Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Alle 11 Sekunden ein Partner mit Niveau – die Erfolgsgeheimnisse des Online-Partnermarkts

Vertraut man der Werbung, so reicht zum großen Liebesglück ein einziger Klick. Er öffnet die Tore zu einem gigantischen Online-Markt, der die Erfüllung aller Sehnsüchte verspricht. Wagt man einen Blick ins Innere, so fallen einem hunderte, nein, tausende an vor Testosteron und Männlichkeit strotzender Herren auf, welche ihre gestählten Muskeln auf miniaturmäßig wirkenden Bildern gekonnt in Szene setzen. Im Regal gegenüber genauso viele Frauen, mit tiefem Dekolleté und feurigem Blick. Im Kopf hört man schon fast die Chöre singen und die Kirchenglocken klingen, da fällt der Blick auf die großen Gefahren des Supermarkts der Liebe. Nicht immer muss die wunderschöne Verpackung mit dem Inhalt übereinstimmen und auch das Mindesthaltbarkeitsdatum kann längst abgelaufen sein.

Und dennoch gewinnt der Online-Dating-Markt jede Stunde, jeden Tag an begeisterten Anhängern und hoffnungsvollen Besuchern. Doch wie ist dieser Andrang zu erklären?

Digitalisierung und Globalisierung – so heißen die beiden großen Trends des 21. Jahrhunderts, welche sich vor allem durch die großflächige Ausbreitung von Massen-medien durchsetzen konnten. Wir beschränken unsere Suche nach Produkten jeglicher Art heute nicht mehr auf die nähere Umgebung, es wird exportiert und importiert, von Kleidung bis zur Designer-Küche, also warum nicht mal ein Traummann? Der Schlüssel hierzu heißt World Wide Web und liegt bei über 96% der deutschen Bevölkerung mittlerweile schon im eigenen Zuhause. Besonders die jüngere Generation nutzt ihn, um mit Freunden aller Erdteile in Kontakt zu bleiben, Online-Games zu zocken, bequem auf der Couch zu shoppen oder schnell und einfach neue Kontakte zu knüpfen (vgl. Martyniuk 2013, S.95).

Neben dem Internet braucht es zum Erfolg noch einen weiteren Hauptakteur: den Online-Dater. Dieser erweist sich als wahres Multitalent unseres Marktes und fungiert gleichzeitig als Produkt und Einkäufer. In der Werbung propagiert und laut Studien auch realisiert wurde das perfekte Profil des „klassischen“ Online-Daters. So sind besonders junge, gut verdienende Männer (3% mehr männliche als weibliche Nutzer (vgl. Statista 2017)) mit akademischem Hintergrund vorzufinden, welche über viele soziale Kontakte und außer-gewöhnliche Freizeitaktivitäten verfügen (vgl. Kaufmann 2011, S.12). Auf der Suche nach einer festen Beziehung nutzen sie ihre Internet-Kenntnisse und optimieren auf diese Wei-se ihre Chancen auf dem Partnermarkt (vgl. Zillmann 2016, S.62).

Nachdem das Grundgerüst des Online-Marktes steht und auch die Regale gefüllt sind, gilt es nun für einen kontinuierlichen Fluss an Angebot und Nachfrage zu sorgen. Hierfür spielt auch der Online-Partnermarkt mit der menschlichen Psyche und den Hoffnungen und Wünschen der potentiellen Zielgruppe.

Die perfekte Illusion

Knackiges Gemüse und frisches Brot – in Werbespots von Supermärkten und auf den Verpackungen der jeweiligen Lebensmittel präsentiert sich das Produkt von seiner allerbesten Seite und dank Photoshop und Co wird suggeriert, ja das ist es, die perfekte Ware. Nach dem Auspacken zerplatzt diese perfekte Illusion meist sehr schnell. In ähnlicher Weise arbeiten auch die Bilder von und in unserem Online-Dating-Markt. Große Gefühle, außerordentliche Fähigkeiten und perfekte Lebensweisen werden in den Werbespots großer Online-Dating-Portale nahezu penetrant in den Vordergrund gerückt. Durch das Demonstrieren von romantischen Paarbeziehungen zwischen nahezu vollkommenen Part-nern, soll in den Usern die Befürchtung entstehen, solche makellosen Personen nur auf dieser Plattform antreffen zu können (vgl. Illouz 2012, S.411).

Das Spiel um das Glück

Fasziniert stehen wir vor den Regalen mit Tausenden an Produkten und suchen das Wahre. Das eine Produkt, welches für uns geschaffen ist und all unsere Wünsche in sich ver-eint. Mit den Augen werden die Produkte überflogen, immer wieder negiert, bis wir das Richtige finden. Ein im Alltag stets erprobter Bewegungsablauf, den berühmte Dating-Plattformen wie „Lovoo“ oder „Tinder“ schon längst für sich gewinnen konnten. Durch die Entwicklung des „Match“-Spiels wird den Usern das Gefühl der Macht vermittelt. Die Macht selbst entscheiden zu können, wen wir mit einem Kreuz bestrafen oder mit einem Herzen belohnen und somit die Chance gewähren, uns kennenzulernen. Es grenzt an ein Glücksspiel um das große Glück. Eine vorschnelle Zuckung des linken Zeigefingers auf das bedrohlich rot wirkende Kreuz und schon verschwindet der Traummann unauffindbar in die letzte Ecke des Partner-Regals. Ein wahrer Nervenkitzel der Extraklasse!

Die Suche nach der altbekannten Neuheit

Betrachtet man das schier grenzenlose materielle Angebot in unserer schier grenzenlosen Welt so wird eines offensichtlich: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Wir suchen das Abenteuer, probieren Dinge aus und wagen uns an Neuigkeiten heran und doch benötigen wir unsere Routinen. Gehen wir einkaufen, so greifen wir meist zu den bekannten Produkten, sie bieten keine neuen Erlebnisse und doch sind wir uns sicher, dass uns der Geschmack auch nicht enttäuschen wird, haben wir es doch schon unzählige Male vorher probiert. Betrachten wir unseren Online-Dating-Markt, so wird mit dem ersten Blick bewusst: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Das schier unendliche Sortiment lässt uns staunen und überfordert zugleich (vgl. Zillmann 2016, S.72). Ist es nicht auch mal angenehm über unseren Tellerrand, unser soziodemographisches Umfeld, den Freundeskreis und die Arbeitsstätte hinauszublicken (vgl. Skopek 2012, S.77) und Menschen kennenzulernen, die wir zuvor nie getroffen hätten? Erhöht dieses Angebot nicht sogar die Chance den einen Traummann zu finden? Gerade als wir unseren Einkaufswagen in ungeahnte Abteilungen lenken wollen, greifen die Routinen ein und lassen uns die Filterangebote dieser Dating-Portale nutzen. Diese helfen uns dabei, unserer Vorstellungen über den perfekten Partner auch im Online-Partnermarkt zu verwirklichen. Denn der Mensch sehnt sich nach Abenteuer und Neuheiten, doch vielmehr braucht der Mensch auch eingeübte Routinen und althergebrachte Verhaltensweisen, um im Alltag nicht durch lauter neuer Situationen überfordert zu sein. Die ersten Nachrichten und Treffen mit einem potentiellen Partner grenzen an ein spannendes Abenteuer, doch nach einiger Zeit braucht es doch wieder die Ruhe und Routine des Alltags, um diese Eindrücke verarbeiten zu können.

Das schnelle Ende

Am Ende des langen Weges durch den Markt scheinen wir es gefunden zu haben, das perfekte Produkt. Wir legen es in unseren Einkaufswagen und beginnen uns auf seinen Genuss zu freuen. Doch dann, ganz versteckt, entdecken wir ein Weiteres, was in seiner Form oder seinen Verheißungen noch viel besser zu passen verspricht. Ohne zu zögern, beginnen wir die beiden Produkte zu tauschen. Während das eine nun die Ehre hat in unserem Gedanken bereits verspeist zu werden, so wandert das andere sofort zurück, an seinen Platz neben all den anderen scheinbar perfekten Produkten.

Auch im Online-Dating gibt es diese „erleichterte Exit-Option“ (Martyniuk 2013, S.113). Durch das reine Schreiben, die Anwesenheit des anderen als reine Nachricht auf dem Smartphone, wird ein Kontakt leichter auf-, aber vor allem schneller abgebaut. Durch eine Antwortverweigerung (vgl. a.a.O.) oder der Einschränkung von Umfang, Schnelligkeit ebendieser werden Kontakte binnen Sekunden beendet, in der Gewissheit für das Gegen-über, auch auf Grund von ungenauen oder falschen Angaben nicht mehr auffindbar zu sein.

Betrachten wir ein letztes Mal unseren Online-Dating-Markt: Er hat perfekte Produkte, ein übergroßes Angebot in den Regalen, erzeugt die perfekte Illusion und ermöglicht den Kunden die Warenrückgabe.

Und genau hier liegt auch das Erfolgsgeheimnis des Online-Datings: Nach der spannenden und langen Reise durch den Supermarkt der Liebe, stehen wir mit dem perfekten Produkt an der Kasse, in der Gewissheit es nun aus seiner Gefangenschaft als einsamer Single in einem Regal voller weiterer einsamer Singles befreien und mit nach Hause und in die Zukunft nehmen zu dürfen.

Eigentlich also die perfekte Form der Partnersuche, oder?

 

Quellen

Illouz, Eva (2012): Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung. Berlin: Suhrkamp

Kaufmann, Jean-Claude (2011): Sex@mour. Wie das Internet unser Liebesleben verändert. Konstanz: UVK

Martyniuk, Urszula (2013): Sexuelle Erfahrungen von Jugendlichen im Web 2.0. In: Matthiesen, Silja (Hg.): Jugendsexualität im Internetzeitalter. Eine qualitative Studie zu sozialen und sexuellen Beziehungen von Jugendlichen. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Skopek, Jan (2012): Partnerwahl im Internet. Eine quantitative Analyse von Strukturen und Prozessen der Online-Partnersuche. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Statista (2017): Anteil der Nutzer von Dating-Webseiten oder -Apps nach Geschlecht in den USA im Jahr 2015,  aufgerufen am: 24.07.2017

Zillmann, Doreen (2016): Von kleinen Lügen und kurzen Beinen. Selbstdarstellung bei der Partnersuche im Internet. Wiesbaden: Springer VS

 

Über die Autorin

Mein Name ist Julia Schneider und ich studiere im 4. Semester Soziologie im 1-Fach Bachelor an der FAU.

Mit diesem Blogbeitrag möchte ich das gerade in den letzten Jahren unter jungen Erwachsenen sehr präsente Thema des Online-Datings aus einem soziologischen und somit wissenschaftlichen Blickwinkel betrachten. Dabei ist es besonders spannend einen Blick hinter die Fassade offenkundiger Handlungsweisen auf verborgene Beweggründe und gesellschaftliche Werte und Normen zu werfen.

 

2 Kommentare zu “Alle 11 Sekunden ein Partner mit Niveau – die Erfolgsgeheimnisse des Online-Partnermarkts

  1. Sabrina Roppelt sagt:

    Ob es sich beim Online-Dating um die perfekte Wahl bei der Partnersuche handelt ist fraglich.
    Einerseits ist es möglich ein großes Quantum an „Angeboten“ zu durchforsten und Leute kennenzulernen, die man so vielleicht nicht kennengelernt hätte.
    Andererseits finde ich, dass es unser „Wegwerf-Verhalten“ unterstütz. So wie wir Geräte wegwerfen, wenn sie kaputt sind und uns ein Neues kaufen anstatt es zu reparieren, ist es doch auch einfacher den aktuellen Freund loszuwerden und sich schnell einen neuen zu suchen, was dank Internet ja flott geht, anstatt an einer Beziehung zu arbeiten und diese wieder zu reparieren.
    Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Vorteile des Online-Datings sehe, man sich aber auch über die Nachteile bewusst sein muss, die dieses mit sich bringt.
    Ich fand den Beitrag sehr interessant und informativ.

  2. Sarah-Lorena Dilger-Klett sagt:

    Kontakt zu Menschen aufnehmen zu können, die ebenfalls den Wunsch nach einer festen Partnerschaft haben und denen man durch Zufall wohl kaum begegnen würde – eigentlich klingt es tatsächlich nach einer vielversprechenden Möglichkeit der Partnersuche. Dennoch spricht selten jemand offen darüber, dass er diese Möglichkeit nutzt. Zugeben, dass man sich auf Online-Dating Seiten tummelt, tun die meisten erst dann, wenn sie ihren „Kauf“ bereits getätigt haben und davon überzeugt sind, dass es kein Fehlkauf war. Andere überlegen sich eine romantische Story, die sie Freunden und Familie erzählen, wenn es darum geht, wie man den neuen Partner denn kennengelernt hat. Online-Dating scheint trotz vieler Vorteile in unserer Gesellschaft nicht gerade hoch angesehen…

    Dieser Artikel trifft es wohl auf den Punkt: Das skurrile daran ist tatsächlich die Masse des Angebots und das damit einhergehende Konsumverhalten der Partnersuchenden. Der Vergleich der Online-Partnersuche mit dem Einkaufserlebnis im Supermarkt beschreibt treffend das, worüber so häufig diskutiert wird und hat mich darüber hinaus einige Male zum Lachen gebracht!

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