Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

„Gut, dass wir mal darüber geredet haben!“ Über das Studium der Soziologie und berufliche Chancen

„Soziologie ist das, was Leute, die sich Soziologen nennen, tun, wenn sie von sich sagen, daß sie Soziologie betreiben. Mehr nicht.“ (Dahrendorf, 1989)   

Dieses Zitat des Soziologen Ralf Dahrendorf beschreibt wohl sehr treffend, was die Allgemeinheit über die Soziologie denkt. Es scheint eine Wissenschaft, die für Fachfremde häufig nur schwer greifbar ist – so jedenfalls mein Eindruck als Studierende der Soziologie.

„Gut, dass wir mal darüber geredet haben! – sagte der eine Soziologe zum Anderen.“ ist einer der Sprüche, den ich häufig zu hören bekomme, wenn es darum geht, was ein Soziologe eigentlich macht. Dass die Soziologie interessante Thematiken behandelt, steht außer Frage: Das Zusammenleben in der Gesellschaft wird untersucht, Theorien werden aufgestellt, es wird diskutiert, die soziale Wirklichkeit wird mittels unterschiedlicher Methoden analysiert. Aber ob man mit den Erkenntnissen dieser „brotlosen Kunst“ eigentlich etwas anfangen kann, ist häufig nicht klar. Ist das Ergebnis des Soziologie-Betreibens tatsächlich nur die Erkenntnis? Oder kann theoretisches Wissen aus einem sozialwissenschaftlichen Studium, wie dem der Soziologie, in der Praxis Anwendung finden?

Durch Beschreiben, Deuten und Verstehen (Weber, 1976) erforscht die Soziologie soziale Prozesse sowie deren Ursachen und Wirkungen. Die Themen, mit der sich die Soziologie beschäftigt, reichen von Liebe, Partnerschaft und Familie, über Religion, Kultur, Kommunikation, sozialen Status und Erwerbsarbeit, bis hin zum urbanen Leben, dem Staat, Gesetzen und gesellschaftlichen Konflikten. Die Soziologie analysiert diese Phänomene, trifft dabei aber keine normativen Aussagen, gibt keine Handlungsanweisungen und erarbeitet keine Lösungsvorschläge.

Wissenschaft und Praxis stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Die Kunst besteht darin, einen Zusammenhang zwischen Forschung und gesellschaftlichen Prozessen zu erkennen. So können soziologische Erkenntnisse die Basis für Entscheidungen sein, indem sie beispielsweise einen Erklärungsansatz für bestimmte Entwicklungen geben. Aussagen darüber, welche sozialen Gruppen in welchem Kontext benachteiligt sind oder inwiefern das soziale Umfeld eine Rolle für die Arbeitszufriedenheit spielt, können Grundlage für die Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens sein. Die Reduktion sozialer Ungleichheit oder die Prävention gesundheitlicher Beeinträchtigungen aufgrund sozialer Gegebenheiten sind nur zwei Beispiele für praxisrelevante Fragestellungen.

So vielfältig wie die Themengebiete der Soziologie, so vielfältig daher auch die Berufsfelder, in denen sich Soziologen bewegen. Grundsätzlich kann ein Soziologe überall dort arbeiten, wo das menschliche Zusammenleben eine Rolle spielt – und wo ist das nicht der Fall?

Wer sich mit Literatur rund um das Studium der Soziologie auseinandersetzt, der wird schnell merken, dass der soziologische Beruf nicht existiert. Häufig sind Soziologen im universitären Kontext oder anderen Forschungseinrichtungen tätig. Daneben besteht auch die Möglichkeit, in der freien Wirtschaft oder privaten sowie staatlichen Organisationen Fuß zu fassen, beispielsweise in Personalabteilungen, in der Unternehmenskommunikation, der Öffentlichkeitsarbeit oder im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Auch in der Marktforschung, der Erwachsenenbildung oder der soziologischen Beratung im Rahmen einer selbstständigen Tätigkeit kann soziologisches Wissen Anwendung finden. Soziologen qualifizieren sich für die genannten Berufe insbesondere durch Kenntnisse in Statistik, methodische Kompetenzen und dem Wissen über gesellschaftliche Strukturen und Prozesse. Häufig sind Geistes- und Sozialwissenschaftler auch im Bereich des Journalismus beschäftigt.

Gerade aufgrund dieser großen Menge an potentiellen Berufsfeldern scheint es für angehende Soziologen besonders wichtig, sich frühzeitig mit den eigenen Fähigkeiten und Motivationen auseinanderzusetzen und auf dieser Grundlage zu entscheiden, in welche Richtung der berufliche Weg einmal führen soll. Daher ist es bereits während des Studiums sinnvoll, sich darüber bewusst zu sein, um beispielsweise die entsprechenden Vertiefungs- und Nebenfächer wählen zu können.

Voswinkel (2008) weist darauf hin, dass Arbeitgeber großen Wert auf die Authentizität von Bewerbern legen und nicht ausschließlich fachliche Qualifikationen und Kompetenzen die Entscheidungsgrundlage für eine Einstellung sind. Authentizität ist hier im Sinne der Übereinstimmung zwischen Auftreten der Person und ihren Fähigkeiten und Motivationen zu verstehen.

Diese Notwendigkeit der Selbstfindung und Selbstreflexion bei der Berufswahl kann zwar eine Herausforderung darstellen, gleichzeitig kann ein solch breites Anwendungsfeld aber auch als Chance gesehen werden, eigene Interessen zu vertiefen und individuelle Schwerpunkte zu setzen. Auch die Kombination mit anderen Disziplinen, in denen die Gesellschaft, ihre Struktur und zugrundeliegende Prozesse eine Rolle spielt ist denkbar. Beispielsweise ist eine Verknüpfung mit Politikwissenschaft, Betriebswirtschaft, Psychologie oder Pädagogik denkbar.

 

Wer gerne liest und sich mit Texten auseinandersetzt, wer Zusammenhänge herstellen und Widersprüche akzeptieren kann, wer gerne diskutiert und für unterschiedliche Perspektiven offen ist, dem wird das Studium der Soziologie viel geben. Auch berufliche Aussichten scheinen nicht aussichtslos – Selbstreflexion, die Bereitschaft zur stetigen Weiterbildung und Weiterentwicklung sowie eine intrinsische Motivation bilden meiner Meinung nach eine gute Grundlage für Absolventen der Soziologie, um eine passende Beschäftigung zu finden, in  der soziologische Erkenntnisse adäquat eingesetzt werden können.

Ein universitäres Studium der Soziologie ist keine praktische Berufsausbildung, deren Abschluss unmittelbar zum Ausüben eines bestimmten Berufs befähigt. Die Studierenden erhalten vielmehr die Möglichkeit, gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. Scherr (2013) versteht die Soziologie als ein „Denkangebot“, was auch meiner Auffassung entspricht. Das Studium gibt den angehenden Soziologen die passenden Werkzeuge an die Hand, um soziologische Fragestellungen zu beantworten – ob, wie und in welchem Kontext diese eingesetzt werden, ist Herausforderung und Chance zugleich und bleibt letztendlich sowieso jedem Einzelnen selbst überlassen. Aber gut, dass wir mal darüber geredet haben.

 

Zur Autorin:

Sarah-Lorena Dilger-Klett ist Studentin der Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Literaturquellen:

Blättel-Mink, B & Katz, I. (2004): Soziologie als Beruf? Eine Einleitung. In B. Blättel-Mink & I. Katz (Hrsg.): Soziologie als Beruf? Soziologische Beratung zwischen Wissenschaft und Praxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Dahrendorf, R. (1989): Einführung in die Soziologie. Soziale Welt, 40, 1/2, S. 2-10.

Voswinkel, S. (2008): Bewerbungsratgeber: Funktionale Authentizität und der Verkauf der Arbeitskraft. In P. Genkova (Hg.): Erfolg durch Schlüsselqualifikationen? „Heimliche Lehrpläne“ und Basiskompetenzen im Zeichen der Globalisierung (S. 87-101). Lengerich: Pabst.

Scherr A. (2013). Einleitung: Wozu Soziologie? Der Gebrauchswert soziologischen Denkens für die pädagogische Theorie und Praxis. In A. Scherr (Hg.): Soziologische Basics: Eine Einführung für pädagogische und soziale Berufe (2. Aufl., S. 13-24). Wiesbaden: Springer.

Weber, M. (1976). Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie (5. Auflg). Tübingen: Mohr Siebeck.

 

Internetquellen:

http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/ habermas_analytische_wissenschaftstheorie_1968.pdf (abgerufen am 15.07.2017)

http://www.studium.org/soziologie/ (abgerufen am 15.07.2017)

 

CC-BY-NC-ND

 

2 Kommentare zu “„Gut, dass wir mal darüber geredet haben!“ Über das Studium der Soziologie und berufliche Chancen

  1. Margarita Rausch sagt:

    Ein sehr lesenswerter Beitrag, der aufzeigt, dass in einem Studium der Soziologie sehr viele Möglichkeiten stecken. Als Soziologie-Studentin teile ich deinen Eindruck, dass vielen Menschen die Kenntnis über diesen Studiengang fehlt. Aber in deinem Beitrag kristallisiert du sehr gut heraus, dass es sowohl viele unterschiedliche Themenbereiche, als auch zahlreiche Berufschancen gibt.
    Auch ich denke, dass es sehr wichtig ist, über das Studium zu reden und aufzuklären, denn nur so kann man den negativen Eindrücken entgegenwirken.

  2. Julia Schneider sagt:

    Ein sehr schöner und anschaulicher Blogbeitrag, der deutlich macht, dass es im Soziologie-Studium, wie auch im Leben, nicht immer nur schwarz und weiß gibt. Natürlich gibt es Studiengänge, besonders in den Naturwissenschaften, welche nach dem Abschluss eine niedrigere Arbeitslosenquote aufweisen als die Soziologie, gleichzeitig offenbart die Soziologie aber auch ein großes Feld an unterschiedlichen Berufszweigen und Karrierechancen, man muss nur offen sein und sich auf verschiedene mögliche Berufsfelder einlassen.
    Ich denke, dass das Problem weniger darin liegt, dass die Soziologie zu wenige Berufschancen bietet, sondern eher darin, dass man durch die Soziologie in nahezu alle möglichen Felder der Sozialwissenschaft einsteigen kann, aber nie als Soziologe arbeiten wird. Ein Medizinstudent wird Arzt, ein Jurastudent Jurist, ein Soziologe kann Markt-und Meinungsforscher, Unternehmensberater oder Personalchef werden.
    Ich denke, dass das große Fragezeichen in den Köpfen der Außenstehenden nur in ein Ausrufezeichen verwandelt werden kann, wenn die Soziologen das tun, was sie wirklich gut können, reden! Über ihr Studium, die Chancen danach und die Gründe dafür.
    Danke, für diesen lesenswerten Beitrag!

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