Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Hallo, i bims: Der Verfall vong Sprache her

Wer regelmäßig auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder facebook unterwegs ist, wird wohl bereits mit „Hallo, i bims“-Posts konfrontiert worden sein. Die übertrieben falsch geschriebenen Worte sind mittlerweile fester Bestandteil des Internet-Sprachgebrauchs geworden. Wahrscheinlich einer von vielen Internet-Hypes, die genauso schnell wieder verschwunden sind, wie sie an Popularität gewonnen haben. Oder doch nicht? Haben die Medien eine so starke Macht auf uns, dass „i bims“ bald auch in die gesprochene Sprache aufgenommen wird?

Wäre das dann überhaupt noch Deutsch?

Seit jeher werden immer wieder Stimmen laut, die prophezeien, dass unsere Sprache dem Untergang geweiht ist. Vor allem bei jungen Leuten soll die Sprache immer stärker verfallen. Spätestens seit dem Aufkommen der viel diskutierten Jugendsprache werden die Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse der Jugendlichen, Ausdrucksschwächen und mangelndes Sprachgefühl oder Dialogunfähigkeit bemängelt.[1] Und das alles wegen der permanenten Beschäftigung mit dem Smartphone und den Sozialen Netzwerken.

Was wahrscheinlich niemand leugnen kann, ist, dass sich unsere Sätze beim Schreiben, zum Beispiel über Messenger-Dienste wie WhatsApp, stark verkürzen. Einfach, um schneller antworten zu können. Das ist nichts Neues. Schon seit die SMS aufkam, wurden möglichst viele Informationen auf kleinstem Raum gequetscht versendet. Und sind wir mal ehrlich, Akronyme wie LOL und HDL haben wir alle schon mal verwendet – wahrscheinlich nicht mal nur schriftlich.

Also beeinflussen uns die Medien doch …

Für den jugendlichen Sprachgebrauch stellen Medienkonsum und Medienwissen sogar eine wesentliche Ressource dar. So wird auf Medienerfahrung meist mit spielerischer, kritisch-ironisierender Weise Bezug genommen. Zitate aus Songtexten, Filmen oder (Werbe-)Sendungen werden kreativ in den eigenen Sprachgebrauch eingearbeitet.[2] Vielleicht ist es also gar kein Sprachverfall, sondern Manuel Neuer? Dass Medien Einfluss auf uns haben, ist also Fakt. Es kommt zu Veränderungen in unserer Sprache. Doch muss das etwas Schlechtes sein?

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Sprachwissenschaftler sprechen nicht von Sprachverfall, sondern zeigen auf, dass Sprachwandel nichts Ungewöhnliches ist. Es handelt sich dabei um einen schon immer stattgefundenen, natürlichen Vorgang. So lässt sich die deutsche Sprachgeschichte bis ins Indogermanische zurückverfolgen, in dem die meisten heutigen europäischen Sprachen ihren Ursprung haben.

Zur ersten deutlich erkennbaren Veränderung des Indogermanischen, dem sogenannten ersten Lautwandel, kam es zwischen 1.500 und 200 v. Chr. Aus ihm ging das Germanische hervor. Die zweite Lautverschiebung folgte von 500 bis 750 n. Chr. Und das sogenannte Althochdeutsch war geboren. Um das Ganze zu veranschaulichen, hier ein Beispiel: Das Wort „Himmel“ lautete im Althochdeutschen „himile“.[3] Dies wurde bis 1050 gesprochen und wandelte sich anschließend ins Mittelhochdeutsche. „himile“ wurde zu „himeln“.[4] Zwischen 1450 und 1650 wandelte sich die Sprache ins Frühneuhochdeutsche und machte aus „himeln“ „hymel“. Ab 1650 veränderte sich die Sprache schließlich in das, was wir heute Sprechen: Neuhochdeutsch.[5]

Während der jahrhundertelangen Entwicklung des Deutschen sind immer wieder Wörter weggefallen und dazugekommen. Dies ist die natürliche Folge der Abhängigkeit von Sprache und gesellschaftlichen Bedingungen. Was nicht mehr gebraucht wird, fällt weg.[6]

Ist bald also gar nichts mehr übrig?

Werden wir uns nur noch auf sehr reduzierte Weise ausdrücken können? Nein. Heutzutage ist es sogar so, dass die Menschen, auch durch die Medien, einen größeren Wortschatz denn je haben.[7]

Es ist ein internationales Phänomen, dass vor allem junge Menschen eine Sprache entwickeln, die sich von der der älteren Generationen unterscheiden. „Der Sprachstil wird zum Symbol sozialer Identität.“[8] In den meisten Fällen ist jedoch ein flexibler Wechsel zwischen verschiedenen Sprechweisen problemlos möglich.[9] Die meisten Linguisten vertreten die Meinung, dass dieses Bewusstsein bereits in der Schule gestärkt werden muss, denn „Sprache kann (…) nicht verfallen, wohl aber Fähigkeiten einzelner, mit der Sprache umzugehen.“[10] Wenn dem so ist, braucht man wohl keine große Angst vor Veränderungen wie dem „i bims“-Beispiel zu haben und kann diese weiterhin gefahrlos als Scherz verwenden.

 

Die Angst vor dem Verfall unserer Sprache ist übrigens keineswegs ein modernes Phänomen, denn „schon seit uralter Zeit sind die Menschen über den Sprachwandel und die damit zusammenhängende Sprachverschiedenheit beunruhigt gewesen.“[11] Sprachwandel wurde sogar als Folge der von Menschen begangenen Sünden angesehen (s. Babylonische Sprachverwirrung).[12]

Ist also „Hallo, i bims“ vielleicht nur eine Strafe für uns? Das Resultat aus dem sündigen Gebrauch moderner Medien? Wenn dem so ist, sollten wir vielleicht doch mal das Smartphone weglegen und uns lieber realen, gesprochenen Gesprächen zuwenden. Wer weiß, was für 1 Strafe sonst noch auf uns zukommt, vong Sprache her.

 

Quellen

  • http://www.linguist.de/Deutsch/gds1.htm.
  • Polenz, Peter von: Geschichte der deutschen Sprache. Berlin 2009.
  • Eichenhoff-Cyrus, Karin M., Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Thema Deutsch. Band 1. Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende. Sprachkultur oder Sprachverfall?Mannheim 2000.
  • Denkler, Markus, Günther, Susanne, u.a. (Hrsg.): Frischwärts und unkaputtbar.Sprachverfall oder Sprachwandel im Deutschen. Münster 2008.

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Hannah Röthlingshöfer und ich studiere Germanistik und Kunstgeschichte im 8. Semester an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Immer wieder kommt mir Unmut bezüglich der schlechten Ausdrucksweise von vor allen jüngeren Menschen, sowie deren extremer Gebrauch moderner Medien zu Ohren. Sei es von Erziehern, in den Nachrichten oder allgemein von (älteren) Menschen aus meinem persönlichen Umfeld. Ich wollte mich gern näher mit diesen beiden Themen beschäftigen, um zu erfahren, inwieweit Medien und (schlechte) Sprache voneinander abhängig sind.

 

[1] Duden: Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende, vgl. S. 107.

[2] Ebd., Vgl. S. 113.

[3] Vgl. https://simoneheinold.files.wordpress.com/2014/01/loes_sprachw1.pdf

[4] Ebd.

[5] Vgl. http://www.linguist.de/Deutsch/gds1.htm.

[6] Denkler, Markus, Günther, Susanna u.a. (Hrsg.): Frischwärts und unkaputtbar. Sprachverfall oder

Sprachwandel im Deutschen, vgl. S. 22.

[7] Ebd, vgl. S. 61.

[8] Die deutsche Sprache zur Jahrtausendwende, S. 115.

[9] Ebd., vgl. 113.

[10] Frischwärts und unkaputtbar. Sprachverfall oder Sprachwandel im Deutschen, S. 76.

[11] Polenz, Peter von: Geschichte der deutschen Sprache, S. XI f.

[12] Ebd.

5 Kommentare zu “Hallo, i bims: Der Verfall vong Sprache her

  1. Anna-Sophie Bersenkowitsch sagt:

    Ein wirklich interessanter und teils humorvoller Beitrag!
    Es ist beruhigend zu wissen, dass unsere Sprache nicht verfällt, sondern sogar vielseitiger denn je ist und daher denjenigen, die Synonymwörterbücher und Lexikas schreiben, die Arbeit so schnell wohl nicht ausgeht. So war auch der Aspekt mit dem ewigen „Wandel der Sprache“ ein Interessanter, denn wenn man selbst ein wenig darüber nachdenkt, es nur logisch erscheint. Immerhin spricht keiner mehr von uns, wie eine Person aus dem 16 Jahrhundert. Ich denke das Problem unserer Sprache liegt nicht dabei, inwieweit wir durch die Medien oder dessen angebotene Dienste beeinflusst werden, sondern wie wir lernen, mit solchen in unterschiedlichsten Bereichen umzugehen und sie schlussendlich anzuwenden. Und da dies wohl nicht zu genüge getan wird oder teils auf unfruchtbaren Boden fällt, gibt es viele Jugendliche, die „Hallo, i bims“ nicht nur humoristisch verwenden, sondern als ernsthaften Bestandteil des Sprachgebrauchs übernehmen.
    Aber man sollte es natürlich auch nicht all zu ernst nehmen oder sogar es als ein alleiniges Phänomen unserer heutigen Zeit sehen, wie du so schön anmerkst im Beitrag und besonders in deinem Schlusswort!

  2. Emre Yavuz sagt:

    Sehr interessanter, gut geschriebener Beitrag.
    Du führst richtig auf, dass der Wandel von Sprachen etwas relativ natürliches und ganz und gar nichts Neues in der Geschichte ist. Aus persönlicher Erfahrung finde ich den „Umgang“ mit jüngeren Leuten, die auch abseits von Messenger-Diensten solche Mode-Sprüche in ihr Sprachreportiure aufgenommen haben, in sprachlicher Hinsicht jedoch weitaus schwieriger als mit Leuten, die z.B. einen starken regionalen Dialekt verwenden – denn ein „I bims“-User kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auch normalen Gebrauch von der Sprache machen, will es aber nicht (Dialekte sind selten freiwillig). Aber wie schon frühere Modererscheinungen (z.B. „LOL“ im Gespräch zu sagen statt einfach ehrlich zu lachen) wird auch das vorbei gehen.
    Danke für den informativen Beitrag, vor allem der Schlussatz mahnt zur Nachdenklichkeit.

  3. Johanna Härtl sagt:

    Ein sehr lesenswerter und witziger Beitrag! Es ist schön zu hören, dass die deutsche Sprache doch nicht von einem Sprachverfall betroffen ist, da man sich darüber heutzutage schon ein bisschen Gedanken macht, wenn man Jugendliche „Halo, I bims“ durch die Straßen rufen hört. Auch ich persönlich wurde schon auf Facebook mit solchen Posts konfrontiert und fand sie natürlich ein bisschen lustig, ich würde diese Redewendungen aber nicht im Alltag gebrauchen. Deshalb bin ich der Meinung, dass diese „Sprache“ nur ein Hype ist und in ein paar Monaten vielleicht schon wieder vergessen sein wird.

  4. Johanna Riedle sagt:

    Ein interessanter und in gewisser Weise auch beruhigender Beitrag. Den „I bims“-Trend mitzumachen ohne einen geistigen Rückgang unserer Gesellschaft zu befürchten, ist also doch möglich. Eventuell macht dieses Spiel mit der Sprache auch darauf aufmerksam, wie sie korrekt angewendet werden kann. Schön, dass man diesem neuartigen Trend auch positiv gegenüber stehen kann und nicht nur von Horrorszenarien ausgehen muss.

  5. Paula Menzel sagt:

    Richtig toller Artikel!
    Es ist interessant zu sehen, wie solche Sprachphänomene aus germanistischer Sicht betrachtet werden. Auch der Abschnitt, indem erklärt wird wie Sprachwissenschaftler die neuen Sprachformen sehen und einschätzen, ist super interessant. Wir müssen uns also, so wie es aussieht, keine Sorgen machen, dass unsere Sprache verfällt, sondern nur lernen mit einem stetigen Wandel umgehen zu können.
    Vielen Dank für diesen informativen, aber auch lustigen Beitrag!
    Es hat sehr viel Spaß gemacht ihn zu lesen.

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