Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Soziologie: Das Unfassbare

„Was für’n Ding?“ und „Du studierst Soziologie? Wir haben doch schon so viele Taxifahrer hier!“ sind zwei von zahlreichen Reaktionen auf die Antwort, welches Fach ich denn studieren würde. Dies erweckt nicht nur den Eindruck, dass eine gewisse Kenntnis über die Soziologie fehlt, sondern auch, dass zumeist keine positive Vorstellung darüber herrscht. Denn dieses Klischee des zukünftigen Taxifahrers scheint für viele Menschen den Inbegriff des Scheiterns zu verkörpern, wenn man Soziologie studiert. Natürlich ist es möglich, dass der berufliche Weg in diese Richtung führen kann. Aber ist das wirklich der einzige Weg, wovon viele Menschen auszugehen scheinen? Im Folgenden möchte ich deshalb zunächst erklären, was unter Soziologie zu verstehen ist. Außerdem möchte ich deutlich machen, dass es nicht nur diesen Weg für zukünftige Soziologen gibt, sondern viele unterschiedliche Wege ermöglicht werden.

Nun, was ist Soziologie denn überhaupt?

Eine sehr alte, aber dennoch bis heute gültige Definition des deutschen Soziologen Max Weber, ein Klassiker der Soziologie, definiert die Soziologie als „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will.“[1] Um zu verstehen, was diese Aussage genau bedeutet, erläutere ich die einzelnen Kernbegriffe etwas genauer. Wissenschaft versteht sich in diesem Hinblick als eine bestimmte Art und Weise zu denken und zu handeln. Dabei werden wahre Aussagen über die Welt hergestellt.[2] Das ursächliche Erklären versteht sich als eine kausale Erklärung, die bestimmten logischen Vorgaben folgen muss. Das deutende Verstehen richtet sich auf Bedeutungen oder den Sinn. Die Kernfragen des Verstehens sind nicht nur, ob Person A versteht, was Person B tut, sondern auch, ob Person B versteht, was Person A tut.[3] Das soziale Handeln lässt sich als ein Handeln definieren, welches „seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“[4] Nehmen wir zur Veranschaulichung das Beispiel eines Friseurs mit seinem Kunden. Der Friseur bezieht sich auf das Verhalten des Kunden, dessen Wunsch es ist, sich die Haare zu schneiden und deshalb zum Friseur kam. Folglich geht der Friseur dem Wunsch des Kunden nach und schneidet ihm die Haare. Somit versteht Person A, was Person B tut und umgekehrt.

Grundsätzlich wird nicht nur eine Perspektive vertreten, sondern viele unterschiedliche Ansichtsweisen. Georg Simmel, ein deutscher Sozialphilosoph, vertritt beispielsweise die Perspektive, dass es der Soziologie nicht um die Untersuchung von individuellen Einzelexistenzen, sondern um typische Aspekte von Einzelnen, die einen Rückschluss über Anteile des Allgemeinen im Individuellen geben, geht.[5] Émile Durkheim, ein französischer Soziologe, vertritt hingegen die Perspektive, dass es mehr als um das in-den-Blick-Nehmen von allen Individuen und deren Verhalten und den Rückschluss auf die Gesellschaft geht. Vielmehr spielen Erwartungsmuster, die aus der Geschichte sozialer Gruppen eingerichtet wurden und dem Einzelnen Orientierung geben, eine zentrale Rolle.[6]

Über die Nützlichkeit der Soziologie

Eine Tatsache kristallisiert sich heraus: Es ist trotz der Definitionen und Perspektiven schwierig, eine klare Aussage über die Nützlichkeit der wissenschaftlichen Tätigkeit von Soziologen zu treffen. Viele Soziologen sehen sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, was und wem die Erkenntnisse etwas bringen. Generell ermöglicht die Soziologie durch die vielfältigen Perspektiven eine Offenbarung von zahlreichen Ergebnissen. Durch die Offenlegung von Einsichten klärt die Soziologie auf. Des Weiteren ermöglicht sie dem Menschen, ihre Situation zu reflektieren, sie zu überdenken und anschließend unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten auszuarbeiten. Der Nutzen soziologischer Erkenntnis zeigt sich „vor allem in der vom alltäglichen Handlungsdruck entlasteten Reflexion über die bestehenden Verhältnisse.“[7] Dieses Reflexionswissen kann man mit soziologischer Aufklärung gleichsetzen. Das heißt, es werden Aspekte von Beziehungen aufgedeckt, was den Individuen und Gruppen in dieser Art und Weise vorher nicht klar war.[8] Dabei werden Ansätze zur Problemlösung anderen Wissenschaftsdisziplinen überlassen. Ziel ist dabei die mannigfaltige Betrachtung von Wechselwirkungen der untersuchten Beziehungen. Davon ausgehend kann soziologische Erkenntnis für einige von Interesse oder Desinteresse sein. Für einige geht es so weiter, wie bisher. Für andere ist die soziologische Reflexion der Anhaltspunkt für Veränderung.[9]

Wenn kein Taxifahrer, was dann?

Wo ein Taxifahrer so arbeitet und was er dabei macht, das sollte jedem klar sein. Aber wie sieht es bei angehenden Soziologen aus? Im zu Beginn erwähnten Zitat über einen weiteren Taxifahrer, der eigentlich nicht gebraucht wird, kristallisierten sich durch meine Nachfrage über diesen Eindruck zwei Meinungen heraus, die auf eine gewisse fehlende Kenntnis über die Möglichkeiten zurückgeführt werden könnten: Entweder du machst einen Job, für den du nicht studiert hast, oder du studierst in die Arbeitslosigkeit. Tatsächlich scheint sich die Verbindung zwischen einem Soziologiestudium und die bevorstehende Arbeitslosigkeit bei vielen Menschen verfestigt zu haben.[10] Jedoch bietet ein Studium der Soziologie eine große Vielfalt an Berufschancen und flexible Berufswege. Zunächst arbeiten Soziologinnen und Soziologen, die die Universitäten verlassen, nicht als Soziologinnen und Soziologen. Das heißt, es gibt kaum explizite Stellenangebote, die für die Soziologie als Beruf ausgeschrieben werden. Doch wo können Soziologen dann arbeiten? Viele Soziologen arbeiten an Universitäten und Hochschulen. Die Aufgabe ist hierbei, zu forschen und Soziologen auszubilden. Weiterhin arbeiten Soziologen in außeruniversitären Forschungs- und Beratungseinrichtungen. Seien es Gewerkschaften, die herausfinden möchten, warum sich die Zahl der Mitglieder verringert oder ein Wohlfahrtsverband, der herausfinden möchte, warum sich die Spendenmoral verändert, und deshalb einen Soziologen unter Vertrag nehmen können, um diese Dinge erforschen zu lassen. Weiterhin ist der außerschulische Bildungsbereich eine Berufsmöglichkeit für Soziologen, in der Bildungsangebote für Jugendliche, Erwachsene und Bildungsprogramme für die ältere Generation angeboten werden. Dabei können Wissensbereiche, wie zum Beispiel der Einzug der Datenverarbeitung, schnell vorangebracht werden. Soziologen, die im Rahmen ihrer Methodenausbildung früher als andere mit neuen Geräten umgehen mussten, konnten dieses Wissen im außerschulischen Bildungsbereich weitergeben.[11] Auch die kommerzielle Markt- und Meinungsforschung, Journalismus, Medien und Beratung und Strategieentwicklung bei großen Verbänden sind gute Möglichkeiten für den Berufseinstieg.[12]

Wie geht diese Geschichte aus?

Eines ist sicher: Die Frage, die ich zu Beginn in den Raum geworfen habe, ist klar zu beantworten: Es ist natürlich nicht der einzige Weg. Es kristallisiert sich deutlich heraus, wie flexibel und zahlreich die beruflichen Wege eines Soziologen aussehen können. Es ist eine Sache der Motivation, des Willens und des Interesses, wie die Zukunft verlaufen soll. Dessen Gestaltung liegt natürlich in der Hand des Einzelnen. Das is’n Ding, oder?

CC-BY-NC-ND

Zur Autorin:

Mein Name ist Margarita Rausch und ich studiere im 6. Semester Soziologie an der FAU.

Literaturquellen:

Dimbath, Oliver (2011): Einführung in die Soziologie. München: Wilhelm Fink Verlag.

Eßbach, Wolfgang (2013): Studium Soziologie. München: Wilhelm Fink Verlag.

Weber, Max (1976): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Fünfte revidierte Auflage. Johannes Winckelmann (Hrsg.). J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen Internetquellen:

https://www.tu-chemnitz.de/hsw/soziologie/Studium/berufschancen.php

[1] Weber, 1976, S. 1

[2] Vgl. Dimbath 2011, S. 23 f

[3] Vgl. Dimbath 2011, S. 36

[4] Weber, 1976, S. 1

[5] Vgl. Dimbath 2011, S. 37

[6] Vgl. Dimbath 2011, S. 38 f

[7] Dimbath, 2011, S. 45

[8] Vgl. Dimbath 2011, S. 44 f

[9] Vgl. Dimbath 2011, S. 45 f

[10] Vgl. Eßbach 2013, S.15

[11] Vgl. Eßbach 2013, S. 22 ff

[12] Vgl. https://www.tu-chemnitz.de/hsw/soziologie/Studium/berufschancen.php

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