Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Das Organersatzteillager

Präimplanationsdiagnostik – Medizinisches Wunder oder ethische Grundsatzdebatte?

„Als ich klein war, fragte ich mich nicht, wie Babys gemacht wurden, sondern warum.“[1], wählt Jodi Picoult als einen den ersten Sätze ihres Hauptcharakters Anna Fitzgerald in ihrem Roman „Beim Leben meiner Schwester“, der sich vor allem mit einer ethischen Debatte beschäftigt. Den Rettungsgeschwistern.

Als Rettungsgeschwister bezeichnet man künstlich erzeugte Kinder, die genetisch identisch mit ihren kranken Geschwistern sind. Durch diesen genetischen Zwilling hat man den optimalen Spender bei Krankeiten, zu deren Behandlung genetisch optimale Spender benötigt werden. Überspitzt werden solche Kinder mitunter als „Organersatzteillager“ bezeichnet, welches dann in Picoults Roman in Form der 11-Jährigen Anna Fitzgerald dargestellt wird. Annas große Schwester Kate hat Krebs.

Weder die Eltern noch der Bruder Jesse kommen als Spender für das Mädchen in Frage und so beschließen die Eltern ein weiteres Kind zu bekommen, welches dieselben genetischen Merkmale haben soll wie die große Schwester. Denn nur durch die fortwährenden Spenden Annas gelingt es in dem Roman Kates Leben zu verlängern, aber durch eben diese muss Anna sich (unfreiwillig) vielen schwerwiegenden und schmerzhaften Operationen unterziehen.

„Aber daraufhin musste ich mir die Frage stellen, was wohl gewesen wäre, wenn Kate nicht diese Krankheit gehabt hätte. Sehr wahrscheinlich würde ich dann immer noch irgendwo herum schweben und darauf warten, eine Weile auf der Erde zu verbringen.“[2]

Dass dies nicht nur die illusionistische Vorstellung einer US-Amerikanischen Schriftstellerin ist, sieht man mittlerweile an immer mehr Beispielen. Im Beitrag werde ich auf die gesetzlichen Grundlagen in Deutschland wie auch auf ethische Bedenken eingehen.

Präimplantationsdiagnostik (kurz PDG oder PID), nennt man ein solches Vorgehen im Fachjargon. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem die Zellen eines Embryos genetisch untersucht werden, um Erbkrankheiten auszuschließen. Das Verfahren ermöglicht folglich, nur die guten und gesunden Embryonen in die Gebärmutter einzupflanzen. Es kann jedoch nicht nur dafür genutzt werden, um Erbkrankheiten zu verhindern, sondern auch, um die sogenannten Rettungsbabys zu erschaffen, und gerade deswegen sieht sich die PID oft auch mit ethischen Vorwürfen konfrontiert.

Seit dem 8. Dezember 2011 ist dieses Verfahren auch in Deutschland eingeschränkt erlaubt. In der dritten Lesung stimmten am 7. Juli damals 326 Abgeordnete für den Gesetzesentwurf und 260 dagegen. Das Gesetz sieht vor, dass in Ausnahmen die PID erlaubt werden kann, wenn ein ausreichendes Aufklärungsgespräch stattgefunden hat und eine gewählte Ethik-Kommission diesen Einzelfall positiv unterstützt. Dies greift jedoch nur bei Eltern, die Erbkrankheiten in sich tragen, oder aber bei denen ein erhöhtes Risiko einer Fehl- oder Totgeburt besteht.[3] Damit ist es also folglich in Deutschland gesetzlich nicht erlaubt, Rettungsbabys zu erschaffen.

Der deutsche Ethikrat hat sich mit dieser Thematik befasst und ist hierbei in einem Negativ-Votum auch auf die Erzeugung von Rettungsgeschwistern eingegangen. Allgemein kann man hierbei sagen, dass der Ethikrat eine PID grundsätzlich als unzulässig sieht, wenn mit ihr eine Auswahl getroffen werden soll, bei der die Absicht besteht, Spenden von Gewebe, Zellen oder Organen für einen kranken Menschen zu entnehmen.[4] Zudem wird von Mitgliedern des Ethik-Rates befürchtet, dass trotz der aktuellen gesetzlichen Einschränkung die Entwicklung weitergehen wird, da es schwierig werden kann, dies in Zukunft nur auf bestimmte Fallgruppen einzuschränken. Hierbei würde sich die Frage stellen, welche und inwiefern man Krankheiten als „schwere“ Erbkrankheiten definieren kann. Dadurch könnten sich andere Gruppen zum Beispiel diskriminiert fühlen und die Gesetze werden gelockert, bis hin zu legalem Erzeugen von Rettungsbabys.[5] So sieht man beispielsweise, dass nach der Zulassung der PID in England, Frankreich, Belgien und Schweden die PID auch für die Erzeugung von Hilfsgeschwistern genutzt wird. Ärzte in Frankreich beharren stetig darauf, dass dies eine gesetzliche Entwicklung ist, die das dortige Bio-Ethik-Gesetz nicht vorsieht und es damit verletzt. Momentan arbeitet die PID ja noch höchst selektiv, aber das könnte sich mit der Zeit ändern, befürchten die Kritiker.[6]

Natürlich fragt man sich vielleicht, was genau das Problematische an diesem Verfahren ist, schließlich werden damit ja nur gute Absichten verfolgt. Man kann schließlich niemandem verübeln, dass Eltern alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr krankes Kind zu retten. Lässt sich das nicht trotz der ethischen Bedenken rechtfertigen?

Die Problematik dieses Verfahrens wird im Votum gegen die PID wie folgt erklärt: Das Kind wird vor allem für einen medizinischen Zweck gezeugt und später für eben diesen instrumentalisiert. Überzogen formuliert also: Ein Kind als Medikament. Die Instrumentalisierung der Kinder erklären die Kritiker damit, dass ja die nicht genetisch kompatiblen Embryonen verworfen werden.[7] Hierbei wirft zum Beispiel auch die katholische Kirche auf, dass man vielen gesunden Embryonen das Recht auf Leben verweigert. Inwiefern dieser Zeugungsgrund das Kind dann innerhalb seiner Identität oder der Familienkonstellation beeinflusst, ist bis heute jedoch weitestgehend ungeklärt.[8]

Letztlich bleibt die Frage, ob es legitim ist Kinder aus einem solchen Grund zu erzeugen. Jedoch sollten wir dabei niemals die andere Seite der Medaille vergessen: das todkranke Kind, für welches dies die letzte Rettung sein könnte. Und würde nicht jeder von uns alles dafür tun, um diesem Kind zu helfen? Oder sollte es gewisse ethische Grenzen geben, die nicht überschritten werden dürfen?

 

 

Die Autorin des Beitrages, Celine Koch, studiert an der Friedrich-Alexander Universität zu Erlangen-Nürnberg Germanistik und Politikwissenschaft. Inspiriert wurde der Blogbeitrag von dem Buch „Beim Leben meiner Schwester“, welches dazu führte das ein breiteres Interesse an der ethischen Problematik entstand.

 

Literaturverzeichnis:

 

[1] Picoult, Jodi (2006): Beim Leben meiner Schwester, Piper Verlag GmbH, München, S. 11.

[2] Picoult, Jodi (2006): Beim Leben meiner Schwester, Piper Verlag GmbH, München, S.12.

[3] Vgl. BGB1 (2011): Gesetz zur Regelung der Präimplanationsdiagnostik, (Präimplanationsdiagnostikgesetz – PräimpG), S. 2228.

[4] Vgl.Deutscher Ethikrat (2011): Präimplanationsdiagnostik, Stellungnahme, Berlin, S.83.

[5] Vgl. Ebd. S 121.

[6]  Vgl. Ebd. S.122 ff.

[7] Vgl. Ebd. S. 124.

[8] Vgl. Ebd. S. 124.

 

2 Kommentare zu “Das Organersatzteillager

  1. Katrin Götz-Votteler sagt:

    Zu „Eingriffen in das menschliche Erbgut“ hat Prof. Dr. Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats und Inhaber der Lehrstuhls für Systematische Theologie II (Ethik) an der FAU, einen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung verfasst: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/reproduktionsmedizin-fundamentale-eingriffe-in-das-menschliche-ergbut-und-niemand-spricht-darueber-1.3644769

  2. Margarita Rausch sagt:

    Hallo Celine.
    Eine äußerst interessante, aber auch sehr komplexe Thematik, mit der du dich in deinem Blogbeitrag auseinandersetzt. Einerseits kann man die Absichten und Gründe für solch ein Verfahren nachvollziehen: Man möchte nur das Beste für das Kind und mögliche Krankheiten vermeiden. Andererseits sollte man sich doch auch mit den Bedürfnissen des spendenden Kindes auseinandersetzen. Doch ist das überhaupt möglich, wenn sich das Kind diesem Verfahren nicht zur Verfügung stellen möchte? Schließlich wird es zumindest zu einem erheblichen Teil dafür gezeugt.
    Es ist äußerst schwierig, sich eine klare Meinung über dieses Thema zu verschaffen. Man kann die Eltern natürlich verstehen, aber man sollte nicht die Bedürfnisse des spendenden Kindes außer Acht lassen. Folglich stellt sich generell die Frage, ob es wirklich lohnenswert ist, solch ein Verfahren in Erwägung zu ziehen.

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