In unserem Fall ist viel Ausdauer, Geduld und Nachdenken erforderlich. Dann ist man offen für ein Umdenken und der kritischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Themen, denn hauptsächlich das geschieht im geisteswissenschaftlichen Studium. Ich kann demnach deinem Fazit nur zustimmen und hiermit bestätigen, dass ich für mich die absolut richtige Entscheidung getroffen haben.

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