Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Inszenierung im Zeitalter von Social Media – eine Aufklärung

Caro Daur, eine deutsche Bloggerin mit über 1 Million Followern auf Instagram, sitzt total entspannt und gut gelaunt vor einem Restaurant und hält dabei einen leckeren Kaffee in ihrer Hand. Auf dem Tisch vor ihr steht ihre Designerhandtasche und man erkennt eine personalisierte Karte, die ihr den Eintritt zu einer populären Designer Modenschau verschafft (https://www.instagram.com/p/BVhOpveBv5f/?taken-by=carodaur&hl=de).

„Ach, was ist das für ein tolles Leben“, denken sich einige Menschen beim Anblick eines solchen Instagram-Posts. Aber mal ganz ehrlich: Eigentlich wissen wir doch alle, dass dieses so natürlich wirkende Bild eine bloße Inszenierung ist. Denn so ziemlich die meisten Bilder bekannter Social Media-Plattformen wie Instagram entsprechen nicht dem wahren Leben. Sie versuchen durch die künstlerische In-Szene-Setzung ein Bild darzulegen, das in seiner Form einen hohen Aufwand benötigt, um in dem Rezipienten eine positive Stimmung auszulösen.

 

Aber was bedeutet der Begriff ‚Inszenierung’ eigentlich und wo kommt er her?

 Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte beschäftigt sich in dem Buch „Inszenierung von Authentizität“[1] ausführlich mit diesem Gebiet. Der Begriff der Inszenierung stammt aus dem Bereich des Theaters. Er wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ausgehend von dem französischen Begriff ‚mise en scène’, in die deutsche Sprache eingeführt.

Wirft man einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Begriffs Inszenierung, wird bewusst, dass dieser ursprünglich die Umsetzung des literarischen Werkes auf die Bühne bezeichnete. Zu dieser Zeit war es also nicht Aufgabe des Regisseurs, bezüglich anderer Felder wie Requisite, Licht oder der Schauspieler etwas Außergewöhnliches zu gestalten.

Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich eine neue Auffassung und Definition des Begriffs ‚Inszenierung’. Seit den Jahren 1920 und 1930 hat man das Augenmerk auf den schöpferischen Prozess und auf die künstlerische Tätigkeit des Regisseurs gelegt. Es geht seitdem um die Gesamtheit der Elemente im Theater und nicht mehr nur um das literarische Werk an sich. Die Arbeit des Regisseurs ist zu einer schöpferischen Tätigkeit geworden, bei der etwas entworfen und zur Erscheinung gebracht werden soll.

Zudem steht der Begriff Inszenierung für einen Baustein eines im Theaterbereich wichtigen Aspekts. Inszenierung ist ein Bestandteil der Theatralität im Theater. Hierbei greift die Inszenierung den Aspekt der Theatralität auf, der die schöpferische Hervorbringung darstellt. Wichtig ist also vor allem, dass der Inszenierung immer etwas vorausliegt, auf das sie Einfluss nehmen kann. Damit sind zum Beispiel Aspekte wie der Körper oder die Wahrnehmung gemeint. Im Fall des oben genannten Social Media Posts findet man diese Aspekte ebenfalls wieder. Inszeniert wird der Körper, genauer gesagt die Person Caro Daur. Sie ist die Hauptperson des Bildes, im Hinblick auf das Theater vergleichbar mit dem Schauspieler auf der Bühne. Als Aspekt der Wahrnehmung sind die Rezipienten zu betrachten bzw. die Abonnenten der Influencerin. Ihre Wahrnehmung wird durch das inszenierte Bild beeinflusst. Auch Requisiten wie die Designerhandtasche und der Kaffee liegen der Inszenierung zu Grunde und werden durch sie kreativ arrangiert.

Hierbei treffen wieder Theater- und Alltagswelt aufeinander. Denn „[…] [d]ie „Inszenierung“ [zielt] auf den Aspekt eines kreativen und transformierenden Umgangs des Menschen mit sich selbst und seiner Umwelt.“[2] Die Zeit, in der wir leben, wird nicht umsonst, laut Erika Fischer-Lichte, „[…] als eine Kultur der Inszenierung […]“[3] bezeichnet. In allen Bereichen, egal ob Architektur, Mode oder Politik, wie beispielsweise im Wahlkampf von Donald Trump, findet Inszenierung tagtäglich statt. Inszenierung ist und bleibt ein wichtiger Teil der Gesellschaft, früher wie auch heute.

 

Trotz seines Ursprungs im Bereich des Theaters lässt sich der Begriff ‚Inszenierung’ in unseren Alltag wie eben dargestellt stets adaptieren. In dem oben genannten Beispiel des Instagram-Posts wird ebenfalls durch die Gesamtheit der vorhandenen Elemente ein kreativer Prozess vollzogen. Caro Daur, die Designerhandtasche, verwendete Foto-Filter, der Kaffee, sowie die personalisierte Karte bilden die Elemente der Inszenierung. Diese Faktoren wurden gewollt so dargestellt und drapiert, um den gewünschten Eindruck eines entspannten Tages bei den Rezipienten zu erzielen. Es ist also nicht nur ein Aspekt, der den Follower ansprechen soll, sondern ein entworfenes Gesamtkonzept. Solche Bilder entstehen also meist aus einem durchdachten kreativen Prozess. Sie sind konstruiert und ihre abgebildeten Elemente gewollt auf eine gewisse Art arrangiert. Diesen Fakt sollten wir uns als Rezipienten immer vor Augen halten, bevor wir wieder einmal ins Schwärmen geraten.

 

Zur Autorin:

Mein Name ist Paula Menzel und ich studiere im 6. Semester Theater- und Medienwissenschaft / Soziologie an der FAU.

Quellen:

  • Fischer-Lichte, Erika: Theatralität und Inszenierung. In: Fischer-Lichte, Erika u. Pflug, Isabel (Hg.): Inszenierung von Authentizität. Theatralität 1, Tübingen u. Basel 2000.
  • https://www.instagram.com/p/BVhOpveBv5f/?taken-by=carodaur&hl=de

 

[1] Fischer-Lichte, Erika: Theatralität und Inszenierung. In: Fischer-Lichte, Erika u. Pflug, Isabel (Hg.): Inszenierung von Authentizität. Theatralität 1, Tübingen u. Basel 2000.

[2] Fischer-Lichte. 2000. S. 22.

[3] Fischer-Lichte. 2000. S. 22.

5 Kommentare zu “Inszenierung im Zeitalter von Social Media – eine Aufklärung

  1. Celine Koch sagt:

    Liebe Paula,

    Da hast du dir eine sehr spannende Thematik ausgesucht, die zudem super aktuell ist. Influencer influencen wortwörtlich immer mehr und die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung werden immer schwammiger.
    Ich finde den Vergleich zu Erika Fischer-Lichtes Inszenierungsbegriff sehr passend, da er das ganze nicht in ein negatives Licht rückt, wie es von vielen Medien gerne getan wird.
    Denn es ist wie es ist. Jeder von uns inszeniert sich in gewisser Weise. Alleine wenn du den perfekten Winkel für ein Bild suchst, auf dem du vielleicht besonders schlank aussiehst, ist dies eine verzerrte Form der Realität.
    Caro Daur sagte selbst einmal in einem Interview, das viele Leute denken würden, das sie den ganzen Tag nur Kaffee trinkt und hübsch aussieht. Und auch dies zeigt, das wir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben dieser Menschen sehen. Denn der hässliche oder auch langweilige Teil, wird oft nicht gezeigt, da er nicht in die perfekte Inszenierung passt.
    Also vielen Dank für deinen wunderbaren Beitrag, der nicht voreingenommen war und die Thematik gut dargestellt und erklärt hat.

    Liebe Grüße

    Celine

  2. Johanna Riedle sagt:

    Da ich selbst Instagram nutze und täglich mit Bildern von Caro Daur und anderen „Influencern“ konfrontiert werde, hat mich dieser Beitrag gleich angesprochen. Oft nimmt man den hohen Grad an Inszenierung, welcher hinter diesen Bilder steckt, nicht bewusst wahr. Genau darauf macht der Beitrag aufmerksam. Die Informationen über die geschichtliche Entwicklung des Begriffs der Inszenierung aus dem Bereich des Theaters und die damit verbundene Übertragung auf die Bilder von Instagram waren sehr spannend und bereichernd für mich. Ein toller Artikel über ein aktuelles Thema!

  3. Johanna Härtl sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel!
    Es ist spannend einmal die wissenschaftliche Seite zum Thema Inszenierung in Bezug auf Instagram kennenzulernen. Das Beispiel in der Einleitung kann ich sehr gut nachvollziehen, da man sich manchmal selber dabei ertappt, wie beeindruckt man dann doch von solchen Instagram-Posts ist. Wenn man natürlich näher darüber nachdenkt, wird einem bewusst wie unnatürlich und gestellt diese Bilder sind. Der Abschnitt der eine Verbindung zwischen dem ursprünglichen Begriff der Inszenierung und der Inszenierung der heutigen Zeit schafft war ebenfalls sehr lesenswert.

  4. Hannah Röthlingshöfer sagt:

    Der Artikel hat mir sehr gut gefallen. Vor allem das Beispiel in der Einleitung ist sehr ansprechend, da sich wohl jeder, der auf Instagram unterwegs ist, schon mal solche Gedanken zu einem besonders schönen Bild gemacht hat. Vor allem für jüngere Mädchen und Jungen, die die Gestelltheit der Fotos und die Arbeit, die dahinter steckt, nicht immer durchblicken und einem Ideal hinterherjagen, das gar nicht extistiert, wäre dieser Blog-Beitrag wohl lesenwert.
    Ich selbst wäre nicht darauf gekommen, Instagram-Posts mit der eigentlichen Bedeutung der Inszenierung in Verbindung zu bringen. Ich stimme Sarah-Lorena Dilger-Klett in ihrem Kommentar zu, dass man aus dieser Perspektive sagen kann, dass die hochgeladenen Fotos etwas künstlerisches und kreatives haben.

  5. Sarah-Lorena Dilger-Klett sagt:

    Ein sehr lesenswerter Beitrag, der meine (bislang höchst negative) Sicht auf Social Media Posts verändert hat. Täglich wird man damit konfrontiert und davon beeinflusst, was dahinter steckt wird jedoch selten thematisiert. Jeder Blick auf ein solches Foto hat für mich einen negativen Beigeschmack, weil ich immer im Hinterkopf habe, dass es sich nicht um einen zufälligen Schnappschuss handelt, sondern um ein gestelltes Foto. Den Begriff der Inszenierung von seinem Ursprung her zu betrachten, wird meine Wahrnehmung solcher Bilder zukünftig sicher beeinflussen – denn zum ersten Mal sehe ich in der Verzerrung der Realität nicht nur Negatives, sondern betrachte den Akt der Inszenierung in sozialen Medien auch als eine kleine, künstlerische Darstellung!

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