Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Digital Divide – Das Internet als Wundermittel?

Ein Leben ohne Internet – ist das noch vorstellbar? Zumindest in Deutschland wird an Schulen, dem Arbeitsplatz und in den eigenen vier Wänden ein Anschluss an die Netzwelt und der damit verbundene Zugriff auf internetbasierte Webseiten als selbstverständlich angesehen. Digitale Kommunikationsformen sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Doch wenn man über den Tellerrand hinausblickt, sich mit politischen Debatten in anderen Regionen und Ländern der Welt befasst, wird schnell bewusst, dass andernorts ein Internetzugang keine Selbstverständlichkeit ist. Fest steht, dass der Anschluss an die virtuelle Netzwelt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Infrastruktur eines Landes spielt und das Internet bereits als menschliches Grundrecht betitelt wird.[1]

Wieso ist ein Internetanschluss so erstrebenswert?

Hierbei lohnt sich ein Blick auf die Erkenntnisse Roland Burkarts.[2] Dieser teilt die Funktion der Massenmedien in drei Sparten ein. Sie haben eine Informationsfunktion auf sozialer, politischer und ökonomischer Ebene. Die Chancenungleichheit wird somit als Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung, Bildung und Demokratisierungsaspekte gesehen. Das Internet wird dadurch zu einem Hoffnungsträger, welcher die Infrastruktur eines Landes in allen Bereichen zu unterstützen und voranzutreiben vermag. Mit dem Medium Internet wird somit auf ein Wundermittel gehofft, welches durch revolutionäres Potential befähigt wäre, die Entwicklungsländer aus der Krise zu retten.

Doch wie kam es dazu?

Mitte der 1990er Jahre wurde durch technische Errungenschaften der virtuelle Zugang am eigenen Heimcomputer populär. Die Informations- und Kommunikationstechnologie erfuhr dadurch einen neuen Antrieb. Der sich daraufhin zum Massenmedium etablierende Computer gewann an globalem Interesse und mit ihm auch das Internet. Mit diesen technischen Veränderungen wurden zahlreiche Debatten angestoßen. Es werden Vorteile und Nachteile ins Visier genommen, welche beispielsweise durch Effekte der Ungleichverteilung entstehen können. So kommt in den Diskursen auch zur Sprache: Welche Individuen werden von den angepriesenen Vorteilen, welche das neue Medium Internet mit sich bringen soll, ausgegrenzt, dadurch dass sie nur eingeschränkt darauf zugreifen können?

Mit der Expansion des Internets kam der Begriff „Digital Divide“ auf. Er definiert eine vorhandene Ungleichheit beim Zugang und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie.[3] Im deutschen Sprachgebrauch haben sich auch Umschreibungen wie „Digitale Spaltung“ und „Digitale Kluft“ durchgesetzt. Dabei wird die Definition vorwiegend auf das Medium Internet bezogen. Der Begriff legt eine Polarisierung nahe, welche die Gesellschaft in zwei Gruppen teilt: Zum einen gibt es die „Onliner“, welche die Ressource Internet nutzen, zum anderen die „Offliner“, welche das Medium, unbeachtet aus welchen Gründen, nicht nutzen.[4] Das darin implizierte Thema beschäftigt auf politischer Ebene ebenso wie in Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft. Politisch wird die Frage nach der Verantwortung laut, welche die Industriestaaten gegenüber den Entwicklungsländern haben, um ihnen bei einem Ausbau des Internetzugangs zu helfen. Wirtschaftlich interessiert, inwiefern es überhaupt lukrativ wäre, diese Wissenskluft zu eliminieren. Wissenschaftlich könnte man sich dahingegen mit fehlenden technischen Innovationen beschäftigen, die als Voraussetzung für eine Lösung des Konflikts nötig wären.

Dabei gibt es drei verschiedene Forschungsansätze im Bereich der Digital Divide-Debatte. Der erste Ansatz, welcher unter dem Aspekt des Zugangs forscht, setzt sich mit der Ungleichheit auseinander, welche durch den Zusammenhang des Mediums mit vorhandenen Zugangsbarrieren entsteht. Ist es überhaupt möglich, einen Internetanschluss in dem Untersuchungsgebiet zu realisieren? Oder gibt es neben dem finanziellen Aspekt kein persönliches Interesse an einer Nutzung? Wichtig ist dabei, wie Manuel Castells feststellte, dass ein vorhandener Internetzugang das Problem der Ungleichheit noch nicht löst, aber notwendige Voraussetzung für die Lösung des Konflikts ist.[5] Der zweite Forschungsstrang analysiert den Aspekt der Nutzung, indem er hinsichtlich der „Techniknutzung“, der „Nutzungskompetenzen“ oder aufgrund der „genutzten Internetinhalte“ Ungleichheiten analysiert. Sind die Nutzer überhaupt kognitiv in der Lage die gesehenen Inhalte durch Selektions- und Verstehensfertigkeiten zu verarbeiten? Der dritte und letzte Forschungsaspekt betrachtet die Wirkung und Folgen, welche sich aus den Zugangs- und Nutzungsklüften zusammenführend ergeben, und somit, welches Potential letztlich im Medium Internet gesehen wird. Die Definition von „Digital Divide“ beruht damit auf der Hypothese, eine Chancenungleichheit könne durch die unterschiedlichen Möglichkeiten des Informationsaustausches mit digitalen Medien hervorgerufen werden. Daran lässt sich erkennen, dass es sich bei der Digital Divide-Debatte nicht zwingend um eine Unterscheidung auf globaler Ebene handelt. Die Forschungsansätze können auch innerhalb einzelner Länder oder Regionen angewendet werden.

Doch in Gebieten mit geringer Netzdichte wird der Internetzugang durch die kostspielige Kabelverlegung verhindert, was unter den Aspekt der Zugangsforschung fallen würde. Vor allem in Entwicklungsländern ist dies der Fall.[6] Von dieser Tatsache machen viele Unternehmen, unter anderem Facebook und Google, Gebrauch. Wo Breitbandanschlüsse nicht umsetzbar sind, werden Pläne für Internet-Satelliten geschmiedet. Die Idee ist schön, doch die Umsetzung hat ihren Preis. So möchte Facebook beispielsweise Indien mit diesen Satelliten umfänglich an die Netzwelt anschließen.[7] Zusätzlich soll ein kostenloser Datenverkehr ermöglicht werden – allerdings nur für die eigene und einige ausgewählte Webseiten. Das führt dazu, dass der Zugriff auf ausgewählte Internetseiten beschränkt wird, der dem Freiheitspotential des Mediums Internet und der gewünschten Netzneutralität entgegenwirkt. So soll Informationsaustausch grundsätzlich ein wirtschaftliches Netz ermöglichen und stabilisieren und Demokratie fördern. Was passiert jedoch, wenn der Informationsaustausch auf gewisse Internetseiten begrenzt bleibt? So werden viele Fragen und kritische Stimmen laut, welche die Pläne Facebooks vorerst eliminieren.

 Wie sehr es sich beim revolutionären Potential des Internets vielmehr um ein Wunschdenken anstatt vorhandener Wirklichkeit handelt, bleibt somit Kern der Debatte. Schon unter der bloßen Betrachtung der Zugangsbarrieren wird deutlich, welches Ausmaß der Diskurs um die Digitale Spaltung beinhaltet. Wie selbstverständlich wir jedoch mit den strukturellen und technischen Möglichkeiten unseres Landes umgehen, wird dadurch noch viel deutlicher. Oder haben Sie sich schon einmal bewusst gefragt, was Ihnen durch das Internet alles ermöglicht wird?

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Johanna Riedle und ich studiere an der FAU Erlangen-Nürnberg Theater- und Medienwissenschaft und Soziologie.

 

Quellen

Arnhold, Katja. (2003). Digital Divide (Bd. 10). (P. Rössler, Hrsg.) München: Verlag Reinhard Fischer.

Hettich, Nils. (2008). Internetzugang für Schulen in Entwicklungsländern. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller.

Zillien, Nicole., & Haufs-Brusberg, M. (2014). Wissenskluft und Digital Divide (Bd. 12). Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Spiegel Online (8. Februar 2016). Indien verbietet Facebooks kostenlosen Internet-Service. Abgerufen am 2. Juli 2017 von Spiegel Online-Webseite: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/netzneutralitaet-facebook-kostenlose-internet-service-in-indien-verboten-a-1076285.html

Statista (2016). Anteil der Haushalte mit Internetzugang nach Region weltweit von 2005 bis 2016. Abgerufen am 2. Juli 2017 von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/699821/umfrage/anteil-der-haushalte-mit-internetzugang-nach-region-weltweit/

Wünsch, S. (15. Februar 2013). BGH: Internet ist ein Grundrecht. Abgerufen am 2. Juli 2017 von DW-Webseite: http://www.dw.com/de/bgh-internet-ist-ein-grundrecht/a-16549914

 

CC – BY – NC – ND

[1] s. Artikel auf: http://www.dw.com/de/bgh-internet-ist-ein-grundrecht/a-16549914

[2] s. Burkart, 1998  zitiert in Arnold, 2003, S. 33

[3] s. Hettich, 2008, S.1

[4] vgl. Zillien & Haufs-Brusberg, 2014, S. 77

[5] vgl. Castells, 2005 zitiert in Zillien & Haufs-Brusberg, 2014, S. 77

[6] s. Grafik auf: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/699821/umfrage/anteil-der-haushalte-mit-internetzugang-nach-region-weltweit/

[7] s. Artikel auf: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/netzneutralitaet-facebook-kostenlose-internet-service-in-indien-verboten-a-1076285.html

3 Kommentare zu “Digital Divide – Das Internet als Wundermittel?

  1. Paula Menzel sagt:

    Ein wirklich interessantes Thema, dem mehr Aufmerksamkeit gebühren sollte. Auch an mir selbst kann ih beobachten, wie selbstverständlich ich das Internet nutze und es unzählige meiner Lebensbereiche durchdringt. Schnell wird deutlich, dass es Individuen gibt, die von der Nutzung ausgegrenzt bleiben. Wie viel Potential steckt nun wirklich im Medium Internet? Es wäre aufschlussreich ein bereits gelungenes Projekt, bei welchem ein Entwicklungsland umfänglich an die Netzwelt angeschlossen wurde, untersuchen zu können. Dadurch ließe sich erst eindeutig feststellen, wie groß der Nutzen der Vernetzung tatsächlich ist. Es bleibt also ein aktuelle Thema, welches mit Spannung verfolgt werden kann.

  2. Sabrina Roppelt sagt:

    Ich finde das Thema Ditgital Divide wichtig und diskussionswürdig.
    Einerseits bietet das Internet, vor allem für Menschen in Entwicklungsländern Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung. Zum Beispiel durch Mooc’s, (Massive Open Online Courses), die kostenlose Online-Kurse auf Universitätsniveau anbieten, von denen jeder profitieren kann. Auch durch andere Internet-Portale kann man kostenlos Fertigkeiten und Qualifikationen erlangen, die nicht nur, aber auch für Menschen in Entwicklungsländern essentiell sind und eine Aufstiegschance darstellen.
    Andererseits sehe ich hier auch ein ökonomisches Problem, wenn man Menschen das Internet im Allgemeinen kostenlos zur Verfügung stellt. Was sollte dann Telekommunikationsunternehmen dazu motivieren, es zur Verfügung zu stellen und weiterzuentwickeln. Zudem könnte es zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung führen, wenn man z.B. in Indien kostenloses Internet gestellt bekommt, man in Deutschland dagegen dafür bezahlen muss.

    Wie bereits oben erwähnt, finde ich es wichtig über das Thema zu diskutieren, jedoch besteht hier eindeutig noch Bedarf an Verbesserungen und Weiterentwicklung, jedoch ist alleine schon die Tatsache, dass darüber diskutiert wird, ein Schritt in die richtige Richtung.

  3. Matthias Kränzler sagt:

    Sehr ausführliche und gute Betrachtung des Themas ‚Digital Divide‘ mit Aufführung von verschiedenen Aspekten. Der Nutzen des Internets ist sehr groß, ohne großen Aufwand kann mit jedem weiteren Nutzer des Internets kommuniziert werden – selbst wenn die andere Person auf der anderen Seite des Planeten wohnt. Bilder aus dem Urlaub können kurz nach der Aufnahme an Freunde und Familie geschickt werden. Allerdings gibt es, wie im Beitrag bereits erwähnt, nicht überall Zugang zum Internet. Die Beseitigung von Zugangsbarrieren soll durch verschiedene Projekte gelöst werden. Ein Beispiel hierfür ist ‚Project Loon‘ der Alphabet Inc – besser bekannt als das Unternehmen um Google. Bei diesem Projekt versorgen Ballone, die sich in der Stratosphäre befinden, Gebiete mit Internet per Mobilfunktechnologie LTE. Der Einsatz der Ballone ist global möglich und günstiger als der globale Ausbau mit Glasfaserleitungen. Hoffentlich sind in 10 Jahren zumindestens die Zugangsbarrieren zum Internet beseitigt.
    

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