Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Make Germanistik great again – eine sprachwissenschaftliche Analyse von Donald Trumps Antrittsrede

Was nützt das Wissen um Rhetorik?

Wir erleben aktuell eine Welle des Populismus` in der Politik, auf der auch Donald Trump reitet. Sprache ist dabei ein wichtiges Mittel. Aber nicht nur im Populismus, sondern in der Politik allgemein sind Sprache und Rhetorik wichtige Elemente. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Trump oft als impulsiv und unkontrolliert dargestellt (vgl. Frumkina 2017; von Marschall 2017). Seine Reden – wie auch andere wichtige politische Reden – sind jedoch wohl überlegt. Dies möchte ich mit der folgenden sprachwissenschaftlichen Analyse von Trumps Antrittsrede festmachen. Insofern zielt dieser Beitrag darauf ab auch das allgemeine Bewusstsein für die Allgegenwärtigkeit von Sprache zu schärfen und im weiteren Sinne auch zu zeigen, was dabei die Germanistik leisten kann.

Die Bedeutung von Rhetorik

Rhetorik ist die Kunst des Sprechens oder der öffentlichen Rede mit bestimmter Wirkungsintention (vgl. Braungart/Dietmar 2003). Im Studium der Germanistik behandelt man bei der sprachwissenschaftlichen Analyse von Texten vor allem die rhetorischen Figuren oder auch Stilmittel. Beispiele für Stilmittel sind die Parataxe (Reihung kurzer Hauptsätze), Hyperbeln (Übertreibungen), Klimax (steigernde Aufzählung) und Parallelismen (paralleler Satzbau) (vgl. Lausberg 1990). Mit diesen Mitteln wird die Macht der Sprache zur Entfaltung gebracht und es soll eine zielgerichtete Belehrung und Beeinflussung des Zuhörers erreicht werden. Macht der Sprache meint, dass durch Sprache die Rezipientenwahrnehmung beeinflusst werden kann. Geschicktes Sprechen bietet die Möglichkeit den Zuhörer zu kontrollieren und seine Meinungsbildung zu beeinflussen (vgl. Klein 2010). Für den Populismus ist in diesem Sinne die Einfachheit der Sprache und der Argumentationen stilistisch. Dadurch wird die Verständlichkeit verbessert. Zudem werden Vereinfachungen und provokante Übertreibungen zur Emotionalisierung der Rezipienten eingesetzt (vgl. Decker/Lewandowsky 2009).

Rhetorik als Macht- und Manipulationsinstrument bei Donald Trump

Nun hat Donald Trump entgegen jeglicher Vorhersage die amerikanische Präsidentschaftswahl gewonnen. Dass dies auch an seinem sprachlichen Stil liegt, bei dem er sich die oben beschriebenen Aspekte und Stilmittel zu Nutze macht, soll mit der folgenden Analyse seiner Antrittsrede vom 20. Januar 2017 verdeutlicht werden.

I – Parallelismus

Washington flourished – but the people did not share in its wealth. Politicians prospered – but the jobs left and the factories closed. The establishment protected itself, but not the citizens of our country.“ (Trump 2017: Inaugural Adress)

Ein Parallelismus bezeichnet einen Satz oder Teilsätze mit gleichem Aufbau und dient dazu, etwas besonders eindringlich und einprägsam darzustellen (vgl. Lausberg 1990). Mit dieser dreimaligen Wiederholung der syntaktischen Struktur wird die Aussage des Satzes besonders einprägsam. Diese Passage kreiert durch einen zusätzlichen inhaltlichen Parallelismus drei Gegensatzpaare, die eine im Populismus weitverbreitete „Wir-gegen-die-da-oben-Konstruktion“ aufbaut. Dem Wohlstand der einen wird die Armut der anderen direkt gegenübergestellt und zeitgleich direkt damit in Zusammenhang gebracht. Damit geht der syntaktische mit dem inhaltlichen Parallelismus einher, was die Botschaft besonders deutlich macht.

II – Kombination von Stilmitteln zur Emotionalisierung und Verstärkung der Gesamtwirkung

„But for too many of our citizens, a different reality exists: Mothers and children trapped in poverty in our inner cities; rusted-out factories scattered like tombstones across the landscape of our nation; an education system, flush with cash, but wich leaves our young and beautiful students deprived of knowledge; and the crime and gangs and drugs that have stolen too many lives and robbed our country of so much unrealized potential.“ (Trump 2017)

Diese Passage umfasst eine Aufzählung zahlreicher Missstände des Landes, die eine übertrieben negative Darstellung schafft. Dies wird durch die Verwendung mehrere Hyperbeln verdeutlicht. Eine Hyperbel bezeichnet eine besonders übertriebene Aussage, die entweder durch eine Wortkombination oder durch einen ganzen Satz dargestellt werden kann (vgl. Lausberg 1990).  Sie dient dazu, etwas besonders zu betonen und dramatisierend darzustellen und zielt damit letztendlich auch auf die Emotionalisierung der Zuhörer ab. In dem vorliegenden Beispiel wird dazu mit besonders emotional aufgeladenen Wörtern gearbeitet. Mütter und Kinder in Armut, verfallene Firmen als Grabsteine, junge und schöne Studenten, Kriminalität und Drogen. All dies ruft Verlustängste hervor und spricht damit die Emotionen der Zuhörer an. Natürlich ist die Realität nicht so dramatisch, aber diese Übertreibungen nutzen die bestehenden Ängste aus und bestätigen sie. Neben Hyperbeln kommt hier auch das Stilmittel der Parataxe zum Einsatz. Als Parataxe wird die Reihung einzelner kurzer Hauptsätze bezeichnet, was die Funktion erfüllt, Informationen zu verknappen und durch eine einfache Struktur das Verständnis zu erleichtern (vgl. Lausberg 1990). Im vorliegenden Beispiel werden diese Funktionen geschickt genutzt, um den Abschnitt in seiner dramatischen Gesamtwirkung zu verstärken, da auf diesem Wege keine weiteren Ausführungen zu den aufgestellten Behauptungen folgen müssen und diese vom Zuhörer als unumstößliche Fakten wahrgenommen werden. Auch das Stilmittel der Klimax, also die steigernde Aufzählung (vgl. Lausberg 1990), kommt hier zur Anwendung, da der gesamte Abschnitt mit einem Bezug auf das Gesamtpotential des Landes endet, nachdem zuvor einzelne Aspekte angesprochen wurden. Damit wird diese zentrale Aussage besonders in den Fokus gerückt und suggeriert dem Zuhörer besonders deutlich, dass etwas falsch läuft im Land und es viel mehr Möglichkeiten gäbe, eine bessere Zukunft für Amerika zu schaffen. Das zeigt, dass eine Kombination von Stilmitteln eine besonders prägnante Wirkung erzielen kann.

„Make America great again“ (Trump 2017). Den zentralsten und wohl auch prägendsten Ausspruch seiner Rhetorik stellt Trump ans Ende seiner Rede. Der Schluss ist parallel, parataktisch und als Klimax aufgebaut.

Together, we will make America strong again. We will make America wealthy again. We will make America proud again. We will make America safe again. And, Yes, together, we will Make America Great Again. (Ebd.)

Alleine die enorme mediale Verbreitung dieser Aussage auf der ganzen Welt zeigt die rhetorische Kraft.

Wie bereits eingangs erwähnt, ist Sprache immer wichtiger Baustein in der Politik und wird nicht nur im Populismus genutzt. Das vorliegende Beispiel zeigt, dass Trump Sprache bewusst einsetzt und mit populistischen Elementen verbindet. Donald Trump und seinem Team sind diese Zusammenhänge also bewusst. So wie diese stammen nämlich auch zahlreichen weiteren Reden aus dem Wahlkampf aus der Feder des radikal konservativen Politikberaters Stephen Miller, dem ein ausgezeichnetes Talent zum Reden und Redenschreiben sowie ein messerscharfer Verstand nachgesagt werden (vgl. Colvin 2017). Auch er wird um die Nützlichkeit der Rhetorik wissen und es ist ihm gelungen dieses mit den radikalen Aussagen Trumps zu verbinden und in die Form einer politischen Rede zu strukturieren.

Was nützt nun diese sprachwissenschaftliche Analyse und das Wissen um Rhetorik?

Durch diese Analyse und das Wissen um Rhetorik kann man sich objektiver mit dem Phänomen des Populismus` auseinandersetzen und kann sich vor der Manipulation durch geschickte Sprache schützen. Ohne die Kenntnis über Rhetorik ist die Anfälligkeit für diese sprachlichen Mittel größer, da die Wirkungsintention hinter den Aussagen häufig nicht bedacht wird. Man ist empfänglicher für solche Reden und verliert ein Stück Selbstkontrolle über seine eigene Meinungsbildung. Umgekehrt zeigt dies aber auch, dass das Wissen um Rhetorik und ihre Auswirkungen dabei helfen kann, dieses für sich selbst zu nutzen und die eigene Position in einem Gespräch zu verbessern. Die Bewertung der Rhetorik Trumps und ihres Erfolgs bleibt natürlich letztendlich jedem selbst überlassen. Es geht nicht immer um Wahrheitsvermittlung, sondern häufig ums Überreden und Überzeugen. Daher kann man Rhetorik auch negativ bewerten. Dazu abschließend noch ein Zitat meines Großvaters als kritischer Denkanstoß: „Es ist nicht immer wichtig, was man sagt, sondern es ist viel wichtiger, wie man es rüberbringt.“ Donald Trump könnte man hier wohl als Beispiel anführen.

Über den Autor:

Ich studiere Politikwissenschaft und Germanistik im 6. Semester an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ich stehe oft der Frage gegenüber, was ich eigentlich mit meinem Studium vorhabe und was mir das beruflich bringt. Diese Frage und mein persönliches Interesse an der politischen Rhetorik haben mich zu diesem Beitrag bewegt, in der Hoffnung zeigen zu können, dass es bei meinem Studium um mehr geht als die bloße Qualifizierung für spätere Berufe.

Quellen:

Braungart, Georg / Till Dietmar (2003): Rhetorik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Band 3. Berlin, de Gryter. S. 290-295.

Colvin, Jill (2017): Der Mann hinter Trumps Rhetorik. Online unter:  http://www.heute.de/reden-schreiber-stephen-miller-steckt-hinter-donald-trumps-rhetorik-46356808.html. Abgerufen am 18.06.2017.

Decker, Frank / Marcel Lewandowsky (2009): Populismus. Online unter: http://www.bpb.de/41192/-was-ist-rechtspopulismus?p=all. Abgerufen am 18.06.2017.

Frumkina, Natalia (2017): Trump, wie er trampelt und rempelt. Online unter: https://www.tagesschau.de/ausland/trump-1169.html. Abgerufen am 20.07.2017.

Klein, Josef (2010): Sprache und Macht. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, hg. von Bundeszentrale für politische Bildung, Nr. 8/2010. S. 7-13.

Lausberg, Heinrich (1990): Elemente der literarischen Rhetorik. Ismaning, Max Hueber Verlag.

Trump, Donald (2017): The Inaugural Adress. Online unter: https://www.whitehouse.gov/inaugural-address. Abgerufen am 18.06.2017.

Von Marschall, Christoph (2017): US-Präsident Trump wird nicht so schnell stürzen. Online unter: http://www.tagesspiegel.de/politik/russland-affaere-us-praesident-trump-wird-nicht-so-schnell-stuerzen/19910770.html. Abgerufen am 20.07.2017.

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2 Kommentare zu “Make Germanistik great again – eine sprachwissenschaftliche Analyse von Donald Trumps Antrittsrede

  1. Jack Ü sagt:

    Eine wirklich detailreiche Reflexion des Themas, die durchaus neue Eckpunkte in einer durch zu viele einschlägige Artikel, Kommentare und Analysen abgeschliffenen Diskussion zu setzen weiß. Beeindruckend!

  2. Matthias Kränzler sagt:

    Sehr gute und ausführliche sprachwissenschaftliche Analyse der Antrittsrede von Donald Trump. Entgegen der intuitiven Erwartung hat die meist sehr provokante und polarisierende Art seiner Reden eine enorme Menge an sprachlichen Mitteln. Jeder Satz in seinen Reden ist wohl überlegt und wird gezielt eingesetzt. Deshalb sind Analysen eine wichtige Komponente, um Intentionen – die sich geschickt hinter Provokationen verstecken – zu entlarven.

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