Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Ist das Buch vom Aussterben bedroht?

Ich studiere Buchwissenschaft an der FAU, mein Ziel ist es später einen Arbeitsplatz in der Buchbranche, z. B. in einem Verlag zu finden. Wenn ich das z.B. Bekannten meiner Eltern erzähle, wird mir oft gesagt, dass das doch keine Zukunft hat, da immer weniger Leute Bücher lesen, die Buchhandlungen schließen und das Ganze somit ein absterbender Zweig ist. Ich möchte in diesem Beitrag meine Meinung zur aktuellen Situation zum Ausdruck bringen. Meiner Meinung nach wandelt sich das Buch, entwickelt sich weiter und passt sich an die neuen Begebenheiten an, wie es das schon oft getan hat im Laufe seiner Jahrtausende andauernden Geschichte.

Das Buch hat im Laufe seiner Geschichte schon viele Entwicklungen durchgemacht: So wurde bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. die Schriftrolle von einer Frühform des Buches, dem Kodex, langsam verdrängt, er besaß einen festen Einband und Seiten zum Umblättern. Im Frühmittelalter wurden in klösterlichen Skriptorien Bücher kopiert, als Mittel der Meditation und zur Bewahrung des Wissens. 1450 erfand Johannes Gutenberg eine Buchpresse, bei der mit Hilfe von beweglichen Lettern gedruckt werden konnte. Durch die Buchpresse war es möglich Bücher billig in hoher Auflage zu drucken, was sich als wegweisend für die Entwicklung des modernen Buchhandels gezeigt hat.[1]

Das Buch besteht in seiner Form, wie wir sie kennen, schon seit weit über 1600 Jahren. Im Laufe dieser Zeit hat sich die Art der Herstellung vom mühseligen Abschreiben per Hand über Druckerpressen hin zum digitalen Druck verändert. Genauso wie die Art der Distribution sich von fahrenden Händlern, die mit einem Wagen durch die Lande zogen, sich hin zu modernen Ladengeschäften und dem Onlinehandel entwickelt hat. Die Geschichte zeigt, dass sich das Buch und sein Umfeld immer verändert und angepasst haben und man davon ausgehen kann, dass dies auch jetzt und in Zukunft geschehen wird.

Der Wandel, der sich zurzeit aufzeigt, betrifft sowohl den Vertriebsweg als auch die Erscheinungsform des Buches. Die Sortimentsbuchhandlungen haben einen immer schwereren Stand, sie stellen zwar noch immer den wichtigsten Vertriebsweg des Buchhandels dar, jedoch ist ihr Umsatzanteil alleine im letzten Jahr um über 3,5 % gesunken. Somit hat der Sortimentsbuchhandel im Jahr 2015 4.427 Mio. Euro eingenommen, was über 48,2 % des Gesamtumsatzes von 9.188 Mio. Euro darstellt. Dafür ist der Umsatzanteil des Onlinehandels um 12 % auf 1.602 Mio. Euro gestiegen. Einen immer größeren Stellenwert nehmen dabei auch die sogenannten Multichannel-Händler[2] ein, die ihre Kunden über mehrere Vertriebskanäle erreichen. Allein auf die Online-Marktplätze, wie Amazon oder ebay, entfällt die Hälfte des im Internet erwirtschafteten Umsatzes, also über 25 Millionen Euro.[3] Auch der Anteil der E-Books am Gesamtumsatz ist in den letzten Jahren auf 4,5 % gestiegen.[4]

Um diesen digitalen Zeiten begegnen zu können, suchen Universitäten und Unternehmen der Buchbranche nach einer Lösung. In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Alexander Universität haben verschiedene Firmen einige Lösungsansätze erarbeitet, die sich in der Studie Publishing 4.0 niederschlagen. Diese sagt aus, dass sich der Trend von Hybridmedia zu Content-Services hinentwickeln wird, eine konsequente Kundenbindung ist essentiell für Publishing 4.0.[5] Die Nutzer sind gleichzeitig Prosumenten, also Produzenten und Konsumenten in einer Person, und der Wettbewerb wandelt sich zu Coopetion, was bedeutet, dass die Unternehmen gleichzeitig konkurrieren und kooperieren werden. Die Produktion und die Prozesse des Unternehmens werden vom Geschäftsmodell bedingt sein. Produktvarianten bis hin zu individuellen Medienprodukten und Services brauchen Automatisierung, Standardisierung und Geschäftsmodellierung. Die Inhalte müssen medienneutral, intelligent und maschinenlesbar aufbereitet werden. Die Geschäftsmodelle und -prozesse werden bausteinartig Modelliert und in einfacher Standardsprache verfasst. Es wird eine cloudbasierte und modulare IT für den gesamten Workflow vom Autor über die Redaktion bis hin zum Leser benötigt. Durch Publishing 4.0 kann man sich auf die permanente Veränderung von Kundenbedürfnissen, dem Wettbewerbsumfeld und den Geschäftsmodellen einstellen.[6]

Durch diese Maßnahmen sollen die Produktion, die Veröffentlichung und der Konsum von Büchern revolutioniert werden, damit das Buch auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt gegenüber anderen Medien.

Auf diesem Gebiet ist die Haufe-Gruppe ein großes Vorbild, bei ihnen handelte es sich um eine Unternehmensgruppe, die als Fachverlag früher mit Loseblattwerken gehandelt hat. Heute hat sie sich digitalen Produkten zugewandt. Sie vertreibt zum Beispiel Online-Dienste für Manager, Apps zur Buchhaltung und Internetportale für Steuerexperten. Ihre Nachfrage ist in den letzten Jahren stark gestiegen, deshalb hat sich ihr Umsatz in den letzten 20 Jahren um das sechsfache gesteigert, auf knapp 300 Mio. Euro.[7]

Der Carlsen Verlag ist im Bereich des Kinderbuches ein Vorreiter des Crossmedia-Publishings. Sie haben das LeYo-Buch entwickelt. Es handelt sich hierbei um ein Kinderbuch, das einerseits ganz normal gelesen werden kann, andererseits aber durch eine App zum Leben erweckt wird. So kann man auf der App zwischen verschiedenen visuellen und akustischen Optionen wählen, um z. B. Melodien abzuspielen oder sich vorlesen zu lassen. Die App orientiert sich dabei an in die Grafiken eingearbeiteten Hyperlinks und bietet den Kindern damit eine Erleichterung und Freude am Lesen.[8]

Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Buch nicht vom Aussterben bedroht ist, da der Gesamtumsatz des Buchhandels sich nur um gut ein Prozent verringert hat, jedoch die Umsatzanteile sich verschoben haben[9] was ein Indikator dafür ist, dass sich das Buch wandelt, wie auch schon in der Vergangenheit.

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Sabrina Roppelt und ich studiere Buchwissenschaft und Ökonomie im 6. Semester. Ich möchte mit diesem Blog-Beitrag über die aktuelle Lage am Buchmarkt informieren und einen kleinen Einblick in die Zukunft des Buches gewähren.


Quellen:

Andrews, Florian: Kaum bekanntes Terrain In: Börsenblatt des deutschen Buchhandels 184 (2017) Nr. 21.

Börsenverein des deutschen Buchhandels: Buch und Buchhandel in Zahlen 2016. Frankfurt am Main 2016

Janiz, Marion; Güntner Joachim: Das Buch vom Buch. 3. Auflage. Hannover 2017.

 

 

CC-BY-NC-ND

 

[1] Vgl. Janiz, Güntner 2007, S. 37, 46, 106.

[2] http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/119000/multi-channel-retailing-v5.html

[3] Vgl. Börsenverein des deutschen Buchhandels 2016, S. 9.

[4] Vgl. Börsenverein des deutschen Buchhandels 2016, S. 25

[5] http://www.buchwiss.uni-erlangen.de/forschung/projekte/publishing-40-chancen-anforderungen-konzepte.html

[6] Vgl. Andrews 2017, S. 19.

[7] https://www.haufe.com/vision/haufe-gruppe

[8] https://www.carlsen.de/leyo

[9] Vgl. Börsenverein 2016, S. 7.

3 Kommentare zu “Ist das Buch vom Aussterben bedroht?

  1. Anna-Sophie Bersenkowitsch sagt:

    „Bücher? Liest doch eh keiner mehr.“, ist ein Satz, den ich auch nur zu oft höre, wenn ich Leuten erzähle, dass ich Buchwissenschaften sudiere. Am liebsten würde ich ihnen dann gerne, genau deinen Beitrag in die Hand drücken. Denn wie du so schön zusammenfässt, ist das Buch bei Weitem noch nicht vom Aussterben bedroht, sondern erfindet sich nur gerade in einem anderem Format neu. Natürlich ist die Konkurrenz heutzutage höher als es früher der Fall war, dennoch mindert es nicht die Überlebenschancen des Buches. Zudem ist der Büchermarkt seit langer Zeit der stabilste Markt und seien wir ehrlich, dass mitunter anderem meist gekaufte Geschenk an Weihnachten ist das Buch. Tatsächlich ist es in meiner Sicht eher ein Wettlauf mit der Zeit, wie rasch sich das Buch dem heutigen digitalen Ansprüchen anpassen kann. Es gibt wie du in deinem Beitrag aufzeigst, jetzt schon viele Angebote, die nur noch weitestgehend optimiert werden müssen.
    Außerdem, und ich glaube mit dieser Meinung stehen ich nicht alleine da, wird es immer Leute geben, die sich mit einem guten Buch und einer Tasse ihres Lieblingsgetränks in ihren Sessel kuscheln.

  2. Phillip Schaper sagt:

    Als Freund des Mediums Buch bin ich nach diesem Beitrag doch guten Mutes, dass es auch in Zukunft immer Bücher geben wird, wie es sie schon immer gegeben hat. Ich finde es sehr interessant, dass hier verschiedene neue Wege aufgezeigt werden, die den Wandel des Buches am Puls der Zeit und neue Verbreitungswege aufzeigen. Crossmedia-Publishing bietet durchaus eine reizvolle Möglichkeit schon Kindern die Liebe zum Lesen und zum Buch als Medium leichter näherzubringen.
    Bei aller positiver Entwicklung lässt mich trotzdem die Frage nicht los, ob diese ganze Digitalisierung nicht die vielzitierte Seele eines Buches zerstört. Aber wahrscheinlich wird es auch dafür immer einen kleinen Markt geben, der diese Interessen bedient.

  3. Marissa Weber sagt:

    Prozente können ernüchternd sein, aber ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass das Aussterben des Buches mehr ein Mythos ist. (Vielleicht einer, der ähnlich wie das Argument für einen deutschen Sprachverfall darauf beruht, das bestimmte Bevölkerungsgruppen Wandel prinzipiell skeptisch gegenüberstehen? Früher war alles besser!). Im Falle der Sortimentsbuchhandlungen könnte natürlich noch angemerkt werden, dass deren Umsatzanteil nicht nur wegen einem häufig vorgeworfenem Interessenmangel an dem gedruckten Buch sinkt. z.B. haben viele Familienbetriebe im stationären Buchhandel schlicht ein Nachwuchsproblem & entscheiden sich dazu, ihr Unternehmen aufzulösen. Steigende Mietpreise können ebenfalls problematisch sein. Wie im Text schon genannt bilden sich jedoch natürlich ein paar Hauptprobleme hervor: Konkurrenz. Die Notwendigkeit, sich anzupassen. Aber das passiert auch; an manchen Ecken mehr, an manchen weniger. Sortimentsbuchhandlungen z.B. bieten heutzutage häufig ebenfalls die Möglichkeit, online zu bestellen (was die Umsatzanteile evtl. ein wenig irreführend machen könnte? Immerhin profitieren diese Buchhandlungen dann ja auch von anderen Absatzkanälen) oder fahren im Nebenhandel die Rack-Jobber Schiene. Crossmedia-Publishing und Publishing 4.0, oder auch Books on Demand setzen anderweitig an, sind aber auch klare Strategien um das Buchgeschäft ’schmackhaft‘ zu halten. In anderen Worten: Wird scho.

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