Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Wissenschaft kann die Zukunft vorhersagen!

In den bisherigen Beiträgen haben wir schon viel darüber gelesen, was Wissenschaft alles kann – doch die Zukunft vorhersagen? Der ein oder andere mag jetzt erst einmal an die Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt und den klassischen Blick in die Kristallkugel denken, die Nächsten vermuten, dass es sich dabei um Ratespielchen handelt oder um Vorhersagen, die – ähnlich wie Horoskope – so oberflächlich formuliert werden, dass so ziemlich immer irgendwas daran als richtig interpretiert werden kann. Doch Zukunftsforschung ist heutzutage durchaus auf wissenschaftlicher Basis eine hoch geschätzte Disziplin, die von vielen Firmen als unerlässlich angesehen wird – aber kann sie wirklich die Zukunft vorhersagen?

Was ist Zukunftsforschung und wie funktioniert sie?

Die Zukunftsforschung versucht zukünftige Entwicklungen und sogenannte Trends aus verschiedenen Themengebieten auf Basis von wissenschaftlichen Methoden zu prognostizieren. Zukunftsforschung betreiben mit Hilfe von fachkundigen Experten des jeweiligen Themas Zukunftsforscher. Im Idealfall ist die Zukunftsforschung so eine große Hilfe für beispielsweise große Firmen, die an Produktneuentwicklungen arbeiten und wissen wollen, in welche Richtung das Interesse der potenziellen Konsumenten mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zukunft gehen wird oder wie sich der Markt ähnlicher Produkte entwickelt, welche neuen Funktionen ein zukünftiges Gerät haben sollte etc. Um unter anderem solche Entwicklungen vorherzusagen, stehen der modernen Zukunftsforschung etwa 50 Methoden zur Verfügung[1]. Diese dienen unterschiedlichen Zwecken, je nach betrachtetem zeitlichen Rahmen, Themengebiet, Komplexität und nicht zuletzt auch des Budgets bzw. den Möglichkeiten der Auftraggeber. Zu den Methoden zählen die Befragungen von Fachleuten, Scanning (Analyse von sämtlicher Literatur inkl. Zeitungsartikeln etc.), Trendanalyse und –monitoring (ein Trend, der im Rückblick erkennbar ist, wird untersucht und versucht, ihn für die Zukunft fortzuschreiben), Modelle und Simulationen, Entwicklung und Analyse von Szenarien sowie Visionen. Häufig werden verschiedene genannte Methoden für die Studien kombiniert, um ein möglichst wahrscheinliches und fundiertes Ergebnis zu erzielen, so auch bei der Delphi Methode.

Bei der Delphi Methode werden, etwas vereinfacht dargestellt, Thesen generiert, Experten dazu befragt und schlussendlich die Ergebnisse zusammengefasst. Ein Beispiel einer solchen Delphi Studie ist die von der Telekom in Auftrag gegebene Studie „Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Informations- und Kommunikationstechnologien und Medien“[2], welche 2009 erstellt wurde und den Zeitraum bis 2030 betrachtet. Für die Studie haben die Zukunftsforscher mittels Sekundärforschung erst einmal die aktuelle Situation der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und Medien abgebildet und für die nächsten Jahre abgeschätzt. Anhand dieser Ergebnisse wurden Thesen generiert, die die Entwicklung und Implikationen heute bereits vorhandener Technologien in die Zukunft projizieren. Zusätzlich wurden noch Thesen von Experten der verschiedenen Gebiete eingereicht und in den Thesenpool integriert. Diese Thesen wurden dann in zwei Phasen bekannten IKT- und Medienexperten vorgelegt (in dieser Studie 795 Experten) und von ihnen auf ihre Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen hin bewertet und die Ergebnisse dann in besagter Studie zusammengefasst.

Warum gibt es häufig falsche Prognosen?

Besonders involvierte Experten, also Experten, die sich (fast) ausschließlich ihrem speziellen Themengebiet widmen, können einen recht eingeschränkten Blick auf die Zukunft haben, ohne „das große Ganze“, also den Möglichkeitsraum, der z.B. durch andere Produktentwicklungen, gesellschaftliche Veränderungen etc. entsteht, einzubeziehen. Das ist einer der Gründe, warum Prognosen von involvierten Experten, von denen man ja erwarten würde, dass sie dank der Fachkenntnis zutreffen würden, trotzdem nicht eintreffen. Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Aussage vom IBM-Chef Thomas Watson (1943): „Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern“. Zum damaligen Zeitpunkt waren Computer noch raumfüllende Geräte, die kaum einen Bruchteil der Funktionen heutiger Geräte hatten und so hat Thomas Watson den Computer und dessen großes Potenzial einfach völlig falsch eingeschätzt. Genau diese Unwissenheit über den Möglichkeitsraum von beispielsweise Technik wurde auch Bill Gates zum Verhängnis, der 1981 noch davon ausging, dass man niemals mehr als 640 Kilobyte Speicher benötigen würde.

Solche Unmöglichkeitsprognosen à la „…wird es niemals geben / wird niemals gebraucht werden“ treffen selten zu, weshalb Prognosen meist nichts völlig ausschließen. Zu solchen Aussagen ließen sich meist involvierte Experten hinreißen, die mit einer Art Tunnelblick und Betriebsblindheit zu falschen Schlüssen kamen. Zu Fehlprognosen führen ebenso häufig das lineare Denken, bei dem die Gegenwart schlicht prolongiert wird, eine Reduzierung der Komplexität oder auch eine Sozialblindheit, bei der zwar technische Veränderungen gesehen werden, deren Folgen für die Gesellschaft aber übersehen oder nicht ausreichend gut eingeschätzt werden können.

Wahre Prognosen und die Welt in 100 Jahren

Rückblickend stellten sich viele der Prognosen von externen Experten / Zukunftsforschern als zutreffend heraus – manche sogar mit einer erschreckenden Exaktheit. Edward M. Forster hat beispielsweise schon 1909 unsere allseits beliebten Sozialen Netzwerke angekündigt und in einer Art Dystopie dargestellt – und das noch locker 50 Jahre bevor überhaupt das Internet Anwendungsfähig wurde. Ein weiteres Beispiel wäre die Vorhersage von Robert Stoss der über das „Telephon in der Westentasche“ schrieb und praktisch unser Mobiltelefon beschrieb – und das 1910! Diese und weitere mehr oder minder eingetroffenen Zukunftsprognosen finden sich in dem Buch „Die Welt in 100 Jahren“[3], welches 2010 von Arthur Brehmer veröffentlicht wurde und Prognosen und Spekulationen zu den verschiedensten Themengebieten von 1910 für das Jahr 2010 enthält.

Aktuelle Vorhersagen

Der Gründer des Instituts für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) Martin Textor stellt auf seiner Internetseite[4] einige aktuelle Vorhersagen zu verschiedensten Bereichen vor. Für den Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie und Medien erwartet er für die Jahre zwischen 2020-2030 beispielsweise künstliche Intelligenz, Quantencomputer, dolmetschende Computer, Ultra HDTV (Bildformat viermal so breit und hoch wie bisheriges HDTV-Bild), 3D-Fernsehen, Internet mit Standardgeschwindigkeit von 100 Megabit (2020) und 195 Megabit (2025) und knapp 400 Megabit pro Sekunde in 2030.

Ray Kurzweil, Director of Engineering bei Google und Futurist, geht sogar davon aus, dass Menschen bereits im Jahre 2045 in der Lage sein könnten, ihre gesamte Gehirnaktivität auf Computer „auszulagern“, künstliche Intelligenz möglich ist und sich Maschinen mit Hilfe künstlicher Intelligenz selbstständig weiter entwickeln können – weit über die Kapazitäten eines menschlichen Gehirnes hinaus.[5]

Fazit

Bleibt schlussendlich die Frage, ob die Zukunftsforschung tatsächlich die Zukunft vorhersagen kann und die Antwort ist Jaein. Zwar ist die Zukunftsforschung eine anerkannte Wissenschaft, doch gibt es in dem Sinne keine zwingenden Naturgesetze oder Axiome, die 100%ige Sicherheit vermitteln, da es sich einerseits z.B. bei Ökonomien und Gesellschaftssystemen um sehr komplexe Systeme handelt, deren Entwicklungen auf Basis von Wahrscheinlichkeiten und beispielsweise der Analyse und Fortführung von Trends aus der Vergangenheit und der Befragung von Experten vorhergesagt werden können und andererseits sog. „Wild Cards“, also sehr unwahrscheinliche Ereignisse, die allerdings immense Konsequenzen nach sich ziehen (z.B. der Ausbruch des Tambora Vulkans 1815, der Terroranschlag vom 11.09.2001 oder ein Erstkontakt mit einer extraterrestrischen, intelligenten Spezies) kaum abschätzbar sind und Prognosen verzerren können. Nichts desto trotz können mit Hilfe der Zukunftsforschung Zukunftsszenarien durchgespielt und Trends frühzeitig erkannt werden, wodurch in gewisser Weise die Zukunft vorhergesagt werden kann. Dadurch hat die Gesellschaft im Hier und Jetzt die Möglichkeit, angemessen auf diese wahrscheinlichen Entwicklungen zu reagieren und sie zu begünstigen oder zu verhindern. Prognosen und Szenarien sind demnach mehr als Orientierungshilfen für den Möglichkeitsraum potenzieller Entwicklungen anzusehen. Der Blick auf in der Vergangenheit aufgetretene Trends kann somit helfen, die zukünftigen Trends frühzeitig zu erkennen oder oder in den Worten, die von August Bebel überliefert sind: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“.

Quellen

[1] Einige der gängigsten Methoden der Zukunftsforschung werden unter anderem hier vorgestellt: Steinmüller, Kathrin (1997). „Grundlagen und Methoden der Zukunftsforschung“. Sekretariat für Zukunftsforschung.

[2] Kreis e.V., Münchner (2009). „Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Informations-und Kommunikationstechnologien und Medien. Internationale Delphi-Studie, 2030.“

[3] Brehmer, Arthur (2010). „Die Welt in 100 Jahren. Georg Olms Verlag.

[4] Textor, Martin: „Zukunftsentwicklungen, Technik und Wissen“. http://www.zukunftsentwicklungen.de/technik.html, zuletzt aufgerufen am 01.03.2017.

[5] Beierlein, Hannes (2014). „Ist künstliche Intelligenz schon im Jahr 2045 möglich?“

http://www.cancom.info/2014/12/ist-kunstliche-intelligenz-schon-im-jahr-2045-moglich/, zuletzt aufgerufen am 01.03.2017.

Bildquelle:

https://pixabay.com/de/bin%C3%A4r-eins-cyborg-kybernetik-1536624/, zuletzt aufgerufen am 07.03.2017

 

Über die Autorin

Mein Name ist Sarina Schönherr und ich studiere Theater- und Medienwissenschaften und Soziologie. Neben all den wahrlich interessanten Seminaren und Vorlesungen meiner Studiengänge ist mir bisher zudem ein Kurs ganz besonders in Erinnerung geblieben, da ich mich durch ihn mit einem mir völlig neuen Thema auseinander gesetzt und viel darüber und über so vieles mehr, was damit in Verbindung steht, gelernt habe. „Methoden und Grundlagen der Zukunftsforschung“ hieß der Kurs, welcher von Herrn Dr. Flessner in jedem Semester als Schlüsselqualifikation oder auch für interessierte Gäste angeboten wird. Wer gern etwas mehr über das Thema Zukunftsforschung oder – und das ist ja ebenso spannend – auch mehr über unsere Vergangenheit und die sich daraus entwickelnde Zukunft erfahren möchte, sollte dieses Kursangebot unbedingt nutzen!

 

CC-BY-NC-ND

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