Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Wir sind relativ Mensch – Eine Vorstellung von Gender und dessen Ambivalenz

Mann und Frau, Tag und Nacht, Apfel und Birne. Dass die beiden Geschlechter einen fundamentalen Kontrast bilden, lässt sich schon aus den Langenscheidt-Wörterbüchern erahnen, die das Gesagte von Mann und Frau ins ‚Deutsche‘ – heißt, für das jeweilig andere Geschlecht verständlich – übersetzen. Zwei verschiedene Sprachen, zwei Welten, die in unserer Gesellschaft regelmäßig aufeinandertreffen. So wird es uns jedenfalls tagtäglich verkauft. Manchmal ganz pragmatisch in Form eines Ratgebers. Doch was bedeutet es überhaupt, Mann oder Frau zu sein?

Wenn von „den zwei Geschlechtern“ die Rede ist, mag es naheliegen, an Mann und Frau zu denken, doch Wissenschaften, die sich mit dem Thema Geschlecht befassen, haben etwas ganz anderes im Sinn: die Unterscheidung von zweierlei Kategorien des Geschlechts einer einzelnen Person. Das biologische Geschlecht (engl. sex) wird üblicherweise anhand von anatomischen Merkmalen bestimmt. Das soziale Geschlecht (engl. gender) dagegen – oder auch die Geschlechtsidentität – bildet einen Teil der Selbstidentifikation (nationalgeographic.com, Glover xxi). Das bedeutet nicht, dass das soziale Geschlecht nach Wunsch und Laune selbst gewählt werden kann. Vielleicht lässt jedoch alleine eine wissenschaftliche Differenzierung dieser Begriffe mögliche Abweichungen von Sex und Gender erahnen. Wäre das nun der Fall, müsste sich natürlich die Frage stellen, welches dieser Geschlechter der Realität entspricht. Eines? Beide? Keines? Kommt man ins Zweifeln, ob etwas, das einem so ‚natürlich‘ erschien, vielleicht gar nicht so natürlich ist, ist es oft ein ‚soziales Konstrukt‘, dem man auf die Schliche gekommen ist. Doch was ist ein soziales Konstrukt, wie kommen soziale Konstrukte zustande, was umfassen sie, und wie funktionieren sie?

Wenn ein Haus konstruiert wird, ist es meist von Vorteil, eine hohe Stabilität anzustreben. Es soll schließlich auch nach Vollendung noch einige Jahre stehen bleiben oder, im Optimalfall, weit darüber hinaus, bis es nicht mehr gebraucht wird. Ein soziales Konstrukt ist dem nicht unähnlich, kann es doch ähnlich wie ein Haus auf verschiedene Arten und Weisen stabiler gemacht werden und erfüllt einen konkreten Zweck.

Was sind also Zement und Stützpfeiler eines sozialen Konstrukts?

Gewohnt wird darin schließlich nicht. Allerdings können uns soziale Konstrukte ebenso selbstverständlich erscheinen wie die Annahme, dass Häuser für gewöhnlich Wohn- oder Aufenthaltsorte für Menschen darstellen. Und wie bei einem Haus bedienen sich auch soziale Konstrukte an zur Verfügung stehenden Baustoffen, die in unseren Köpfen schnell Assoziationen mit sich ziehen. Blau? Das wird die Zimmerfarbe für den Jungen. Pink, wenn es ein Mädchen ist. Ganz schön praktisch, diese Klarheit. Auf einem Farbspektrum lägen pink und blau nah beieinander, doch in unserer Gesellschaft transformieren sich die beiden Farben im Alltag schnell zu sich gegenüberstehenden Polen – das Gegenteil von ‚natürlich‘. Nicht nur Farben sind ‚Opfer‘ des Geschlechts. Kleidungsstücke, Hobbies, Schulfach-Interessen, Karrierelaufbahnen – sogar Nahrungsmittel-Vorlieben können ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ sein. Derlei ‚Tatsachen‘ als selbstverständlich hinzunehmen, hält die Konstrukt-Apparatur aufrecht.

Wenn eine Annahme von derlei Verbindungen nicht natürlich ist, warum fühlt sie sich dann so natürlich an?

Unsere Gesellschaft eicht uns früh darauf, was zu Mädchen oder Jungen ‚passt‘ und was nicht. Das kann durch direkte erzieherische Maßnahmen in Form von Kommentaren wie ‚Männer weinen nicht‘ oder ‚sitz nicht so breitbeinig, eine Dame macht das nicht!‘ passieren. Genauso alltäglich sind subtilere Verhaltensmuster wie Rollenverteilungen in Familien, Dresscodes auf Abschlussfeiern, oder auch Produktmarketing. So waren zum Beispiel die originalen Kinderüberraschungseier offensichtlich zu maskulin, um auch Mädchen zu schmecken.

Generell kann gesagt werden, dass das biologische Geschlecht einer Person von Geburt an als Anleitung dafür verwendet wird, wie sie zu behandeln ist und welche Erwartungen an sie gestellt werden (Springer 20). Ansichten darüber, was für eine Person geschlechtsgemäß richtiges oder falsches Verhalten ist, haben wir erlernt und verinnerlicht. Natürlich bauen wir Häuser vorzugsweise mit Zement und nicht mit Pudding. Das wäre irgendwie komisch, oder?

Es kommt noch komischer.

Dass ‚weibliches‘ oder ‚männliches‘ Verhalten erlernt wird, ist vielleicht noch akzeptabel. Sobald es jedoch um das biologische Geschlecht eines Menschen geht, wird es schwierig, an etwas anderes als ‚nur‘ Mann und Frau zu denken. Naturwissenschaften treffen klare Aussagen, könnte man meinen. Tatsächlich sind selbst D.N.A.-Ergebnisse oder Geschlechtsteile aus naturwissenschaftlicher Sicht keine eindeutigen Merkmale eines spezifischen Geschlechts. Bei den Olympischen Spielen gab es regelmäßige Fälle von Frauen mit ‚weiblichem Körper‘, die nach einem Geschlechtstest aufgrund von festgestellten XY-Chromosomen von der Veranstaltung ausgeschlossen wurden (McCabe 100-101). Gleichermaßen und strikt anatomisch gesehen werden nach Beurteilung der Intersex Society of North America in den U.S. jährlich über 2.000 Kinder geboren, denen alleine aufgrund ihres Körperbaus kein eindeutiges Geschlecht zugeordnet werden kann (McCabe 93-94).

Der Punkt ist: Selbst das biologische Geschlecht und ‚genderspezifische‘ anatomische Merkmale sind keine eindeutigen Anhaltspunkte zur Bestimmung eines Geschlechts, und die Tatsache, dass wir versuchen, Geschlechter trotz all dieser Faktoren strikt binär dem Begriff Mann oder Frau zuzuordnen, ist vielleicht das eigentlich Komische. Ein Spektrum, das diese Begriffe beinhaltet, aber weitere Optionen zulässt, könnte aus vielerlei Hinsicht praktischer sein.

Unser Geschlecht ist ein Theaterakt.

Wenn wir nun annehmen, dass ‚männliches‘ und ‚weibliches‘ Verhalten erlernt wird, und dass auch das ‚eindeutige‘ biologische Geschlecht entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse als Selbstverständlichkeit konstruiert wird, ist es fraglich, weshalb unser ‚Binärgeschlechter-Haus‘ so standfest ist.

Zum einen können wir trotz des Wissens über konstruierte Geschlechter auf deren Mechaniken angewiesen sein. Der Versuch, sein soziales Geschlecht zu bestätigen, greift häufig auf stereotypische Zuordnungen zurück. ‚Gender performance‘ – also die theatralische Aufführung eines Geschlechts – zieht seine Effektivität daraus, was uns und anderen Menschen als ‚natürlich‘ erscheint. Ein Individuum hat nicht ausreichend Einfluss, um die Begriffe Mann und Frau für eine Gesellschaft neu zu definieren und Assoziationen aufzudröseln und ist damit zur Konstruktion seiner Identität bis zu einem gewissen Grad auf die Bausteine angewiesen, die bereits etabliert sind. Dabei entspricht kein Mann zwangsläufig einem stereotypischen Macho-Image, und keine Frau einem ‚typischen‘ Schuhnarr. Vielmehr gibt es Nuancen von maskulinen und femininen Personen, welche auch gesellschaftliche Akzeptanz erfahren – bis sie von unserem Umfeld (oder auch uns selbst) als ‚zu sehr‘ das eine oder das andere wahrgenommen werden (Butler 525). Als Mädchen ‚eine von den Jungs‘ zu sein, Fußball zu spielen und sich für Comics zu interessieren kann ‚cool‘ sein, aber ein Bart wäre klar ‚too much‘, und wenn sie mal älter ist, sollte sie schon ‚reifer werden‘ und eine Familie gründen. Im Gegenzug ist an einem Mann, der kochen kann, ebenso wenig auszusetzen wie an dem Körperpflegetrend ‚für Männer‘ im heutigen Zeitalter (Lippenbalsam, for men. Endlich.) – aber bei Kleidern, Lippenstift, oder gar nur der Farbe pink am ‚männlichen‘ Körper scheint es manch einem schwer zu fallen, nicht zu kritisieren.

So oder so: Es ist zu erkennen, dass es ‚Abstufungen‘ gibt. Könnte jede Person auf Erden einem von zwei Charaktertypen zugeordnet werden, wäre das Kennenlernen von neuen Menschen ein wenig eintönig. Im Prinzip sind wir uns also bereits einer Art Spektrum bewusst, neigen aber dazu, besagte Nuancen weiterhin dem Binären unterzuordnen. Mit Grund, denn ein übermäßiges Biegen der etablierten Struktur kann Ausgrenzung, Kritik und andere Sanktionen bis hin zu Konversionsmaßnahmen (etwa zu versuchen eine betroffene Person auf verschiedene Arten und Weisen von der ‚Meinung‘ abzubringen, dass sie nicht in konventionelle Geschlechtervorstellungen passt) zur Folge haben. Sein ‚richtiges‘ Geschlecht ‚richtig‘ aufzuführen wird dagegen mit Akzeptanz belohnt (Butler 528). Wir können das Theater mitspielen; entweder aus Überzeugung oder aus Selbstschutz, und selbst beim ‚Dagegenspielen‘ noch immer Teil davon sein.

Was bedeutet ein Gender-‚Spektrum‘ für uns?

Wenn wir schon Theater spielen, läge es in unserem Selbstinteresse dies in einer Form zu tun, die mit unserer Selbstidentifikation und mit unseren Interessen übereinstimmt. Dem Umfeld eine ‚Show‘ darzubieten, nur um dieses zu beschwichtigen, wird in den verschiedensten sozialen Situationen erwartet, doch kann dies jedem von uns auf Dauer schaden. Selbstverwirklichung ist ein wichtiger Bestandteil eines menschlichen Lebens. Gender in Form eines Spektrums aufzuöffnen gibt den ‚traditionellen‘ Mann- und Frau-Personas die Freiheit, persönliche, nicht gender-konventionelle Interessen ohne Sanktionsgefahr nachzugehen und nicht-binären Personengruppen die Chance auf Akzeptanz, ohne sich verstellen zu müssen. ‚Mann und Frau‘ werden dabei nicht beeinträchtigt, schließlich bleiben sie beide innerhalb des Spektrums bestehen. ‚Gender Revolution‘, Evolution, oder Innovation? Wie auch immer: dem Thema ‚Gender‘ offener zu begegnen ist ein Projekt mit Potential.

 

About: Verfasst von Marissa Weber. Ich studiere Amerikanistik und Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Hinterfragen macht Spaß und Lust auf mehr.

 

Quellen:

Butler, Judith. “Performative Acts and Gender Constitution: An Essay in Phenomenology and Feminist Theory.” Theatre Journal, vol. 40, no. 4, 1988, pp. 519–531.

Glover, David and Kaplan, Cora. Genders. Routledge, 2000.

Henig, Robin Marantz. “How Science is Helping us Understand Gender.” National Geographic, Jan 2017. www.nationalgeographic.com/magazine/2017/01/how-science-helps-us-understand-gender-identity/.

McCabe, Linda L., et al. “Gender as a Spectrum, Not a Dichotomy.” DNA: Promise and Peril, 1sted., University of California Press, 2008, pp. 93–107.

Springer, Kristen. “How BioloGy SupporTs Gender As A SoCiAl ConsTruCTion.” Contexts, vol. 13,no. 4, 2014, pp. 20–22.

 

Bilderquelle: www.pixabay.com

(https://pixabay.com/de/frauen-m%C3%A4nner-menschen-menschliche-149577/

https://pixabay.com/de/%C3%BCberraschung-mann-frau-anmelden-161248/ )

2 Kommentare zu “Wir sind relativ Mensch – Eine Vorstellung von Gender und dessen Ambivalenz

  1. Julia Schneider sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel, über den man sicherlich auch nach dem Lesen noch nachdenken wird.
    Ich persönlich denke, dass es nicht möglich sein wird, den Begriff Mann oder Frau, komplett aus unserem Sprachgebrauch und vor allem nicht aus unserem Denken zu verbannen. Durch verschiedene Hormone und anatomische Unterschiede ist auf den ersten Blick erkenntlich, dass es zwischen den Geschlechtern Unterschiede gibt, welche sich zwangsläufig auf das alltägliche Leben, das Miteinander, und sogar auf unsere Gefühle auswirken. Natürlich gibt es immer wieder Menschen, welche sich im falschen Körper fühlen oder ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommen, aber diese Zahlen sind vergleichsweise gering, wenn auch hier gilt, dass sie nicht zu vernachlässigen sind.
    Im Endeffekt denke ich, dass der große Punkt an dem der Wandel ansetzen muss, darin liegt, dass die Akzeptanz gegenüber dem anderen Geschlecht und allem dazwischen steigt. Wir müssen lernen, dass ein Transgender genauso normal ist, wie ein männlicher Mann oder eine weibliche Frau. Dann beginnt die Zeit, in der Geschlecht keine übergeordnete Rolle mehr spielt.
    Ein wirklich gelungener Artikel!

  2. Hannah Röthlingshöfer sagt:

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen!
    Es ist interessant, dass in der heutigen Zeit, trotz der z.B. mittlerweile häufig in den Medien vertretenen Transgendern, immer noch so ein festgefahrenes Bild von Mann und Frau besteht. Vor allem, dass es sich bei dem ‚typischen‘ Verhalten um etwas rein Erlerntes handelt, regt sehr zum Nachdenken an. In Zukunft sollte vielleicht wirklich mehr auf eine gleiche Erziehung von Mädchen und Jungen gesetzt werden, ohne sie in bestimmte Kategorien zu zwingen. Die Möglichkeit das gut zu finden, was man eben gut findet und nicht was man gut finden soll, wird vielleicht sogar dazu führen, dass irgendwann keine Frau-Mann Mann-Frau Duden mehr notwendig sind 😉

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