Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Wie wird Migration öffentlich diskutiert?

Flucht und Migration sind, spätestens seit der enormen Zuwanderung 2015, in den letzten Jahren ein sehr kontrovers diskutiertes Phänomen unserer Gesellschaft. Vom Mauerbau als „Grenzschutz“, Obergrenzen und Schießbefehl über Solidarität und Willkommensgesellschaft kann man alles aus den Medien vernehmen. Auch an Theorien zu den Phänomenen fehlt es nicht; eine, die oft in der Öffentlichkeit zur Erklärung herangezogen wird, ist die der Push- und Pull-Modelle:

 „Folglich könnten sich die wirtschaftlichen Push-Faktoren aus der Zeit, als Deutschland der „kranke Mann Europas“ war, in Pull-Faktoren umkehren.“ (Müller: 2010: 2)

„Von „Push- und Pull-Faktoren“, spricht Ghani, kaum dass er das Wort ergriffen hat – und ist damit mitten in der Flüchtlingspolitik angekommen.“ (Böhmer et. al. 2015: o.A.)

Der Krieg in Syrien, die erschwerten Bedingungen für Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien haben sie in die Flucht getrieben. Die Push- waren sehr viel stärker als die Pull-Faktoren.“ (Popp 2016: o.A.)

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wieso eben dieses Modell der Push- und Pull-Faktoren verwendet wird, da es doch oft stark kritisiert wird, und es ist ebenso fraglich, ob es nicht einleuchtendere Theorien zur Beschreibung des Phänomens gibt.

Die Push- und Pull Modelle betrachten die Migration als zweckrationales Handeln einzelner Individuen (Bucher 2001: 25f.). Die hierbei entscheidenden Kriterien sind der persönliche Wohlstand, ebenso wie die Zufriedenheit mit dem eigenen Lebensraum, wobei neben verschiedenen Zweitkriterien, wie beispielsweise dem Preisniveau, das Gehalt und die Wohnsituation betrachtet werden (Haug 2000: 2f.).

Diese zugrundeliegenden Kriterien werden in Push- und Pull-Faktoren unterteilt. Die Push-Faktoren bezeichnen die Missstände im jeweiligen Heimatland und sind für die Auslösung der Wanderungen verantwortlich. Pull-Faktoren bezeichnen zusagende Bedingungen, die zur Einwanderung im jeweiligen Zielland als verantwortlich betrachtet werden.

Hier setzt die Kritik Bährs an. Er legt dar, dass allein die wirtschaftlichen Gründe für internationale Migration, also Wanderungen mit größerem räumlichen Bezug, nicht ausreichend sind. Auch stellt er fest, dass Migration über größere Distanzen nicht von relativ armen und arbeitslosen Menschen unternommen werden, sondern viel eher von hochqualifizierten Arbeitskräften (Bähr 2003: 6f.).

Es finden sich hierzu auch weitere Kritiker wie Genosko. Er beschreibt ähnlich wie Bähr, dass Hochqualifizierte eher zur Wanderung tendieren, als An- oder Ungelernte (Genosko 1995: 22).

Somit lässt sich festhalten, dass die neoklassischen Ansätze mit ihren ökonomischen Kriterien ein komplexes Phänomen nur derartig unzureichend beschreiben können, dass dieser Ansatz nur sehr grobe Erklärungen zum Thema Migration und Flucht liefern kann.

Nun stellt sich die Frage, welche die richtige theoretische Einordnung ist. Bezogen auf die existierende Flüchtlingskrise muss leider festgestellt werden, dass im deutschsprachigen Raum keine entsprechende Flüchtlingsforschung vorzufinden ist. Auch in angloamerikanischen Gebieten existiert erst seit 1982 das Refugee Studies Centre in Oxford, das entsprechende Forschungen tätigt. Doch auch hieraus sind nur marginale Forschungsansätze entstanden (Treibel 2011: 20). Abschließend muss festgehalten werden, dass keine adäquatere Theorie als die der Push- und Pull-Faktoren zu unfreiwilliger Migration existiert. Dies sollte allerdings nicht dahingehend ausgenutzt werden, dass sich in der medial aufbereiteten Berichterstattung oder im Rahmen politischer Reden einfach irgendeiner Theorie bedient wird, die scheinbar eine Erklärung liefert, sondern sollte vielmehr ein Aufruf sein, die Forschung im Bereich der unfreiwilligen Migration zu intensivieren und fokussieren. Denn die Medien in unserem Land tragen Verantwortung und prägen aktiv das Bild des Flüchtlings in Deutschland mit.

So wird der Mensch, der unter der Bezeichnung Flüchtling lebt, zu etwas unvorstellbar Unkontrolliertem, was im medialen Diskurs entsprechend befeuert wird, was wiederum den beschriebenen Identitätsverlust zur Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit verkommen lässt. Eben jene Entwicklung der unzureichenden Theoretischen Grundlage, zur einseitigen Berichterstattung und dem daraus resultierenden Bild, welches die Gesellschaft von Flüchtlingen hat, kann zu der Bildung von Stereotypen und Fremdenfeindlichkeiten führen (Tosic, Kroner, Binder 2009: 116).

Vorangegangenes zeigt, dass es dringlich notwendig ist, die Forschung im Bereich von Flucht bzw. unfreiwilliger Migration zu verstärken, damit die mediale Diskussion diese auch aufgreifen kann. Dies bedarf nicht nur die Tätigkeit der Forscher selbst, sondern auch den politischen Willen der einzelnen Staaten.

CC-BY-NC-ND

 

Zum Autor:

Mein Name ist Hannes und ich studiere im 6. Semester Geographie und Soziologie an der FAU.

 

Internetquellen:

Böhmer, Daniel-Dylan et. al. (2015): Afghanistans Präsident macht Deutschland schlecht. URL: https://www.welt.de/politik/deutschland/article149549510/Afghanistans-Praesident-macht-Deutschland-schlecht.html

Müller, Henrik (2010): Die schleichende demografische Krise. Begrüßungsgeld für Einwanderer. URL: http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/a-714095-2.html

Popp, Maximilian (2016): Zäune sind im 21. Jahrhundert keine Lösung. URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/david-miliband-britischer-ex-aussenminister-verteidigt-merkels-asylpolitik-a-1112629.html (11.07.2017).

 

Quellen:

Bähr, J. (2003): Binnenwanderung. Konzepte, Typen, Erklärungsansätze. In: Geographische Rundschau 6/2003.

Bucher, H. (2001): Die räumliche Inzidenz internationaler Wanderungen. Regionale Auswirkungen eines Bevölkerungsrückgangs bei fiktiv ausgeglichener Außenwanderungsbilanz. In: ARL (Hrsg.): Internationale Wanderungen und räumliche Integration. Hannover.

Genosko, J. (1995): Interregionale Migration zwischen Ost- und Westdeutschland: Eine ökonomische Analyse. In: Erfurter geographische Studien. Bd. 3

Haug, S. (2000): Klassische und neuere Theorien der Migration. Arbeitspapiere-Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Nr. 30

Tošic, J., Kroner, G., Binder, S. (2009): Anthropologische Flüchtlingsforschung, In: Anthropologie der Migration. Theoretische Grundlagen und interdisziplinäre Aspekte. Facultas. Wien

Treibel, A. (2011): Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Beltz Juventa. München

 

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