Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Die Flucht des Grauens

„Have you never wanted to do anything that was dangerous? Where should we be if no one tried to find out what lies beyond?“ Dieses Zitat äußert Dr. Frankenstein, der das bekannte Monster aus fragwürdigen Objekten zum Leben erweckt.[1] Dr. Frankenstein ist ein Wissenschaftler, der unbeirrt an seiner Vision arbeitet einem toten Wesen Leben einzuhauchen. Er ist ein Visionär, dessen Wunsch von den Menschen jedoch als etwas Schreckliches empfunden wird. Auch Kuno aus Die Maschine steht still arbeitet unbeirrt auf sein Ziel hin an die Oberfläche der Welt zu gelangen, und auch dies ist für seine Mitmenschen unbegreiflich. Die Geschichte Die Maschine steht still spielt in der Zukunft. Die Menschen leben unter der Erde und werden von einer Maschine versorgt, die zum Ende der Erzählung zu Grunde geht und mit ihr auch die Menschheit. Sie haben nur noch durch die Maschine miteinander Kontakt und leben in wabenförmigen Zellen, die sie nie oder selten verlassen. Kuno denkt anders als die Menschen in seinem Leben, genau wie Viktor Frankenstein es tut. Frankenstein ist einer der bekanntesten Horrorromane und die Verfilmungen gehören zu den erfolgreichsten Horrorfilmen, und er scheint mir mit Die Maschine steht still vergleichbar zu sein. Zunächst macht Die Maschine steht still den Eindruck in das Genre der Dystopie einzuordnen zu sein, doch lassen sich auch Horror-Elemente, wie in Frankenstein in Forsters Roman feststellen? Hierbei lohnt sich ein Blick auf die Flucht Kunos aus der Maschinen-Gesellschaft an die Erdoberfläche.

 

Angst steckt in jedem von uns

Stell dir vor, du läufst durch eine dunkle Gasse. Du bist alleine und kannst kaum erkennen, wo  du hintrittst. Es ist absolut still, und das einzige Geräusch sind deine Schritte auf dem harten Boden der verlassenen Straße. Dieses Szenario ruft wahrscheinlich eine Gefühl von Angst in dir hervor. Eine Emotion, die sich in jeder guten Horrorgeschichte finden lässt.

Die oben genannten Elemente lassen sich unter dem Punkt Privation zusammenfassen: Dunkelheit, Einsamkeit und Stille.[2] Alle drei sind ständige Begleiter auf Kunos Weg an die Oberfläche.

 

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Du bist alleine, es ist dunkel und alles ist still.

Kunos Flucht beginnt in der Dunkelheit. Es ist der Hinweis, dass er den Weg aus der beleuchteten Zivilisation gefunden hat. „Ich stieg hinein in die Dunkelheit -, und die Geister der Toten ermutigten mich.“[3] Er sucht seinen Weg an die Oberfläche blind und alleine. Damit wären schon zwei Elemente aus unserem Horrorszenario gegeben, nämlich die Dunkelheit und die Einsamkeit. Kuno schildert in seiner Erinnerung an die Flucht immer wieder die Geister der verstorbenen Zivilisation, die noch an der Oberfläche gewohnt hat. Sie leiten ihn und geben ihm Kraft. Das tun sie auch, weil sie das dritte Element, nämlich die Stille, unterbrechen. „[…] und dann kam die Dunkelheit und – schlimmer noch – eine Stille, die in mich drang wie ein Schwert.“[4], so beschreibt Kuno die drückende Stille, die an der Oberfläche herrscht. Die Schilderungen Kunos lösen Unbehagen beim Leser aus, der mit diesen Elementen aus der Horrorliteratur vertraut ist. Für Kuno wirken diese Elemente der Privation jedoch nicht gefährlich, sie geben ihm Hoffnung. Denn Dunkelheit, Einsamkeit und Stille sind nicht Teil seiner Gesellschaft.[5] Kunos Wunsch an die Oberfläche zu gehen geht auch mit einem Wunsch nach Emotionen einher. Die Menschen in Die Maschine steht still sind emotional abgestumpft und haben die Eigenschaften, die wir als typisch menschlich bezeichnen würden, verloren. Sie fühlen keine Liebe, sie sind nicht kreativ und sie grenzen sich kaum voneinander ab. Die Menschen treffen wenig eigene Entscheidungen und werden ihr ganzes Leben von der Maschine versorgt. Dementsprechend fühlen sie auch so gut wie nie Angst. Deshalb sind jegliche Arten von Emotionen, auch die von uns als negativ angesehenen, automatisch ein Mehrwert für Kuno. Auch die Geister, die Kuno sich vorstellt, um sich selbst Trost zu spenden, gehören zunächst in eine Horrorgeschichte.[6] Ob diese nun typische schaurige Geister einer Gruselgeschichte sind oder nur Stimmen in Kunos Kopf sind, die ihm Trost spenden, bleibt unklar. Doch die Nennung von Geistern lösen Schauer in dem Leser aus.

Es sind demnach einige Horrorelemente zu erkennen, die bei Kuno jedoch in etwas Tröstendes umgewandelt werden. Starke Emotionen sind menschlich und somit positiv.

 

Die Bilder des Horrors

„Die Sonne war beinah vom Himmel verschwunden, viel sehen konnte ich also nicht. Du hast gerade erst das Dach der Welt überquert und wirst sicher nichts von den Hügeln hören wollen, die ich   gesehen habe – so niedrig und farblos, wie sie gewesen sind. Auf mich aber haben sie lebendig gewirkt, die Grasnarbe, die sie bedeckte, war wie eine Haut, unter der sich Muskeln wölbten, und ich konnte spüren, dass ihre Anziehungskraft auf die Menschen einst unermesslich gewesen sein muss und dass die Menschen sie geliebt hatten. Die Hügel schlafen jetzt – vielleicht für immer.“[7]

Diese bildhafte Beschreibung ist charakteristisch für Kuno, der in einer Welt lebt, in der es keine direkten Erlebnisse mehr gibt. „[…][D]ie emphatischen, kräftig kontrastierenden Naturbeschreibungen […]“[8], sind sehr ausgeprägt in Horrorromanen. Lebhafte, oft schon poetische Umgebungsbeschreibungen und ausgeprägte Gefühlsbeschreibungen sind schon fast verpflichtend für eine gute Horrorgeschichte. Man kann die Leser damit in eine Welt aus Grauen hineinziehen und ihre Vorstellungskraft wecken, indem die Emotionen der Figur und des Lesers ineinander übergehen.

 

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Am Ende geht es schlecht aus

Zum Schluss soll noch die Fluchtszene Kunos vor dem Korrekturapparat betrachtet werden. Dieser Apparat ist Teil der Maschine und seine Aufgabe ist es Probleme zu lösen und defekte Teile der Maschine zu reparieren. Kuno wird von ihr in die Gesellschaft zurückgebracht, da seine Reise an die Erdoberfläche nicht von der Maschine vorgesehen war. Sätze wie „Ich […] horchte hinein und glaubte, in der Tiefe ein leises Kratzen zu hören.“, „[…] jetzt wusste ich, dass etwas Böses am Werk war […].“ und „Ein Wurm, ein langer weißer Wurm kam aus dem Schacht gekrochen und glitt über das mondhelle Gras“[9], könnten auch direkt einem Horrorroman des 19. Jahrhundert entsprungen sein. Die Flucht wird als schrecklich beschrieben und die Tatsache, dass sich der Korrekturapparat Kuno in Gestalt von Würmern zeigt, ist ungewöhnlich für die sonst so nüchterne Beschreibung der Maschine. Die Leser können sich dadurch mit dem Gefühl des Ekels vor dem Wurm und der gefühlten Angst während der Flucht gut identifizieren. Insgesamt endet Kunos Versuch, die Oberfläche der Welt zu besuchen, schlecht. Er wird von dem Korrekturapparat in die Welt der Maschine zurück verschleppt, und das nicht ohne den einen oder anderen Tropfen Blut zu vergießen.

 

Der Horrorroman in der Dystopie

Der Horrorroman wird durch die Erzählung Kunos lebendig. Jedoch haben die gezeigten Elemente nicht nur den Effekt Horror beim Leser hervorzubringen, sondern den Kontrast zu der Gesellschaft, die in der Maschine lebt, zu zeigen. Der Schauerroman  hatte im 19. Jahrhundert einen großen Anteil an der Literatur und seine charakteristischen Stilmittel waren für viele Autoren, und sicher auch Forster, prägend.[10] Die Flucht Kunos ist somit eine Gruselgeschichte innerhalb einer Dystopie.

Es lassen sich also viele Elemente des Horrors in Die Maschine steht still erkennen, doch bestimmt gibt es noch weitere Elemente des Gruselns oder Elemente aus anderen literarischen Gattungen, die hier nicht angesprochen wurden und die noch weiter diskutiert werden können.

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Annika Schmidt und ich studiere an der FAU Theater- und Medienwissenschaften und Philosophie. Ich habe ein Seminar besucht, indem wir uns mit Die Maschine steht still beschäftigt haben. Privat habe ich ein großes Interesse an Literatur und auch stark an den Schauerromanen des 19. Jahrhunderts, die bis heute viele Werke geprägt haben. Ich finde die Untersuchung der Sprache, die Autoren benutzen, um Emotionen zu beschreiben sehr interessant. Deshalb habe ich mich entschieden eine literarische Untersuchung der Geschichte zu betreiben.

 

Literaturverzeichnis:

Forster, E.M: Die Maschine steht still, Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2016 (Orginaltext wurde 1909 im The Oxford and Cambridge Review veröffentlicht)

Seeber, Hans Ulrich: Wandlung der Form in der literarischen Utopie, Studien zur Entfaltung      des utopischen Romans in England, Göppingen: Verlag Alfred Kümmerle, 1970

Trautwein, Wolfgang: Erlesene Angst, Schauerliteratur im 18. und 19. Jahrhundert, München: Carl Hansen Verlag, 1980

Weber, Ingeborg: Der englische Schauerroman, München: Artemis Verlag, 1983

 

 

[1]Zitat wird geäußert in: Frankenstein 1931, Regie: James Whale

[2]Vgl. Trautwein 1980, S. 30

[3]Forster 2011, S. 40

[4]Forster 2011, S. 42

[5]Einsamkeit ist theoretisch ein Teil der Gesellschaft, da die Menschen alleine in ihren Räumen wohnen. Doch sie sind durch ihre „Computer“ ständig erreichbar und miteinander verbunden.

[6]Vgl. Weber 1983, S. 5

[7]Forster 2011, S. 48

[8]Seeber 1970, S. 187

[9]Forster 2011, S. 51f.

[10]https://de.wikipedia.org/wiki/Schauerliteratur [15.01.2018]

3 Kommentare zu “Die Flucht des Grauens

  1. Kristina Gössler sagt:

    Hallo Annika,

    auch ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, „die Maschine steht still“ im Sinne eines Schauerromans zu interpretieren. Wenn ich allerdings genauer darüber nachdenke, komme ich zu dem Ergebnis, dass sich Dystopien und Horrorromane wohl einige Charakteristika miteinander teilen. Die von Dir beschriebenen Eigenschaften wie beispielsweise die ausgeprägten Umgebungsbeschreibungen oder Dunkelheit und Einsamkeit kenne ich aus einer meiner Lieblingsbuchreihen: „Metro 2033“. Dies ist eine Reihe von dystopischer Romanen, die ebenso in der Zukunft und im Untergrund spielen. Auch hier haben Dunkelheit, Einsamkeit und umfassende Beschreibungen eine tragende Rolle. Ich bin der Überzeugung, dass Dystopien diese Elemente aus Horrorromanen benötigen, um nicht zur Utopie zu werden. Die Übel, das Kalte und die Bedrücktheit einer dystopischen Vision müssen irgendwie ausgedrückt werden, um dieses beklemmende Gefühl zu erregen, dass einen über derartige Szenarien nachdenken lässt. Wären diese Emotionen und Beschreibungen in einer Dystopie nicht zu finden, würde es der Geschichte komplett ihren dystopischen Charakter nehmen. Daher glaube ich, dass Dystopien und Horrorelemente untrennbar miteinander verknüpft sind. Das erklärt auch, warum Forster diese schauerlichen Beschreibungen in „Die Maschine steht still“ eingebaut hat.

    Kristina

  2. Helke sagt:

    Liebe Annika,

    toller Beitrag, wie Alena bereits gesagt hat, ist es vielleicht nicht die naheliegendste, aber durchaus eine sehr interessante lesart des Romans.
    Spannend finde ich in Hinblick darauf auch, dass sich die Sichtweise für die Menschen in der Maschine im Vergleich zu und komplett umgedreht hat: wir konnotieren „unterirdisch“ mit dunkel, kalt, ungemütlich, sehen darin einen Ort, an dem wir nicht leben können, und die Vorstellung, komplett abgeschieden unter der Erdoberfläche zu leben, abhängig von einer Maschine, empfinden wir eher als beängstigend. Die Menschen in der Maschine hingegen sehen die Erdoberfläche nicht nur als langweilig, sondern die Vorstellung, dort in Freiheit zu leben, löst bei den Menschen in der Maschine geradezu Angst aus. Der Horror-Aspekt in diesem Buch, den du beschreibst, beruht ja auf der Angst vor der Welt oben.

  3. Alena sagt:

    Liebe Annika,

    ich finde deinen Beitrag sehr interessant und zudem gut geschrieben! 🙂 Tatsächlich wäre ich nie darauf gekommen, „Die Maschine steht still“ unter den von dir so anschaulich geschilderten Aspekten eines Horror- oder Schauerromans zu lesen. Ich finde es spannend, dass diese Thematik im Buch aufgegriffen wird- ob nun vom Autor beabsichtigt oder nicht. Jeder hat wohl schon einmal Angst verspürt in der von dir beschriebenen Situation oder einer ähnlichen, allein in der Dunkelheit. Tatsächlich wirkt Kunos Weg an die Oberfläche sehr beklemmend und beängstigend, wenn man sich einmal bewusst macht, dass er diesen in Finsternis und allein beschreitet, immer mit dem Wissen, er könne vom Kontrollapparat geschnappt und bestraft werden.
    Alles in allem finde ich schon allein die Vorstellung so zu leben wie die Menschen im Buch – abgekapselt, jeder für sich, ohne Bewegung und wirklichen Sinn – ziemlich horrormäßig! Deine Ausarbeitung zeigt zudem tatsächliche Aspekte des Horrorromans auf – vielleicht wollte Forster seine Zeitgenossen ja nicht nur einen Ausblick auf die Zukunft geben, sondern sie auch ein klein wenig erschaudern lassen. 🙂

    Alena

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